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Fünf Jahre danachWas bleibt vom Sturm aufs Kapitol?

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Trump-Unterstützer sammeln sich am 6. Januar 2021 in Washington und proben den Sturm aufs Kapitol. Michael Nigro

Trump-Unterstützer sammeln sich am 6. Januar 2021 in Washington und proben den Sturm aufs Kapitol. Michael Nigro

Am 6. Januar 2021 stichelt Donald Trump einen Mob zum Sturm auf das Kapitol in Washington an. Fünf Jahre später erinnert sich das Land anders an viele Beteiligte – warum?

Kurz vor dem Jahreswechsel hat es in den USA doch noch einmal ein Aufbäumen der Trump-Kritiker zu einem seiner größten Skandale gegeben. Plötzlich geisterte wieder Jack Smith durch die Nachrichten, jener Sonderermittler, der damit beauftragt war, den Sturm auf das US-Kapitol vom 6. Januar 2021 aufzuarbeiten. Er war in einem Video zu sehen, entstanden Mitte Dezember vor dem Justizausschuss des Repräsentantenhauses.

Obwohl Präsident Donald Trump seit Jahren Smiths Namen in den Dreck zieht, findet der Jurist darin deutliche Worte. „Unsere Ermittlungen haben weit über berechtigte Zweifel hinausgehende Beweise dafür gefunden, dass Präsident Trump an einem kriminellen Plan beteiligt war, die Wahlergebnisse 2020 zu übergehen und eine friedliche Amtsübergabe zu verhindern“, sagt er in der eindringlichsten Stelle der achtstündigen Befragung.

Über seine eigene Rolle zeigt Smith in dem am Silvestertag veröffentlichten Video keine Illusionen. „Ich sehe der Tatsache offenen Auges entgegen, dass dieser Präsident versuchen wird, Vergeltung gegen mich zu üben, wenn er kann“, sagt er. Sollte es dazu kommen, dann wäre der von Joe Bidens Justizminister Merrick Garland eingesetzte Ermittler das neueste Opfer Donald Trumps, wenn es um die Umdeutung des Sturms auf das US-Parlamentsgebäude geht.

Trumps stetes Klagen stieß zunächst auf taube Ohren

An diesem Dienstag liegt der Krawallprotest genau fünf Jahre zurück und noch immer tobt der Kampf um die Deutung dieses Tages. Wer zum Jubiläum darauf blickt, wie sich das Urteil über die wichtigsten Beteiligten verändert hat, stellt eine verblüffende Wende fest: Diejenigen, die zunächst als Helden galten, warten oft noch heute auf Anerkennung – und Donald Trump und seinen Vertrauten ist in der Folge der Ereignisse womöglich der größte Kommunikationserfolg seiner Präsidentschaft gelungen. Trotz nicht von der Hand zu weisender Schuld sind sie rehabilitiert.

Angelaufen war der Tag dabei eher ruhig. Trump hatte schon seit Monaten nicht von seiner Lüge abgelassen, dass in Wahrheit er die Wahl 2020 gegen Joe Biden gewonnen habe. Mehrere Dutzend Gerichte hatten seine Klagen zu angeblichen Betrugsversuchen ein ums andere Mal abgewiesen, unter den Urteilen gab es außer zu einem unbedeutenden bürokratischen Fehler in Wisconsin keine einzige Entscheidung zugunsten des Präsidenten.

Trumps ständiges Klagen war in jenen Teilen des Landes, die nach dem harten ersten Corona-Jahr auf Linderung hofften, auf taube Ohren gestoßen. Mehrfach hatte er Proteste angekündigt, die alle versandeten. Am 19. Dezember 2020 ging es deshalb im dauerklagenden Rauschen des Präsidenten bei Twitter unter, als er schrieb: „Großer Protest in D.C. am 6. Januar. Seid da, das wird wild!“

Als die Demokraten und Sicherheitskräfte anfangen, diese Drohungen für jenen Tag ernst zu nehmen, an dem im US-Kongress die Wahlergebnisse bestätigt werden sollen, ist es zu spät. Zur Mittagszeit hält Trump vor dem Weißen Haus seine inzwischen historische Rede.

Einer der größten politischen Krawallakte in der US-Geschichte

„Wir werden kämpfen wie die Hölle!”, stachelt der Wahlverlierer seine Anhänger an. Sie ziehen danach los zum rund drei Kilometer östlich entfernten Parlamentsgebäude, in dem die beiden Kammern Senat und Repräsentantenhaus ihre Sitzungen abhalten. Anders als von ihm angedeutet, ist Trump nicht an ihrer Seite, sondern verfolgt das Geschehen über Stunden am Fernseher.

Tausende von ihnen finden dennoch den Weg und begehen einen der größten politischen Krawallakte in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Die Demonstranten schlagen im Parlamentsgebäude Fenster ein, attackieren Polizisten, fordern den Tod von Abgeordneten und hinterlassen in den Gängen des Kongresses Fäkalien und Urin.

Bis heute ist umstritten, wie viele Menschen der Tag das Leben gekostet hat. Ein Bericht des Senats kommt 2022 auf sieben Tote, darunter drei Polizisten: Brian Sicknick erlag den Folgen von Verletzungen durch den Mob, Jeffrey Smith und Howard Liebengood brachten sich in den Folgetagen um. Eine Demonstrierende wurde von einem Beamten der Kapitolpolizei erschossen, eine Frau wurde zu Tode getrampelt, zwei erlitten einen Herzinfarkt und einen Schlaganfall. In den Folgejahren töteten sich weitere Polizisten selbst.

Mehr als 2.000 Demonstrierende beteiligen sich laut späteren FBI-Schätzungen am 6. Januar an kriminellen Taten. Rund 600 von ihnen werden später angeklagt, weil sie die Polizei angegriffen, sich ihr widersetzt oder sie behindert haben. Erst 187 Minuten nach dem Ende seiner Rede veröffentlicht Trump online einen kurzen Videoclip, in dem er seine Anhänger bittet, den Heimweg anzutreten.

Das Foto zeigt Anhänger des damaligen US-Präsidenten Donald Trump beim Sturm das Kapitolgebäude, wo die Abgeordneten den Sieg des gewählten Präsidenten Biden bei der Wahl im November bestätigen sollten. Foto: Essdras M. Suarez/Zuma Press/dpa

Anhänger des damaligen US-Präsidenten Donald Trump stürmen das Kapitolgebäude, wo die Abgeordneten den Sieg des gewählten Präsidenten Biden bei der Wahl im November bestätigen sollten.

Trump beginnt schnell den Tag umzudeuten

Der Tag wird in der Folge zu einem der wichtigsten Wendepunkte der jüngeren US-Geschichte – allerdings längst nicht so, wie es zunächst den Anschein hat. Am Abend des 6. Januar sieht es so aus, als habe sich die Demokratie der Vereinigten Staaten knapp gegen einen der schwersten Angriffe seit der Landesgründung 1776 behauptet und als sei die Fassungslosigkeit über Trump unüberwindbar. Am 20. Januar legt Joe Biden seinen Amtseid ab und Trump zieht auf sein Anwesen Mar-a-Lago in Florida. Dort beginnt er schnell mit seiner eigenen Erzählung des Tages.

Im selbstgewählten Exil sammelt Trump Kräfte und schmiedet neue Bündnisse zu loyalen Beratern und reichen Milliardären. Trump deutet den 6. Januar um, spricht von einem „wunderschönen“ und „perfekten“ Tag mit „liebevollen und patriotischen“ Demonstrierenden. Im Frühjahr 2021 scheint es noch aussichtslos, dass ihn die Partei noch einmal als Präsidentschaftskandidat aufstellen würde. Doch die Basis glaubt Trump. Die Partei findet nach und nach zurück zu ihm, angeführt vom damaligen Sprecher des Repräsentantenhauses, Kevin McCarthy, der ihm als erste wichtige Figur in Florida wieder einen Besuch abstattet.

Und heute? „Die Amerikaner haben sich in ihre getrennten Realitäten geflüchtet“, meint Autorin Meredith McGraw, „obwohl es ursprünglich Klarheit über die Attacke gab.“ Sie hat mit „Trump in Exile“ ein Buch über die Zeit des Präsidenten in Palm Beach veröffentlicht. McGraw hält es für sicher, dass Trump tatsächlich an seine eigene Wahllüge glaubt und er diesen Glauben als Loyalitätstest für alle in seinem Umfeld nutzt. „Der Schurke wird der Held, der Kriminelle wird ein politischer Gefangener und plötzlich ist die Realität keine Sammlung von Fakten mehr, auf die wir uns alle einigen können, sondern eine Version von Ereignissen, denen man sich verpflichtet fühlt“, schreibt McGraw in ihrer Bilanz.

Wie es für bekannte Gesichter des Tages weiterging

Fünf Jahre nach dem Kapitolsturm reibt man sich die Augen, wie nicht nur Smiths Mahnungen verhallen, während Trump wieder im Weißen Haus sitzt. Auch für einige der berühmtesten Gesichter rund um den Skandaltag hat sich das ursprüngliche Blatt gewendet.

Da ist zum Beispiel Jacob Chansley, der bei den Krawallen mit einem Fellhelm mit Hörnern bekleidet ist und sein Gesicht in den US-Farben rot, weiß und blau geschminkt hatte. Muskelbepackt und wie ein Wolf jaulend wird er als „QAnon Schamane“ erst zu einem prägnanten Fotomotiv und dann am 9. Januar festgenommen. Er wird zu 41 Monaten Gefängnis verurteilt, kommt im Mai 2023 frei, steht danach aber zunächst unter behördlicher Beobachtung.

Er gehört im Januar 2025 zu Trumps Begnadigten und kündigt online sofort an, sich ein paar „verfickte Waffen“ zu kaufen und durchs Land zu reisen. Im Juli aber distanziert er sich vom Präsidenten – Chansley ist unzufrieden mit Trumps Israels-Unterstützung im Gazakrieg und wegen der nicht veröffentlichten Epstein-Akten.

Das Bild zeigt Anhänger von US-Präsident Donald Trump beim Sturm auf das US-Kapitol, wo die Gesetzgeber den Sieg des gewählten Präsidenten Joe Biden bei den Wahlen im November bestätigen sollten. Foto: Essdras M. Suarez/ZUMA Wire/dpa

Anhänger von US-Präsident Donald Trump stürmen das US-Kapitol, wo die Gesetzgeber den Sieg des gewählten Präsidenten Joe Biden bei den Wahlen im November bestätigen sollten.

Liz Cheney, zum Zeitpunkt der Attacken republikanische Abgeordnete im Repräsentantenhaus, die versucht, ihre Parteikollegen zur Zertifizierung der Ergebnisse zu bewegen. Sie wird evakuiert, spricht sich eine Woche später für ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump aus und sitzt von Juli an in der Kongress-Kommission zur Aufarbeitung des Aufstands.

Ihr Mut wird nicht belohnt: Zusammen mit ihrem Fraktionskollegen Adam Kinzinger wird Cheney für diese Ausschuss-Tätigkeit aus der Partei verstoßen und ist bis heute Zielscheibe von Trumps Hass. Dessen neue Justizministerin Pam Bondi kündigte mögliche neue Ermittlungen gegen den Ausschuss an – Joe Biden hatte den Mitgliedern aber am Ende seiner Amtszeit vorsorgliche Begnadigungen ausgesprochen.

Und da ist Polizist Eugene Goodman, der für viele zu einem Helden des Aufstands wurde. Er lockte den Krawall-Mob im Kongressgebäude weg vom Sitzungssaal des Senats, schickte die Protestierenden in eine andere Richtung und verschaffte so den flüchtenden Politikern entscheidende Zeit. Am 6. Januar 2023 verleiht ihm Joe Biden die Bürgermedaille des Präsidenten, doch auch der Kongress hatte geplant, Goodman zu ehren. Am 12. Februar 2021 entscheidet der US-Senat in einer Resolution, dass er die „Congressional Gold Medal“ erhalten solle. Der Vorschlag schafft es nie durch die andere Kongresskammer – bis heute hat das Repräsentantenhaus die Ehrung nicht beschlossen.

Die Begnadigung: Eine umstrittene Entscheidung

Keine Wende ist aber so eindrucksvoll wie die des Präsidenten. Im November 2024 ist sein Comeback perfekt. Trump gewinnt die Präsidentschaftswahl gegen Kamala Harris, drei Monate nachdem sich sein Widersacher Joe Biden aus dem Rennen zurückgezogen hatte. Am 20. Januar 2025 zieht der 78-Jährige als ältester US-Präsident zum Amtsantritt wieder ins Weiße Haus ein und schreibt seitdem von dort aus weiter die Geschichte des Kapitolsturms um. Für ihn ist seine Version des Ganzen bisher gut ausgegangen.

Deutlich besser als zunächst gedacht läuft es auch für hunderte Verurteilte. Trump begnadigt am ersten Tag seiner neuen Amtszeit rund 1500 verurteilte Demonstranten, die er „politische Gefangene“ und „J6-Krieger“ nennt. Er zieht diese Entscheidung zwar schnell durch, doch beliebt sind diese „Presidential Pardons“ nicht. In einer Umfrage der Universität von Massachusetts befürworten nur 35 Prozent eine Begnadigung für nicht-gewalttätige Verurteilte vom 6. Januar und nur 18 Prozent für diejenigen, die einer Gewalttat überführt wurden – es ist eine der umstrittensten Entscheidungen aus Trumps erstem Jahr seiner zweiten Amtszeit.

Inzwischen will in Amerika trotz der neuen Jack-Smith-Aufnahmen kaum noch jemand über den Sturm auf das Parlamentsgebäude sprechen. Der Führer der Demokraten im Repräsentantenhaus, Hakeem Jeffries kündigte zwar zum Jahrestag eine „spezielle Anhörung“ an, um auf die anhaltende Bedrohung freier und fairer Wahlen hinzuweisen. Das erscheint aber wie ein pflichtschuldiger Schritt. Selbst unter seinen Parteifreunden wollen viele lieber mit Forderungen zu Lebenshaltungskosten, Krankenversicherung und aktuellen Staatskrisen in die nächsten Wahlkämpfe ziehen.