Helgas Leben startete mit vielen schrecklichen Erfahrungen. Sie musste miterleben, wie ihre Mutter im Lager vergewaltigt wurde. Später wollte ihr Vater sie einem Polen überlassen, der seine eigene Tochter im Krieg verloren hatte. Nach der Flucht ins Rheinland erkrankte ihre Mutter an Schizophrenie. Helga und ihre Geschwister kamen in ein Heim, wo sie geschlagen und gedemütigt wurden. Mit 16 Jahren wurde sie auf dem Nachhauseweg von der Arbeit selbst vergewaltigt. Kraft gegeben hat ihr das Schreiben, aber auch die Arbeit. Sie hat in Großküchen gekocht, behinderte Kinder betreut, ihren Sohn großgezogen und zwei weitere junge Frauen ins Erwachsenenleben begleitet. Wenn man sie fragt, was das wichtigste, im Leben ist, dann sagt sie: Empathie.
Sie sind in Ostpreußen geboren und erlebten als Kind mehrere Fluchtversuche. Woran erinnern Sie sich noch?
Ich war ungefähr sechs. Wir kamen aus Ostpreußen, aus der Gegend von Braunsberg und Königsberg. Mit einem Pferdewagen ging es über das zugefrorene Haff nach Danzig. Meine Tante lag mit ihren drei Kindern in einer Schule auf dem Boden. Wir legten uns dazu. In dieser Nacht wurde meine Mutter vergewaltigt. Ich lag daneben.
Das ist schrecklich. Wie haben Sie sich verhalten?
Ich habe dem Mann immer auf den Hintern gehauen und gesagt: Lass meine Mama in Ruhe. Mein jüngster Bruder ist aus dieser Vergewaltigung entstanden.
Wir wurden schließlich gezwungen, in unsere Heimatdörfer umzukehren und kamen zurück zu meinem Vater nach Königsberg. Einmal mussten wir in einer Leichenhalle übernachten. Ich erinnere mich hauptsächlich daran, dass ich Angst gehabt habe.
Als Tochter-Ersatz angeboten
Ihr zweiter Fluchtversuch ist dann geglückt?
Ja. Ein Pole half uns über die Grenze. Er hatte seine Tochter im Krieg verloren. Mein Vater bot ihm mich an – als Ersatz, so habe ich es verstanden. Ich fing an zu weinen. Der Mann fragte mich, ob ich mitwolle. Ich sagte: Nein. Da sagte er: Wenn du nicht willst, will ich auch nicht. Das hat mich bis heute nicht losgelassen.
Hat sich das Verhältnis zu Ihrem Vater von je wieder erholt?
Wir hatten ohnehin kein gutes Verhältnis. Ich hatte oft Angst vor ihm. Er machte komische Sachen, die ich als Kind nicht verstand. Einmal zwang er uns, die Hand an eine Steckdose zu halten. Ein anderes Mal trug er mir auf, einem mir fremden Mann den Heimweg zu zeigen. Ich hatte Angst und dachte unterwegs, jetzt holt er ein Beil unter seinem Mantel heraus und bringt mich um. An einer Kreuzung traf ich zum Glück meine Tante.
Was fanden Sie im Rheinland vor?
Erst ein Lager, dann eine Jugendherberge. Wir hatten überall Läuse. Aber am schlimmsten war, dass meine Mutter an Schizophrenie erkrankte. Wenn sie einen Anfall hatte, ging sie auf meinen Vater los. Sie warf mit Holzscheiten nach uns. Ich erinnere mich, dass mein Bruder manchmal alle Messer hinter den Küchenschrank warf, damit sie damit nicht auf uns losgehen konnte.
Ihr älterer Bruder und Sie mussten sich viel um die kleineren Geschwister kümmern. Was waren Ihre Aufgaben?
Wir wuschen Wäsche, holten Holz, putzten, kochten. Oder versuchten das zumindest, schließlich gab es fast nichts zu essen. Wenn es keine Kartoffeln gab, kochten wir die Schalen. Manchmal tunkte ich für meinen kleinen Bruder Maisbrot in Wasser und streute ein bisschen Zucker drauf. Wir gingen von Tür zu Tür betteln. Meistens sagten die Leute: „Wir haben selbst nichts“ und schlugen die Tür zu.
Wann kam Ihre Mutter in die Klinik?
Sie wurde irgendwann über Nacht abgeholt und nach Langenfeld gebracht. Sie sagte noch: „Trennt mich nicht von meinen Kindern. Ich will lieber sterben, als das zu erleiden.“ Mehr als zwanzig Jahre blieb sie dort. Wir durften sie erst mit 21 Jahren besuchen. Als ich sie dann zum ersten Mal sah, sagte sie: „Du kannst gar nicht meine Tochter sein. Meine Kinder sind noch ganz klein.“ Ich bin trotzdem geblieben und immer wieder hingegangen. Irgendwann hat sie mich akzeptiert.
Brutalität und Demütigungen im Heim
Wie ging es für Sie als Kinder weiter?
Wir kamen ins Heim, alle fünf, aber auf verschiedene Gruppen verteilt. Wir durften einander kaum sehen. Ich bin einmal zum Bettchen meines kleinen Bruders gegangen, um nach ihm zu schauen. Da hieß es, ich solle gehen. Meine Schwester durfte ich auch nicht besuchen.
Was ist im Heim passiert?
Wir wurden geschlagen und gedemütigt. Die Diakonisse hörte abends, dass ich noch redete, und schlug mich, bis meine Lippe aufplatzte. Wir mussten unsere Unterhosen nach dem Duschen zeigen. Wenn ein Mädchen von der Periode einen Fleck darin hatte, hieß es: „Du Schwein, wasch deine Hose aus.“ Aufgeklärt hat uns niemand. Es war ein Schock und wir haben uns geschämt.
Sie haben später Gedichte über Ihre Zeit im Heim geschrieben. Sie lesen sich zum Teil sehr drastisch. War Ihnen das wichtig?
Ich hatte es zuerst freundlicher geschrieben. In einem Schreibkurs ermunterte man mich dann aber zu mehr Deutlichkeit. Und in der Tat: Sonst versteht keiner, was da passiert ist. Wir mussten still sein, durften nicht weinen, nicht widersprechen. Wenn ein Kind nicht rechtzeitig mit den Hausaufgaben fertig war, durfte keines nach draußen. Es gab Schläge mit dem Rohrstock. Und wenn ich beim Essen nicht aufessen konnte, bekam man dasselbe abends wieder vorgesetzt. Man drohte sogar damit, man müsse das eigene Erbrochene essen, wenn man sich am Tisch übergab. Später kam ich immerhin in ein anderes Heim nach Stephansheide, da war es dann besser.
„Danach warf man mich aus dem Auto“
Aber die Zeit der Schrecken war noch nicht vorbei. Sie sagen, Ihnen sei das gleiche Verbrechen widerfahren wie Ihrer Mutter.
Ich war vielleicht 16 oder 17 Jahre alt, als ich in einer Kölner Kneipe arbeitete. Gewohnt habe ich zu der Zeit schon bei einer Familie außerhalb Kölns. Ich bin immer mit der Bahn gefahren, aber an diesem Abend verpasste ich den Zug und zwei Männer aus der Kneipe boten mir an, mich nach Hause zu fahren. Ich habe das angenommen, aber sie brachten mich auf ein Feld und vergewaltigten mich. Danach warf man mich aus dem Auto. Ich verlor einen Schuh und lief nach Hause. Ich habe das lange niemandem erzählt. Ich schämte mich sehr.
Was half Ihnen, immer wieder weiterzumachen?
Arbeit. Ich habe zum Beispiel für fünfhundert Leute bei der Bezirksregierung gekocht, dann in der Großmarkthalle. Danach ging ich zurück in das Kinderheim Stephansheide arbeitete dort 17 Jahre. Ich war immer in irgendwelchen Küchen beschäftigt. Später kam ich nach Michaelshoven. Da betreute ich behinderte Kinder, am Ende meist einzeln.
Einer Ihrer Zöglinge war Autist, sprach nicht und sollte eigentlich in eine geschlossene Anstalt. Wie kamen Sie mit ihm zurecht?
Er war sehr aggressiv. Ich schaute mir an, wie man ihn behandelte, und dachte: So geht das nicht. Man ließ mich machen. Ich behandelte ihn einfach wie einen Menschen. Die Eltern sagten, sie hätten einen Engel geschickt bekommen. Ich verständigte mich mit ihm in gestützter Kommunikation. Er konnte nicht sprechen, aber mit dem Finger auf Buchstaben zeigen. Einmal schrieb er: „Ich liebe dich.“ Ich sagte: Dann können wir nicht mehr zusammenarbeiten. Er schrieb zurück: „Doch. Ich liebe dich trotzdem.“
Was wurde aus ihm?
Er lebt heute in einer Wohngruppe. Ich würde sagen, er hat ein gutes Leben. Früher sollte er in eine geschlossene Einrichtung. Jetzt kann er mit dem Handy sagen, was er braucht: dass er Hunger hat, schlafen möchte. Er ist ein gutes Beispiel dafür, was möglich wird, wenn man jemanden nicht aufgibt.
„Wir waren ungefähr fünfzig Jahre glücklich verheiratet“
Wie haben Sie Ihren Mann kennengelernt?
In einem Tanzlokal in Dellbrück. Er wohnte nur zwei Häuser weiter und konnte gut tanzen. Ich bin sehr schnell schwanger geworden, unser Sohn kam nur ein paar Tage nach der Hochzeit zur Welt. Wir waren ungefähr fünfzig Jahre glücklich verheiratet. Ich habe alles an ihm geliebt.
Ihr Mann ist vor zwei Jahren verstorben. An welche glücklichen Momente erinnern Sie sich vor allem?
Wir sind viel nach Italien gefahren, zu seiner Familie in die Provinz Perugia, aber auch oft ans Meer. Wir hatten ein gutes Leben zusammen. Er fuhr Motorrad, machte den Garten und ging dreimal in der Woche ins Fitnessstudio. Er war sehr fit. Allerdings arbeitete er im Kesselbau und stand dabei in den Kesseln auf Asbest. Dadurch erkrankte er an Asbestose. Eine Lungenhälfte arbeitete nicht mehr richtig. Als Corona dazukam, wurde es zu viel. Er war 83 als er starb.
Sie haben Ihre zwölf Jahre alte Nichte aufgenommen, als deren Eltern an Aids starben. Auch Ihre Enkelin lebte zeitweise hier. Die hat mir geschrieben, dass Sie Zeit Ihres Lebens für andere da waren. Woher nahmen Sie die Kraft?
Ich habe einfach mein Leben lang Freude daran gehabt, anderen zu helfen. Das habe ich schon als Kind im Krieg und nach der Flucht gelernt, dass mir das selbst Halt gibt. Ich glaube, wenn ich das nicht hätte, wäre ich gar nicht mehr da. Natürlich hätte ich auch verbittert werden können. Aber das wollte ich nicht. Und auch bei den Kindern haben wir immer Wert daraufgelegt, dass die zum Beispiel ein Soziales Jahr machen.
Gerade wenn man es selbst schwer hat, kann das hilfreich sein, weil man dann eben auch mit anderen Schicksalen konfrontiert wird und vielleicht realisiert, dass man es gar nicht mal so schlecht getroffen hat und gut daran tut, andere zu unterstützen.
„Das ist doch das wichtigste, sich in andere einzufühlen, von sich abzusehen, sich gegenseitig zu unterstützen“
Sie sagen, Empathie sei das wichtigste. Fehlt Ihnen die heute manchmal?
Ich mag Menschen nicht, die sich nicht die Mühe machen, andere zu verstehen. Es ist mir unbegreiflich, warum manche Menschen so verroht sind. Das ist doch das wichtigste, sich in andere einzufühlen, von sich abzusehen, sich gegenseitig zu unterstützen. Ich beobachte leider, dass gerade Jugendliche oft wenig Rücksicht nehmen. Durch die viele Technik die heute schon das Leben von Kindern bestimmt, kommt Empathie zu kurz. Viele hängen nur am Handy.
Kann man Empathie lernen?
Man muss sie den Kindern vorleben. Sich mit ihnen beschäftigen, ihnen zuhören. Sie nie abstempeln und sagen: Du bist dumm, du bist schwierig, du gehörst weg. Der Junge, den ich betreut habe, sollte in eine Anstalt. Heute lebt er in einer Wohngruppe. Das hat nur deshalb geklappt, weil man ihn nicht aufgegeben hat.
Helga hat uns gebeten, ihren Nachnamen nicht zu veröffentlichen. Diesem Wunsch sind wir nachgekommen.


