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Lindweiler HofGeschichte des Anwesens in Köln-Bickendorf spricht für gemäßigten Schulneubau

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Blick auf ein großes Grundstück, auf dem Gebäude abgerissen wurden.

Die Arbeiten auf dem Grundstück des Lindweiler Hofs an der Rochusstraße haben begonnen.

Gegen den Bau einer fünfgeschossigen Schule auf dem Lindweiler Hof protestieren Anwohner seit Monaten. Auch die Geschichte des Grundstücks wirft Fragen auf. 

Geringfügige Änderungen: ja, vielleicht - aber ganz sicher keine grundsätzlichen Umplanungen. So ließe sich, in knappen Worten, das Ergebnis einer Sondersitzung der Ehrenfelder Bezirksvertretung zum umstrittenen Schulbauprojekt auf dem Gelände des Lindweiler Hofs zusammenfassen. Große Teile der Bickendorfer Bevölkerung aber fürchten weiterhin, dass die Größe des Neubaus den Charakter des Veedels für immer verändern und Verkehrsprobleme mit sich bringen könnte. Doch von der geforderten Reduzierung der Schülerzahl von 1000 auf 600 sind Verwaltung und Politik weit entfernt.

Dem jüdischen Kaufmann Julius Harff gehörte einst der Lindweiler Hof

„Wir machen weiter“, hatte Wolfgang Stöcker, ein der Sprecher Schulbau-Kritiker, deshalb so ernüchtert wie entschlossen verkündet. Und es geht weiter. So wurde die WDR-Lokalzeit erneut zur Berichterstattung eingeladen, außerdem veröffentlichten kürzlich Gleichgesinnte wie Uli Voosen und Michael Schmitz, die teils der Initiative „Kulturpfad Bickendorf“ angehören, die Ergebnisse ihrer Nachforschungen zu Julius Harff, dem früheren Eigentümer des Lindweiler Hofs.

Eine Visualisierung zeigt die geplanten Schulgebäude an der Rochusstraße in Bickendorf.

Der Schulneubau würde das alte Gutshof-Hauptgebäude regelrecht verschlucken.

Julius Harff, geboren 1803 in Dülken bei Viersen, war eine einflussreiche Persönlichkeit in Bickendorf und Umgebung, zusammen mit seinem Halbbruder Simon Harff betrieb er einen erfolgreichen Güterhandel in der Kölner Innenstadt. Schmitz schreibt, Julius Harff habe „in Köln und im Umland über 1000 Hektar Land, Ziegeleien, eine Krautfabrik und über 80 Häuser“ besessen: „Er war zu dieser Zeit einer der reichsten Kölner Bürger und gehörte zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Juden in der Region.“ Harff hatte sieben Kinder aus zwei Ehen, er und sein Sohn Max waren die einzigen jüdischen Mitglieder der Verordneten-Versammlung der Gemeinde Müngersdorf.

Blick auf einen Gutshof, im Hintergrund ist die Rochuskirche zu sehen.

Der Lindweiler Hof in seiner Form als landwirtschaftlicher Betrieb stand bis 1969 an der Rochusstraße.

Schon um 1840, so Uli Voosen, habe Julius Harff den Lindweiler Hof erworben, einen der drei großen Gutshöfe am inzwischen zugeschütteten Bickendorfer Dorfteich, der auch als „Kradepohl“ bekannt war und zu Harffs Zeiten „Jüddepohl“ genannt wurde. Harff ließ auch das klassizistische, inzwischen denkmalgeschützte Herrenhaus errichten, das letzte erhaltene bauliche Zeugnis des Lindweiler Hofs. Wie Michael Schmitz herausfand, bot Julius Harff dem Kirchenvorstand von St. Rochus die Schenkung eines Grundstücks auf dem Hof an, es lag an der Ecke Felten- und Rochusstraße. Als Gegenleistung sollte die Gemeinde zwei Sitzplätze für das Verwalterehepaar seines Gutshofs reservieren, auf Lebenszeit. Ein Uhrwerk für den Kirchturm schenkte Harff der Gemeinde ebenfalls.

In einem Raum stehen viele Menschen, andere sitzen an Tischen oder in Zuschauerreihen.

Bei der Sondersitzung der Bezirksvertretung Ehrenfeld zum Schulbau in Bickendorf am 9. Februar gab es nicht genügend Sitzplätze für die zahlreich erschienen Bürger.

Aber auch nebenan hinterließ Julius Harff deutliche Spuren: Im Jahre 1874 ermöglichte eine Stiftung der Familie Harff den Umzug des jüdischen Lehrerseminars von Düsseldorf nach Köln-Ehrenfeld, schreibt Schmitz. Auf diesem Gelände an der Ecke Ottostraße/Nussbaumerstraße wurde später das Israelitische Asyl für Kranke und Altersschwache errichtet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs befand sich hier das Zentrum der Kölner Synagogengemeinde, heute ist das „Jüdische Wohlfahrtszentrum“ auf dem Areal ansässig.

Doch 1875, so Schmitz, sei es zu einem „fragwürdigen, mit offenbar antisemitischen Ressentiments durchsetzten Prozess“ gekommen, Julius Harff wurde wegen Meineids zu vier Jahren Haft verurteilt. Nachzulesen sei das in der Schrift „Actenmäßige Darstellung der Criminalprocedur Gegen den Gutsbesitzer Julius Harff“, am 22. Juli 1876 verstarb er in der Haft. Max Harff starb im Jahre 1917, in einem Schriftstück von 1926 werden die Schuhfabrikanten Otto Wolf und Rudolf Strauß als „Verwaltung Erben Max Harff“ erwähnt.

Schenkung oder Enteignung? Harffs Anwesen ging an die Stadt Köln über

Diese wurde, wie auch die Harffsche Stiftung, spätestens ab dem 11. Juli 1937 mit einem Erlass des Reichsjustizministeriums über Stiftungen „arisiert“, schreibt Schmitz, die rechtmäßigen Eigentümer wurden also enteignet. Aus einer Unterlage der Gebäudesteuerverwaltung gehe aber hervor, dass der Lindweiler Hof schon zu einem früheren Zeitpunkt in den Besitz der Stadt Köln gekommen war. Als Zeugen führt Michael Schmitz Kurt Geuer, einen inzwischen verstorbenen Urenkel des Gutsverwalters von Julius Harff an, der von einer „Schenkung“ an die Stadt gesprochen habe.

Ein altes Gebäude steht hinter einem Bauzaun.

Die Arbeiten für den Schulneubau auf dem Grundstück des Lindweiler Hofs an der Rochusstraße haben begonnen.

Ob diese Schenkung seitens der Familie Harff an Bedingungen geknüpft war, müsse aber noch recherchiert werden. Schmitz zitiert in diesem Zusammenhang eine Passage aus dem Band „Arisierung in Köln“ (Emons Verlag 2004) der Historikerin Britta Bopf: „Grundsätzlich ist in der Forschung bislang noch ungeklärt, wie viele beschlagnahmte Immobilien aus jüdischem Besitz unentgeltlich oder gegen Bezahlung in den Besitz der Städte und Kommunen übergingen. Als sicher gilt jedoch, dass sich heute noch eine unbekannte Zahl nicht zurückerstatteter Immobilien aus jüdischem Besitz in der Hand deutscher Städte und Gemeinden befindet.“

Anwohner wünscht sich „sensible Bebauung“ des Lindweiler Hofs

Nicht zuletzt wegen der möglicherweise prekären Besitzverhältnisse befürwortet Schmitz noch einmal einen „angemessenen Umgang“ mit dem Grundstück des Lindweiler Hofs und seiner Geschichte. Durch eine „sensible Bebauung“ etwa, „die dem Denkmal und der Geschichte seines Erbauers gerecht wird und es würdigt.“ Er kann sich eine jüdische Institution auf diesem Gelände vorstellen: „Keinesfalls darf das Denkmal eingemauert werden.“

Hinter einer Mauer liegt ein Gutshof mit mehreren Gebäuden.

Der Lindweiler Hof in Bickendorf vor seinem Abbruch im Jahr 1969. Nur das denkmalgeschützte zentrale Gebäude ist bis heute noch erhalten.

Diesen Bedenken schließt sich der Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz (RVDL) an. In einer Stellungnahme, die Anfang Februar bei den Rats-Mitgliedern einging, kritisiert der Verein die jetzige Planung, bei der eine mehrstöckige Bebauung nah an das denkmalgeschützte Herrenhaus heranrücken und es von drei Seiten einfassen würde: Damit „wäre die Wirkung des schlichten klassizistischen Gebäudes massiv gestört. Eine weitere Beeinträchtigung bestünde in der unterbrochenen Sichtbeziehung zur benachbarten Kirche St. Rochus“, schreiben Dr. Alexander Kierdorf und Martin Lehrer, Erster Vorsitzender beziehungsweise Geschäftsführender Vorsitzender des RVDL.

Sie plädieren für eine maximale Schülerzahl von 700: Dann könnte man die Sichtbeziehung zu St. Rochus aufrechterhalten und „planerisch ließe sich so die Option zur Erweiterung respektive Aufstockung offenhalten, falls die Schülerzahl auch in fünf bis zehn Jahren noch zunimmt.“