Eine mündliche Zusage, die Stottertherapie an der LVR-Klinik Bonn retten zu wollen, gibt es. Doch ein Therapeut hat bereits gekündigt – und der entscheidende Bescheid lässt seit Monaten auf sich warten.
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Bonner LVR-Klinik gibt die Neurologie ab. Die Stottertherapie und die Kinderneurologie sollen eigentlich gerettet werden.
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Thilo Müller wollte nicht mehr warten. Ende Februar zog der Sprachtherapeut seine Konsequenzen und kündigte. Dreizehn Jahre hatte er an der Bonner Stottertherapie der LVR-Klinik gearbeitet, einem der wenigen Angebote in Deutschland, das schwer vom Stottern betroffene Jugendliche und Erwachsene stationär und über längere Zeiträume behandeln kann. Familien reisen dafür aus dem ganzen Bundesgebiet nach Bonn – Jugendliche, die keinen Hauptsatz artikulieren können, die anderswo bereits abgewiesen wurden. Doch für Müller war die Ungewissheit zuletzt nicht mehr tragbar. „Von Seiten unseres Trägers steht der Schließungstermin zum 31. März unverändert", sagt er im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Wir haben offiziell keine anderen Informationen erhalten." Als parallel ein Stellenangebot für seine Frau aus München eintraf, fiel die Entscheidung. Die Familie zieht in den Süden. „Wirtschaftlich war das hier einfach zu unsicher."
Damit ist eingetreten, was sowohl der Träger LVR als auch das Gesundheitsministerium NRW unbedingt verhindern wollten: Die Stottertherapie löst sich von innen auf – nicht durch einen formellen Beschluss, sondern durch schlichtes Zögern des Systems. Das Team zählt ab Ende des Monats nun nur noch vier Therapeuten, einer davon in Elternzeit.
Bürokratie und Zuständigkeitsgerangel
Die Geschichte der Bonner Stottertherapie ist auch eine Geschichte darüber, wie Bürokratie und Zuständigkeitsgerangel ein gewachsenes Versorgungsangebot zerreiben können. Auslöser war der Krankenhausplan NRW: Neurologische Leistungen sollen künftig in somatischen Akuthäusern erbracht werden, nicht in psychiatrischen Kliniken wie der LVR-Klinik Bonn. Der LVR gab den neurologischen Versorgungsauftrag 2024 freiwillig ab – wollte Stottertherapie und Kinderneurologie aber behalten. Dieses entscheidende Detail verschwand offenbar im bürokratischen Rauschen.
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Nun liegt immerhin eine mündliche Zusage vor, das Angebot zu erhalten – doch der schriftliche Zuwendungsbescheid, der Rechtssicherheit schaffen würde, fehlt. Solange er bei der LVR nicht ankommt, gilt offiziell das Aus zum 31. März. Ein klinikübergreifender Einstellungsstopp macht die Nachbesetzung von Müllers Stelle überdies unmöglich, so befürchtet der Therapeut selbst.
Inoffiziell hatten die Mitarbeiter durchaus Signale erhalten: Eine mündliche Zusage des Ministeriums, die Therapieangebote auch nach April weiterzuführen. Doch mündlich ist zumindest aus finanzieller Sicht wenig wert. „Alles lief unter Vorbehalt", sagt Müller. „Unsere kaufmännische Abteilung hat uns darauf hingewiesen, dass es bislang keine Rechtssicherheit gibt. Damit war für uns nicht klar, wie das Angebot ab April finanziert werden soll.“ Eine Kündigung habe er zwar nicht befürchtet, wohl aber eine Versetzung – in einer Psychiatrie, wie sie am Bonner Standort erhalten bleibt, ist für einen Sprachtherapeuten schlicht kein Platz. „Ich war hier wirtschaftlich sehr gut aufgestellt. Dass mir eine vergleichbare Stelle am Standort Bonn angeboten worden wäre, erschien mir sehr unsicher.“
Neubesetzung sei möglich „sobald Klarheit“ herrsche
Müllers Weggang trifft das verbliebene Team empfindlich. „Wir brauchen dringend neue Kräfte", sagt er – und die Einarbeitung einer Nachfolge gerade für dieses extrem spezialisierte Angebot für schwere Fälle braucht Zeit, die die Stottertherapie gerade nicht hat. Die LVR-Klinik versucht gleichwohl zu beruhigen: Normale Abwesenheiten führten nicht zu Leistungseinschränkungen, man habe intern auch für den April weiter geplant, um Patienten nicht absagen zu müssen. Und die Nachbesetzung? Werde möglich, „sobald Klarheit über die Leistungserbringung da ist“.
Doch genau dort liegt der Knackpunkt. Denn der Zuwendungsbescheid, der den wirtschaftlichen Fortbestand der Stottertherapie auch nach dem Weggang der Neurologischen Abteilung verbindlich zusichern würde, ist beim Ministerium weiterhin „in Arbeit" – seit Ende Januar. „Wir benötigen einen Feststellungsbescheid, der eine klare und rechtssichere Abrechnungsmöglichkeit vorsieht, die auch von den Kostenträgern nicht infrage gestellt werden kann“, heißt es vonseiten der Klinik.
Bei der Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe betont man auf Anfrage, die Qualität des Angebots. „Viele Teilnehmende berichten von nachhaltigen Entwicklungsschritten, gestärktem Selbstbewusstsein und deutlich verbesserter gesellschaftlicher Teilhabe“, sagt Vorstand Norbert Bender im Gespräch mit dieser Zeitung. Angesichts der knapper werdenden Zeit, appelliert er an die Verantwortlichen, „endlich die getroffene grundsätzliche Entscheidung umzusetzen und finanziell zu unterlegen, damit das Angebot bestehen bleibt“.
Das Ministerium macht auf Anfrage deutlich, dass es sich im Bonner Fall schon um ein verkürztes Verfahren handle und man sich nicht hetzen lasse: „Der Versand der Feststellungsbescheide mit den neuen Versorgungsaufträgen wird noch etwas Zeit in Anspruch nehmen.“ Man feile noch „an der konkreten inhaltlichen Ausgestaltung, insbesondere auch zur Fortführung der Stottertherapie und des Kinderneurologischen Zentrums als sogenannte Besondere Angebote an der LVR-Klinik Bonn“. Die Erteilung der Feststellungsbescheide durch die Bezirksregierung soll noch im März erfolgen - also möglicherweise nur wenige Tage vor der vom Träger angekündigten Schließung.
Dabei hätte das Angebot nie in diese Zwangslage geraten dürfen. Die Stottertherapie ist keine neurologische Behandlung – sie fiel schlicht durchs Raster, als der LVR seinen neurologischen Versorgungsauftrag abgab. Was als geordneter Strukturwandel geplant war, bedrohte plötzlich ein über Jahrzehnte aufgebautes, bundesweit nachgefragtes Angebot. Für viele Familien wäre die Schließung ein schwerer Schlag. Für Bonn wäre es ein Verlust, der sich kaum ersetzen ließe.

