Mit der zweiten Corona-Weihnacht hat sich eine neue Zeitrechnung etabliert. Wir ordnen Geschehnisse der jüngeren Vergangenheit inzwischen danach, ob sie sich vor oder nach dem Beginn der Pandemie zugetragen haben. Im persönlichen Leben gibt es solche Zäsuren immer wieder: Begegnungen, Ereignisse, Schicksalsschläge, die das Leben umkrempeln.
Der letzte Song der Popgruppe Abba vor der Trennung 1982 thematisiert eine solche Erfahrung: Mein Leben, heißt es im Lied „The day before you came“, lief im gewohnten Rahmen – bis zu „dem Tag, bevor du kamst“. Das Coronavirus hat es geschafft, dass im Beziehungsgefüge ganzer Gesellschaften gefühlt kein Stein auf dem anderen geblieben ist.
Himmlische Lichtshow
Die Geburt Jesu Christi, an der sich unsere Zeitrechnung seit mehr als 1200 Jahren orientiert, war von völlig anderer Qualität: komplett unauffällig, über Jahrzehnte hinweg folgenlos. Interessant wurde Weihnachten erst in der Langzeit-Retrospektive: In der Rückschau auf das Leben Jesu stilisierten die biblischen Autoren seine Geburt zu einem übernatürlichen Event mit Engelschören, einer himmlischen Lichtshow und einer astronomischen Sensation, dem Stern von Bethlehem, über dem Stall mit Maria und Josef, Ochs und Esel und dem Kind in der Krippe.
Mit diesem Formenrepertoire ist Weihnachten zum Inbegriff von Vertrautheit und Verlässlichkeit geworden: „Alle Jahre wieder“ (hier geht's zu Text und Melodie) kommt das Christuskind. Der Tannenbaum mit seinem Kleid lehrt „Hoffnung und Beständigkeit“. Und in den Gottesdiensten, siehe, wird alljährlich eine „große Freude verkündigt: Heute ist euch der Heiland geboren“. So sicher wie das Amen in der Kirche.
Wiederkehr des ewig Gleichen?
Zwar kommt dieses zyklische Moment dem Bedürfnis nach Geborgenheit entgegen. Gerade wenn die Corona-Drohszenarien nahezu täglich ein Update erfordern, tut die Heimeligkeit gut. Dennoch verfehlt Weihnachten als Wiederkehr des ewig Gleichen den Urimpuls dieses Fests als einer großen Zäsur.
Unter dem Eindruck, dass Gott zur Welt kommt (und nichts weniger behauptet die christliche Botschaft), müsste sich das Leben ändern. Wenn alles bleibt, wie es ist, läuft Weihnachten leer.
Krippenspiel als Mummenschanz
Ganz besonders übrigens in den Kirchen. Beseelt über das Kind in der Krippe zu predigen und nicht sogleich unbeirrbar und unerbittlich anzutreten gegen die Missstände, die Verbrechen an Kinderseelen in der Kirche ermöglicht und begünstigt haben, macht Krippenspiel und Christmette zum Mummenschanz.
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Es gibt am Ende der Weihnachtsgeschichte (hier finden Sie den vollständigen Text) einen oft überlesenen Satz: „Und die Hirten kehrten wieder um.“ Das ist keine Rückkehr in den alten Trott. Man muss sich – angelehnt an Albert Camus – die Hirten als verwandelte Menschen vorstellen. Ob das an Weihnachten 2021 gelingt? Ob aus dem Gefühl, dass wir Menschen einander brauchen und aneinander Halt finden, auch ein Mehr an Verantwortung erwächst?
Das Bewusstsein, dass alles, was jeder und jede Einzelne in der Pandemie tut, ein Zusammenspiel von Eigennutz und Nächstenschutz ist. Es liegt mit an uns, dass die Zeit „seit Corona“ keine unendliche Geschichte des Schreckens wird.



