Schulzeugnisse sind fast schon heilige Dokumente. Und doch steht das, was wirklich Aussagekraft haben könnte, meist auf einem anderen Blatt.
Die OptimistinHinter jedem Zeugnis steckt ein ganzes Jahr voller Synapsen-Blitze


Das beste an Zeugnissen ist die Zeit danach: Sechs Wochen Sommerferien.
Copyright: Marcus Brandt/dpa
Wie oft hatten Sie in der Schule eigentlich eine Eins auf dem Zeugnis? Wenn ja: Auf welche waren Sie besonders stolz? Was hat sie Ihnen am Ende gebracht? Und: Für welche Note schämen Sie sich heimlich? Heute gibt es für alle Schulkinder in NRW Zeugnisse. Es regnet natürlich nicht nur Einsen. Und auch wer eine Fünf mit nach Hause bringt, ist durchaus kein schlechter Mensch.
Mir ist es noch heute fast ein bisschen unangenehm, das zuzugeben. Aber ich war eine sehr gute Schülerin. Eine Kollegin erneuert mein Trauma, indem sie mir gerade zuruft: Wer nie versetzungsgefährdet war, der kennt das Leben nur halb. Was soll ich sagen? Es gab Zeiten, da habe ich in Mathe- oder Lateinarbeiten wohldosierte Fehler eingebaut, damit ich eben keine Eins mit nach Hause brachte. Fehlerfreies abzuliefern, war mir unglaublich peinlich. Die coolen Kinder standen schließlich immer in mindestens einem Fach auf der Kippe. Ich hatte reihenweise Freundinnen, die mit einer hoffnungslosen Matheschwäche kokettierten und verliebte mich mit einer gewissen Systematik und ständig in Latein- oder Deutsch-Versager. Die meisten von ihnen hatten trotzdem eine Eins auf dem Zeugnis. Je nach Typ entweder in Sport oder Musik und beides brachte ihnen bei mir die nötigen Punkte ein. Mein Vater pflegte das folgendermaßen zu kommentieren: „Mein Chef hat mich noch nie gebeten, ihm etwas vorzusingen oder im Büro über die Schreibtische zu springen.“
Das Trauma: Ein Dominantseptakkord
In meinen Augen lagen die Dinge anders: Einsen in Fächern, die einer handelsüblichen Karriere nun eher nicht dienlich waren, fand ich immer erstrebenswert und attraktiv. Leider reichte meine Begabung ausgerechnet in diesen Sparten meist nur für eine Zwei. In Musik habe ich es sogar geschafft, die einzige Klassenarbeits-Vier meiner Schulkarriere zu schreiben. Ich muss erklärend dazu sagen, dass ich ein musisches Gymnasium besuchte, und auch erwähnen, dass ich bei dieser traumatischen Arbeit keine absichtlichen Unrichtigkeiten einbaute. Es ging um Kadenzen und Dominantseptakkorde und jeden einzelnen Fehler habe ich mir redlich verdient.
Wenn ich heute über Zensuren nachdenke, dann weiß ich natürlich, dass sie über den Charakter eines Menschen nichts aussagen und nicht einmal geeignet sind, derzeitige Klugheit, späteren Erfolg oder gar so etwas wie Lebensglück zu prognostizieren. In Anlehnung an meinen Vater könnte ich meinen Kindern heute sagen: „Mein Chef hat mich noch nie Lateinvokabeln abgefragt. Und selbst das Prozentrechnen übernimmt halt notfalls irgendeine Maschine.“ Und selbstverständlich sollte man aus diesen Gründen gerade zum Zeugnistag sagen: Nehmen Sie Noten nicht allzu wichtig!
Trotzdem widerstrebt es mir ebenfalls, sie geringzuschätzen. Schließlich sind sie das Ergebnis eines ganzen Jahres Lernen. Ihnen sind irgendwelche Synapsen-Blitzlichtgewitter in Kinder- oder gar Jugendlichen-Gehirnen vorausgegangen. Sogar dann, wenn da nur „ausreichend“ steht. Und wer irgendwo eine Eins oder eine Zwei auf dem heiligen Dokument findet, der sollte selbstverständlich auch stolz auf seine Gehirnverdrahtungen sein dürfen.
Am wichtigsten ist vielleicht, auch mal zwischen den Zeilen zu lesen. Oder gar eine Seite weiter zu blättern. Manchmal finden sich da Auszeichnungen, die nicht einmal eine Eins in Quantenphysik wettmachen könnte. Auszeichnungen, die vielleicht wirklich geeignet sind, so etwas wie Lebensglück darauf zu gründen. An der Schule meines jüngsten Kindes heißt das Blatt „Warme Dusche“ und darunter versammeln sich quasi die Zensuren, welche die Klassenkameraden ihren Mitschülern geben. „Intergalaktisch“ steht da dann zum Beispiel. „Cool“, „Tischtennis-Goat“ und „megawitzig“, aber auch „Du bist mein bester Freund“.

