Der mutmaßliche Kleinhandel mit Drogen gegenüber dem Konsumraum in Kalk sorgt auch im Pantaleonsviertel für neue Diskussionen.
Kritik von AnwohnernMikrohandel-Debatte erreicht geplantes Suchthilfezentrum am Perlengraben

Anwohner im Panateleonsviertel protestieren gegen das geplante Suchthilfezentrum der Stadt Köln.
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Der mutmaßliche Kleinhandel mit Drogen gegenüber dem neuen Drogenkonsumraum in Kalk verschärft die Debatte um das geplante Suchthilfezentrum am Perlengraben. Nach Informationen dieser Redaktion wird auch dort über eine kontrollierte Zone diskutiert, in der schwer abhängigkeitskranke Menschen geringe Mengen Drogen untereinander weitergeben könnten. Gemeint ist damit nicht der gewerbliche Verkauf durch Dealer, sondern die Weitergabe kleinster Mengen zwischen Konsumenten innerhalb kontrollierter Einrichtungen. Die Bürgerinitiative IG Pantaleonsviertel, die den Bau des Suchthilfezentrums an diesem Standort verhindern will, kritisiert diese Überlegungen scharf.
Raum für Konsum, Aufenthalt, Beratung
Aus der Sicht von Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) ist die Einrichtung im Pantaleonsviertel, die im August 2027 eröffnen soll, ein Schlüssel zur Lösung der Kölner Drogenproblematik. „Konsum, Aufenthalt, Beratung, medizinische und soziale Hilfe finden im Gebäude statt, nicht auf dem Bürgersteig – nur so können wir den öffentlichen Raum konsequent zurückgewinnen“, sagte er im Januar dieses Jahres bei einer Bürgerveranstaltung.
Was Burmester damals nicht erwähnte: Suchtexperten wie Daniel Deimel gehen davon aus, dass ein Suchthilfezentrum nur funktioniert, wenn die suchtkranken Menschen untereinander geringe Mengen illegaler Drogen verkaufen und tauschen können. Deshalb soll es auch für das neue Kölner Suchthilfezentrum zumindest Gedankenspiele zu einer Zone für den Mikrohandel geben. Der Handel mit Betäubungsmitteln ist allerdings nach geltendem Recht verboten, und die Stadt Köln will Mikrohandel grundsätzlich nicht dulden.
Bürgerinitiative fordert Aufklärung
Die Bürgerinitiative IG Pantaleonsviertel, die den Standort Perlengraben prinzipiell ablehnt, sieht sich durch die Debatte bestätigt. Sie hat sich am Donnerstag an Oberbürgermeister Burmester gewandt und Aufklärung gefordert. „Hier wird versucht, einen offensichtlich rechtswidrigen Vorgang sprachlich weichzuspülen. Aber Drogenhandel bleibt Drogenhandel“, sagt der IG-Vorsitzende Andreas Zittlau. Der Begriff „Mikrohandel“ sei eine bewusste Verharmlosung.
Der Versuch, die Weitergabe harter Drogen als Austausch geringster Mengen zu relativieren, ändere nichts an der Strafbarkeit solcher Handlungen. „Die Bürger dieser Stadt haben ein Recht darauf, zu erfahren, ob hier stillschweigend rechtsfreie Räume geschaffen werden sollen“, sagt Zittlau. Die IG habe auch die Kölner Staatsanwaltschaft informiert. Er forderte den Oberbürgermeister auf, mögliche Verstöße zu unterbinden.
Stadt Köln duldet Mikrohandel nicht
Die Stadt Köln hatte bereits am Mittwoch darauf hingewiesen, Mikrohandel keineswegs zu dulden. „Die Aussage, dass die Stadt versuchsweise Mikrohandel dulde, entspricht nicht unserer Position“, sagt Stadtsprecher Alexander Vogel. Dealen sei auch im und am Drogenkonsumraum Kalk nicht geduldet.
In der größten Stadt der Schweiz gibt es das sogenannte Zürcher Modell – es dient der Stadt Köln als Vorbild bei der Suche nach Lösungen für die Drogenproblematik. „Ein sehr zentraler Aspekt ist, dass der Mikrohandel zwischen Konsumenten in Teilen der Einrichtungen toleriert wird“, sagt Deimel zum Vorgehen in Zürich. Suchtkranken Menschen steht in den dortigen Kontakt- und Anlaufstellen eine eigene Zone für den Mikrohandel zur Verfügung.
Der Austausch illegaler psychoaktiver Substanzen zwischen den Nutzenden wird dort toleriert, allerdings nur unter bestimmten Bedingungen: Der Kleinhandel muss diskret stattfinden, also nur in diesem Raum, es steht keine Waage zur Verfügung, es darf kein Geld sichtbar sein. Zugang haben ausschließlich Schwerstabhängige, die dem Personal bekannt sind – professionellen Dealern wird der Zutritt somit verwehrt oder zumindest erschwert.
Crack-Abhängige benötigen pro Tag zwölf Konsumvorgänge
Aus Sicht von Florian Meyer, Leiter der Abteilung Schadensminderung illegale Substanzen bei der Stadt Zürich, geht es ganz konkret um die Frage, ob es einen kontrollierten Kleinhandel oder eine offene Drogenszene geben soll. Denn eine nachhaltige Verlagerung von der Straße in ein Suchthilfezentrum funktioniert nach den Erfahrungen aus Zürich nur, wenn die suchtkranken Menschen dort auch Zugang zu Drogen haben.
Das gilt insbesondere für Crack, für das es bislang keinen Ersatzstoff gibt, das schnell abhängig macht und sehr regelmäßig konsumiert werden muss. Die Studie „Patterns of Crack Use“ aus dem Jahr 2018 diagnostiziert für stark Abhängige im Durchschnitt zwölf tägliche Konsumvorgänge. Crack-Abhängige benötigen im Schnitt pro Tag 200 Euro, um ihre Sucht zu finanzieren.
Die geltende Rechtslage sorgt für die paradoxe Situation, dass suchtkranke Menschen in einem Drogenkonsumraum zwar legal Drogen zu sich nehmen dürfen, die Drogen selbst allerdings nur illegal erwerben können. Polizeipräsident Johannes Hermanns schlägt deshalb vor, dass Ärzte bei festgestellter Schwerstabhängigkeit Drogen verordnen könnten. Das würde das kriminelle Element, die professionellen Dealer auf der Straße, ausschließen.
Doch dafür bedürfte es einer Gesetzesänderung, die derzeit nicht in Sicht zu sein scheint. NRW-Innenminister Herbert Reul hat dafür aber am Mittwoch zumindest eine Tür offen gelassen: „Man muss zumindest darüber nachdenken, ob kontrollierte Lösungen mit klaren Regeln, Überwachung und Hilfsangeboten am Ende schlimmere Zustände auf den Straßen verhindern können“, sagte er dieser Redaktion.
Der Blick in die USA zeigt, dass kaum Zeit bleibt, um neue Lösungen für den Umgang mit dem Drogenkonsum zu finden. Dort breitet sich das synthetische Opioid Fentanyl rasant aus, mit verheerenden Folgen: Das kalifornische San Francisco war vor Jahren noch die lebenswerteste Stadt der Vereinigten Staaten, auch aufgrund der Fentanyl-Schwemme kam es zu massiver Verelendung und Obdachlosigkeit. In Köln hat die Bedeutung von Crack deutlich zugenommen, Fentanyl spielt derzeit nach Einschätzung der Polizei noch keine große Rolle. Aber auch das kann sich schnell ändern.
