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77 Jahre GrundgesetzBurscheider organisieren Mahnwache für das Grundgesetz

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Traudel Welte (l.) und Ines Koulatedj waren als Teil der „Omas gegen Rechts“ bei der Mahnwache.

Traudel Welte (l.) und Ines Koulatedj waren als Teil der „Omas gegen Rechts“ bei der Mahnwache.

Anlässlich des Tags des Grundgesetzes hatte eine private Initiative für Samstag zur Mahnwache in der Burscheider Fußgängerzone aufgerufen.

Nicht gegen, sondern für etwas zu sein – das war der zentrale Gedanke hinter der Mahnwache am Tag des Grundgesetzes. Die Burscheiderin Cora Lukas-Voss wollte sich mit ihrer privat organisierten Mahnwache für demokratisches Handeln einsetzen. „Gegen- ist immer schlechter als miteinander. Gegen stagniert vieles“, erklärt die ehemalige Lehrkraft am Samstag vor der Buchhandlung Hentschel. 

Der Schlüsselmoment für diese Aktion war für Cora Lukas-Voss, als sie sah, wie viel Werbung die AfD in Burscheid betreibe. „Das hat mir gezeigt: Wir müssen kontinuierlich sichtbar sein, nicht erst vor der Wahl“, sagt sie. Ihr tragendes Anliegen ist dabei, sich dafür einzusetzen, dass in ihrer Heimatstadt Menschen ohne Angst leben können. Es sei Zufall, wo man geboren werde, ob man von einer Hungersnot bedroht sei, oder gar Krieg ausgesetzt. 

Meine Eltern waren Nazis und für mich ist das eine Art der Verarbeitung. Das wird man nämlich nie los – diese Schuldgefühle.
Traudel Welte

Die Stimmung bei der Mahnwache ist ambivalent: Ohne Erinnerungskultur ist es wohl nicht möglich, den Tag des Grundgesetztes zu begehen, das wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs am 23. Mai 1949 vom Parlamentarischen Rat verabschiedet wurde. Und Parallelen zu damals sehen die Menschen auch heute. „Ich möchte nicht, dass die Menschen hier in Angst leben – das hatten wir schon mal“, sagt Lukas-Voss. Buchhändlerin Andrea Lunau zitiert aus Erich Kästners „Über das Verbrennen von Büchern“: „Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät.“

Gleichzeitig betont Cora Lukas-Voss auch, Angst mache handlungsunfähig. Man solle nicht denken, alles sei nur Katastrophe, sondern gestalten. Andere Teilnehmende zeigen auch, dass Erinnerungskultur nicht nur Angst macht, sondern auch Verantwortungsgefühl und Handlungsmotivation bedeuten kann. Die Leverkusener Frauenrechtlerin Traudel Welte engagiert sich seit mehr als 40 Jahren politisch, besucht Demonstrationen und Mahnwachen. Sie erzählt: „Meine Eltern waren Nazis und für mich ist das eine Art der Verarbeitung. Das wird man nämlich nie los – diese Schuldgefühle.“

Sie gehört den „Omas gegen Rechts“ aus Leverkusen an, die bei der Mahnwache auch vertreten sind. Ebenfalls Teil dieser Organisation ist Ines Koulatedj. In ihrer Rede berichtet sie von dem alltäglichen Rassismus, den ihr Enkel erlebt. „Und dann gibt es immer noch Leute, die Z-Schnitzel, N-Kuss und das N-Wort sagen, weil das ‚schon immer so war‘. Aber nur weil es schon immer so war, heißt es nicht, dass es gut ist“, wird Koulatedj in ihrer Ansprache deutlich. 

Leichlinger Schüler setzen sich bei der Mahnwache ein

Besonders präsent auf der Mahnwache sind außerdem drei Schüler des Städtischen Gymnasiums Leichlingen. Ihre Lehrerin, Nadja Richter, die Tochter von Cora Lukas-Voss, hatte die Mahnwache im Unterricht erwähnt. Die Schüler wollten sich engagieren. So präsentiert Alexander Hartenstein zwei Stücke am Saxophon, Ben Kühne kümmert sich um die Technik. Schülersprecher Ole Lohmar hält eine Rede. „Extremismus wächst durch Schweigen“, sagt der 18-Jährige und: „Das Grundgesetz schützt uns nur, wenn wir es es auch verteidigen.“ Lohmar ist außerdem wichtig zu betonen: „Wir setzen hier kein Zeichen gegen Menschen, sondern gegen ein Denken.“

Das Engagement der Jugend an der Politik müsse man differenziert betrachten, sagt er: Manche würden sich einbringen wollen, andere hielten sich zurück. Wichtig sei in jedem Fall, demokratische Partizipation in der Schule zu fördern. „Demokratie ist nicht immer nur die große Bundes- oder Landespolitik. Je früher man damit anfängt, desto mehr Grundsteine kann man legen“, so Lohmar.

Musikalisch rundet das gemeinsam gesungene Antikriegslied „Where have all the flowers gone?“ die Mahnwache ab. Dabei heißt es immer wieder: „When will they ever learn?“ (auf Deutsch: Wann werden sie es jemals lernen?).