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Wacken-Festival 2020 fällt ausWie Metal-Fans und Bands der Corona-Krise trotzen

7 min

Wacken 2020 fällt aus – die Szene freut sich schon auf Wacken 2021.

  1. Auftritte in mehr oder weniger braven Wohnzimmern sind nun auch im harten Metal-Genre plötzlich das Gebot der Stunde.
  2. Legendäre Festivals wie das Wacken fallen in diesem Jahr aus. Wie kreativ trotzt die Metal-Szene der Corona-Krise? Eine Reportage.

Ja, es ist gewöhnungsbedürftig. Offenbar auch für Ivar Nikolaisen. Der Sänger der norwegischen Metalband „Kvelertak“ hat für gewöhnlich keine Berührungsängste gegenüber seinem Publikum und badet auch mal gerne im „Moshpit“, dem Bereich direkt vor der Bühne. Nun hat er ein paar Tausend Metalheads vor sich, doch er kann ihre Reaktionen nicht sehen, was ihm ganz offensichtlich Unbehagen bereitet. Die „Kvelertak One Day World Tour – Live From Your Living Room“ ist noch immer als Video abrufbar. Das eigentliche Event aber fand live statt, mehrere Wochen nach dem Ausbruch der Corona-Krise, mitten im weltweiten Shutdown. Kvelertak gehörte zu den ersten Bands, die ein solches virtuelles Wohnzimmerkonzert absolvierten. Da, wo sonst die Fans stehen, sind Kameras aufgebaut, das Publikum sitzt zu Hause an den Computerbildschirmen.

Auch Jörn Rüter, Urgestein der Szene aus Hamburg und als Frontmann der Band Kneipenterroristen noch nie durch besondere Publikumsscheu aufgefallen, hat fast so etwas wie Lampenfieber vor seinem ersten Online-Auftritt am 13. Juni bei der „Metal Frenzy 2020 – Livestream-Edition“. Darüber hinaus ist ein Live-Auftritt vor einem echten Publikum beim „apoCARlypse-Autokino-Festival“ in Hessen geplant – bei dem die Zuschauer die Show von ihren Autositzen aus verfolgen werden. Das Virus habe die gesamte Szene auf den Kopf gestellt. „Es ist ein bisschen so wie früher, als Metal noch richtiger Underground war und es außer ein paar selbst bespielten Tapes nicht viel gab.“

„Über Nacht Schluss mit allem“

Rüter ist seit den 1980er-Jahren in der Welt der harten Klänge aktiv, wobei „aktiv“ in seinem Fall eine starke Untertreibung ist. Er spielt in drei Bands, betreibt den Plattenladen „Remedy Records“ samt gleichnamigem Plattenlabel, veranstaltet ein jährliches Festival und ist Inhaber der Metalkneipe „Night Light“ auf St. Pauli. „Praktisch über Nacht war erst einmal Schluss mit allem. Wir haben Tag und Nacht geschuftet und angefangen, unsere Sachen über Ebay zu verticken. Dabei war das eigentlich nie mein Ding, ich schätze den direkten Kontakt mit Kunden.“ Die Bilanz: dreimal so viel Arbeit für ein Drittel der Einnahmen.

Über Wasser hält ihn und seine Partnerin Petra Peters nicht zuletzt der enorme Zuspruch von Freunden und Kunden. „Da sind Leute aus der Versenkung aufgetaucht, von denen ich ewig nichts mehr gehört hatte“, freut sich der tätowierte Hüne. Im Laden wurde nun eine Plexiglasscheibe vor dem Tresen eingebaut, das „Night Life“ durfte unter strengen Auflagen wieder öffnen. Vielleicht kommt bei Remedy Records ja auch etwas von der versprochenen staatlichen Unterstützung an. Nicht dass Rüter da viel Hoffnung hätte. Mehr als zwei bis drei Monatsmieten werden es ohnehin nicht sein, aber das wäre immerhin besser als gar nichts. Viel wichtiger ist ihm allerdings der allgemeine Bewusstseinswandel. „Man merkt, dass da etwas passiert ist in den Köpfen, die Leute rücken wieder näher zusammen. Und wir werden weitermachen, vielleicht erst mal auf einem etwas niedrigeren Level – aber auf gar keinen Fall leiser.“

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„Heavy Metal“ ist ein Begriff, unter dem sich jede Menge teilweise vollkommen disparate Musikstile versammeln. Zwischen melodischem deutschem „Power Metal“ von Bands wie Blind Guardian, amerikanischem „Thrash Metal“ à la Metallica bis hin zum skandinavischen „Black Metal“ mit seinen mehr oder minder ernst gemeinten satanistischen Botschaften liegen Welten. Was die Szene so einzigartig macht, ist die Fähigkeit der Fans, Unterschiede auszuhalten und abweichende Geschmäcker zu respektieren. Im Metal spielt es eine untergeordnete Rolle, welche Band man verehrt oder aus welchem Teil der Welt man stammt. Auf metallischen Großereignissen wie dem „Wacken Open Air“, dem weltweit größten Festival seiner Art, finden sich alle zum Feiern zusammen. Doch all diese Energie ist weitgehend unkanalisiert, Metaller haben weder eine Lobby noch eine gemeinsame Interessenvertretung.

Kurz vor Ausbruch der Covid-19-Pandemie gründeten die Wacken-Erfinder Holger Hübner und Thomas Jensen deshalb ein Netzwerk für die Freunde harter Klänge. „Metality“, so der Name des Projekts, soll alle an einen Tisch bringen. Genauer gesagt an viele regionale, miteinander vernetzte Stammtische. Es geht aber nicht primär darum, beim kühlen Bier herumzusitzen und zu quatschen, sondern darum, „die Werte des Metal außerhalb von Konzerten und Festivals miteinander zu teilen: Für Toleranz und gegenseitiges Einstehen. Gegen Zensur und Repression. Ohne Ansehen von Person, Herkunft oder Religion.“ So formuliert es Kathleen Goy, Sprecherin von „Metality“.

Jörn Rüter, Urgestein der Szene

Gemeinsame Projekte, Austausch von Erfahrungen und Ideen, Unterstützung von in Not geratenen Bands – es gibt vieles, was eine solche Gemeinschaft angehen könnte. In der Krise zeigt sich nun: Die Idee war goldrichtig und längst überfällig. „Als neu gegründetes Netzwerk haben wir natürlich noch nicht die Strukturen, um allzu viel zu bewegen“, sagt Goy. „Wir sehen die aktuelle Situation aber durchaus als Chance, uns weiterzuentwickeln und unsere Position in der Szene zu finden.“ Nach der Krise werde man vor allem viele engagierte Leute brauchen, um die Stammtische vor Ort zu organisieren. Jetzt schaffe man eben online die Voraussetzungen dafür. „Wir haben nicht nur die Plattensammlung gemeinsam: Du findest immer eine (schwarz gestrichene) Wohnung, eine helfende Hand, ein offenes Ohr“, bringt es die Website von „Metality“ auf den Punkt.

Die Zusammenkünfte finden vorerst in Form virtueller Talkrunden über die Streaming-Plattformen Twitch statt, es werden fleißig Kontakte geknüpft und PR in eigener Sache betrieben. Mit Co-Moderator Philipp Rogmann parliert Goy dort zwanglos mit Gästen aus dem Musiker-, Veranstalter- und Fanlager. Mittelfristig sollen Einnahmen, etwa aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden, in eine Stiftung fließen. Zu den Unterstützern zählen prominente Namen wie Götz Ulmer von der Werbeagentur Jung von Matt, oder, das dürfte für viele eine Überraschung sein, Ex-Bild-Chefredakteur Udo Röbel.

„Die allgemeine Haltung ist ja: Ich höre Metal, du hörst Metal. Es ist erst mal egal, auf welche Art von harter Musik du stehst oder was du sonst so machst im Leben“, sagt Kathleen Goy. Diesen Zusammenhalt sinnvoll nutzbar zu machen sei die Grundidee des Projekts. „Grundsätzlich kann sich jeder an uns wenden, der ein konkretes Anliegen oder eine Idee hat. Wir schauen dann gemeinsam, wie wir das umsetzen können. Der Stream auf Twitch ist nur ein erster Output, den wir ins Leben gerufen haben, weil sich die Community nicht live treffen kann.“

„Unfreiwillig einen ganzen Haufen Zeit bekommen“

Obwohl er Wacken Open Air für dieses Jahr absagen musste, kann auch Thomas Jensen der Situation etwas Positives abgewinnen. „Wir haben jetzt unfreiwillig einen ganzen Haufen Zeit bekommen, den wir jetzt im Team sinnvoll nutzen. Da wird uns ganz sicher das eine oder andere einfallen“, sagte er als Gast des virtuellen Stammtisches. Erstmal lobt er die entschlossene Reaktion der Bundesregierung in der Corona-Krise: „Glück im Unglück, dass schnell eine so klare Entscheidung gekommen ist. Der Super-GAU wäre gewesen, eine Woche vor dem Festival eine Absage zu kriegen.“

Thomas Jensen gibt sich jedenfalls kämpferisch. „Wir müssen jetzt erst mal sehen, wie wir alle die Musik und Bands, aber auch die kleinen Dienstleister am Leben halten. Da ist mir jedes Mittel recht.“ Wer ein Festivalticket für 2020 besitzt, kann sich den Betrag rückerstatten lassen, sich dafür T-Shirts und Platten bestellen oder es aber auch in eine Karte für Wacken 2021 umwandeln.

Die Veranstalter sind sich aber schon jetzt ziemlich sicher, dass die überwältigende Mehrheit die letzte Option wählen wird. Auch Remedy-Chef Jörn Rüter hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sein ebenfalls abgesagtes „Metal Bash“-Festival „irgendwann in diesem Jahr, auf welche Art auch immer“ doch noch stattfinden wird. Im Grunde kann man alles wie Thomas Jensen auch in einer einzigen Aussage zusammenfassen: „Der Rock’n’Roll wird niemals sterben. Das ist für uns nicht bloß ein leerer Spruch.“