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Adenauer School in Köln eröffnetBundeskanzler Merz erklärt, wo Deutschland Nachholbedarf hat

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Merz besucht Adenauer School in Köln

Am Montag hielt der Bundeskanzler die Festrede in der Aula der Uni Köln. Die hier ausgebildeten Führungspersonen sollen einmal gute politische Entscheidungen für die Demokratie treffen.

An der Universität zu Köln herrschte am Montagvormittag erhöhte Sicherheitsstufe. Mannschaftswagen der Polizei patrouillierten auf dem abgesperrten Albertus-Magnus-Platz, den man nur betreten durfte, wenn man einen Studierenden-, Mitarbeitenden- oder Presseausweis vorweisen konnte. Vor der Aula im Hauptgebäude schnüffelten Spürhunde der Polizei das technische Equipment von Medienvertretern auf Sprengstoff hin ab.

Grund für das Aufgebot an Einsatzkräften und Securitypersonal an der Uni war der Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz, der die Festrede bei der offiziellen Eröffnung der Adenauer School of Government (ASG) hielt. Nach seinem Vortrag über die Wichtigkeit strategischen Denkens und guten politischen Entscheidungsvermögens in Krisenzeiten und einer anschließenden Diskussionsrunde mit dem Publikum, verließ er aus Sicherheitsgründen als Erster die Aula. Dem Bundeskanzler durfte das Publikum nur sitzend applaudieren – eine weitere Sicherheitsmaßnahme.

Friedrich Merz in Köln: Kanzler sieht Nachholbedarf bei Governance-Schools in Deutschland

„Hier entsteht ein Ort, eine Ausbildungsstätte für strategische Urteilskraft. Unsere demokratische Praxis wird besser werden in Prozess und Ergebnis, wenn es Orte der Reflexion über politische Prozesse gibt“, sagte Merz zuvor bei seiner Rede und erklärte, dass es an diesem „historischen Wendepunkt“, in Zeiten unerwarteter „geopolitischer und geoökonomischer Machtverschiebungen“, auf gute Governance ankomme.

V.l.: Prof. Axel Ockenfels (ASG-Direktor), Friedrich Merz, Rektor Joybrato Mukherjee und Prof. Markus Ogorek (stellvertretender Leiter der ASG)

V.l.: Prof. Axel Ockenfels (ASG-Direktor), Friedrich Merz, Rektor Joybrato Mukherjee und Prof. Markus Ogorek (stellvertretender Leiter der ASG)

„Und darauf, dass es uns gelingt, möglichst gerechte, möglichst effektive und effiziente und mutige politische Lösungen zu erarbeiten und umzusetzen.“ Die Lösungen auf die Fragen der Zeit, die um Klima, soziale Teilhabe, Sicherheit und die rasanten technologischen Fortschritte um Künstliche Intelligenz kreisen, sollen an der Uni Köln demnächst Studierende und Spitzenforscher an der Schnittstelle von Rechtswissenschaft, Informatik und Wirtschaftswissenschaft erarbeiten.

„In Deutschland haben wir keine Tradition der großen Strategieschulen. Keine Tradition der sogenannten Governance-Schools. Es ist allerhöchste Zeit, dass wir in diesem Bereich endlich aufholen, dass wir beginnen, Entscheidungsträger auszubilden, die strategisch handlungsfähig sind, in einer Welt, die noch komplexer und noch schneller wird“, sagte Merz. Deutschland sei trotz aller Kritik und Probleme ein „großartiges Land, das das Ergebnis von vielen guten Entscheidungen ist“.

Adenauer School of Government in Köln soll experimentelles Reallabor werden

Der Direktor der ASG und renommierte Wirtschaftswissenschaftler Axel Ockenfels fasste es so zusammen: „Gutes Regieren, gutes Verwalten, Führen und Gestalten gehört zum programmatischen Kernanliegen der ASG. Eine der größten Hochschulen Deutschlands bietet ein experimentelles Reallabor für die radikale Straffung von Verwaltungsapparaten.“ Offen ließ Ockenfels allerdings, was das genau bedeutet.

Die ASG wurde vergangenen Juni gegründet und ist eine prestigeträchtige Einrichtung der Universität: Sie hat den Anspruch, zukünftige Führungspersonen in Politik und Verwaltung heranzuziehen. Sie will Spitzenforschung mit Lehre verbinden und soll ein Aushängeschild für den Kölner Wissenschaftsstandort sein, aber auch nach NRW und Deutschland hinausstrahlen. Zentrales Angebot der ASG wird ein englischsprachiger Master sein, der im Wintersemester 2027/28 starten soll. Auch Veranstaltungen für andere Studierende, die Gesamtuniversität und die Kölner Stadtgesellschaft sind geplant.

Mehrere Hundert Menschen protestieren vor der Universität in Köln, während Bundeskanzler Merz (CDU) bei der Eröffnung der Adenauer School of Government redet.

Mehrere Hundert Menschen protestieren vor der Universität in Köln, während Bundeskanzler Merz (CDU) bei der Eröffnung der Adenauer School of Government redet.

Ermöglicht wird die School durch die üppige Finanzierung der Alfred Landecker Foundation, die die ASG langfristig mit jährlich zehn Millionen Euro fördert. Der Vorsitzende der Stiftung, Peter Harf, kam ebenfalls zur Eröffnung. (siehe Infokasten)

Die ASG kommt derzeit noch in den Räumen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät unter. Ein eigenes Gebäude in der Nähe des zentralen Uni-Campus ist mittelfristig geplant. Dem Vernehmen nach gibt es bereits konkrete Architekturentwürfe der aus Köln stammenden und in New York lebenden Architektin Annabelle Selldorf. Ockenfels verkündete am Montag den ersten Professor, der eigens für die ASG gewonnen werden, konnte: Wirtschaftsprofessor Piotr Dworczak von der amerikanischen Northwestern University gelte als „weltweit führend“, sagte Ockenfels. Die internationalen Berufungsverfahren für weitere Professoren laufen derzeit noch. Bis dahin greift die Uni Köln auf ein eigenes Netzwerk bestehend aus 50 Forschenden zurück.

Redner gedachten früherem OB und Kanzler Konrad Adenauer

Auch vom Unirektor Joybrato Mukherjee gab es Grußworte. Er erinnerte an den 20. März 1919, als Adenauer, damals noch Oberbürgermeister von Köln, seinen Antrag auf Wiedereinrichtung der Uni Köln in die Stadtversammlung einbrachte. Mukherjee bezeichnet die Eröffnung der Adenauer School als „Höhepunkt des Jahres 2026“ für die Uni Köln, die passenderweise auch noch im Jahr des 150. Geburtstages von Adenauer stattfindet. Auch Wissenschaftsministerin Ina Brandes würdigte Adenauer als den „bedeutendsten Politiker des 20. Jahrhunderts“.

„Eine solche School müsste man immer nach ihm benennen, nicht nur im 150. Geburtstagsjahr“, so Brandes, die an Adenauers Satz „Es kann dauerhaft keine starke Demokratie geben ohne Wohlstand“ erinnerte. Zur Eröffnung in die bis auf den letzten Platz gefüllte Aula kamen neben Studierenden und Mitarbeitenden der Uni auch hochrangige Gäste: mehrere Mitglieder der Familie Adenauer, OB Torsten Burmester, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Köln-Bonn Ulrich Voight, Polizeipräsident Johannes Hermanns, Gerald Böse von der Kölnmesse und viele weitere.

Am Rande der Eröffnung fand auf den Uniwiesen eine Kundgebung statt. Der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta) hatte dazu aufgerufen, weil er den Besuch des Bundeskanzlers ablehnt. Vor der Eröffnung kritisierten sie in einer Mitteilung die „unsoziale“ Politik der Bundesregierung zulasten von Studierenden, Arbeitslosen, Pflegepersonal und Schülern. Laut Angaben eines Polizeibeamten vor Ort waren circa 2500 Menschen zu der Protestaktion gekommen.


Die Alfred Landecker Foundation: Die Unternehmerfamilie Reimann gründete die mit 260 Millionen Euro ausgestattete Stiftung 2019, deren Vorsitzender der Kölner Unternehmer Peter Harf ist. Die Stiftung hat ihren Sitz in Ludwigshafen und betreibt ein Berliner Büro. Namensgeber der Stiftung ist Alfred Landecker, ein Mannheimer Prokurist, der als Jude von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurde. Die älteste Tochter von Landecker war mit Albert Reimann junior verheiratet, das Paar hatte drei Kinder.

Reiman galt als überzeugter Nationalsozialist, seine Frau Emilie war als sogenannte „Halbjüdin“ jedoch alltäglicher Ausgrenzung ausgesetzt. Nach Enthüllungen zur NS-Verstrickung des Familienunternehmens verpflichteten sich die Reimanns, mit Engagement gegen Antisemitismus und Hass gegen Minderheiten anzukämpfen. Die Foundation unterstützt ausgewählte Forschungs- und Bildungsprojekte. Sie will das Bewusstsein für die Entstehungsbedingungen des Holocaust schärfen und demokratische Institutionen stärken. 

Heute sind Familienangehörige und Erben der Familie Teilhaber der aus den Benckiser-Nachfolgeunternehmen hervorgegangenen „JAB Holding Company“ mit Sitz in Luxemburg. Die Familie gilt als eine der reichsten in Deutschland. Ihr Vermögen wurde zuletzt auf um die 17 bis 35 Milliarden Euro geschätzt. Sie hat ihr Vermögen mit Reinigungsprodukten und Artikeln des täglichen Bedarfs verdient: Sie hält etwa Anteile an Reckitt Benckiser, einem bekannten Hersteller von Reinigungsmitteln. Marken wie Veet, Calgon, Clerasil oder Vanish gehören beispielsweise dazu. 

Auch Düfte gehören zum Portfolio. Ob Rimmel, Calvin Klein, Davidoff oder Joop: Diese Marken sind umsatzstark. Die Familie agiert auch im Bereich Kaffee und Fast Food/Gastronomie. Den Hersteller Master Blenders haben die Reimanns ebenfalls übernommen: Sie geben Marken wie Senseo oder Jacobs heraus. Im Bereich Fast-Food unterhält sie Krispy Kreme (Donuts) oder Pret a Manger (Sandwich-Kette). (gam)