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Kampf um Liebe„Erwachsene Töchter machen sich zu oft abhängig vom Urteil der Mutter“

Lesezeit 7 Minuten
Eine Frau mittleren Alters schaut in die Kamera, im Hintergrund ist unscharf ihre Mutter zu sehen.

Oft haben erwachsene Töchter ein eher kompliziertes Verhältnis zu ihrer Mutter.

Eigentlich ist Frau längst schon erwachsen, doch wenn ihre Mutter nur einmal schief guckt oder einen Kommentar fallen lässt, fühlt sie sich plötzlich wieder ziemlich klein. Viele erwachsene Töchter arbeiten sich ihr halbes Leben lang an der Beziehung zu ihrer Mutter ab. Aber warum hat die so viel Macht? Ein Gespräch mit Journalistin Silia Wiebe, Autorin des Buches „Unsere Mütter“.

Zwischen Müttern und Töchtern geht es oft intensiv, aber auch explosiv zu. Woran liegt das?

Silia Wiebe: Tatsächlich gibt es in Mutter-Tochter-Beziehungen mehr Konflikte, aber auch mehr Nähe, das haben Studien gezeigt. Mütter sind oft näher an den Töchtern dran, weil sie sich mehr mit ihnen vergleichen als etwa mit ihren Söhnen. Manchmal geht es so weit, dass durch die Erfahrungen der Tochter auch bei der Mutter eigene Schmerzen wieder hochkommen. Nicht selten definieren sich Mütter sogar über den Erfolg der Tochter und haben genauere Vorstellungen, wie die sein sollte. Deswegen ist es so kompliziert, wenn Mutter und Tochter unterschiedlich sind.

In meinem Buch gibt es zum Beispiel die Influencerin Luisa, die ein Unternehmen aufgebaut hat, auch mal übers Wochenende nach Dubai fliegt und ganz anders ist als ihre Mutter, die als Kinder- und Jugendtherapeutin arbeitet und sehr nachhaltig lebt. Luisa fragt sich, warum ausgerechnet die Mutter ihren Erfolg nicht sieht und nicht mit ihr zufrieden ist.

Hängt das Selbstwertgefühl der Töchter entscheidend von den Müttern ab?

Ja, denn in der Kindheit ist die Mutter unsere erste große Liebe. Wenn aber die Liebe und Wertschätzung der Mutter aus welchem Grund auch immer beim Kind nicht ankommt, ist es auch für die erwachsene Frau immer noch schwer, ein gesundes Selbstwertgefühl aufzubauen. Deshalb haben die Mütter eine so große Bedeutung.

Warum kommt die Liebe der Mutter bei manchen Kindern nicht an?

Ich glaube, es liegt an der Liebessprache, die bei Menschen einfach unterschiedlich ist. Um sich in einer Beziehung bestätigt zu fühlen, braucht der eine warme Worte, der andere materielle Liebesbeweise und der dritte gemeinsam verbrachte Zeit. So kann es sein, dass die Liebessprache der Mutter beim einen Kind total gut ankommt und es das Gefühl hat, die Mutter hat ihm alles gegeben, während das andere Kind eben etwas anderes von ihr gebraucht hätte und sich nicht ausreichend geliebt fühlt. Es ist natürlich nicht die Aufgabe des Kindes, die Sprache der Mutter zu lernen, sondern deren Aufgabe, herauszufinden, was ihr Kind braucht.

Aus welchen Gründen arbeiten sich viele Töchter ein Leben lang an ihrer Mutter ab?

Buchtipp

Viele erwachsene Töchter kämpfen noch um die Liebe, die sie als Kind nicht bekommen haben – obwohl die Mutter diese Bedürfnisse nachträglich gar nicht mehr erfüllen kann. Sie können ihr nicht verzeihen und erwarten immer noch etwas von ihr. Ich glaube, zu viele erwachsene Töchter machen sich abhängig von der Meinung und vom Urteil ihrer Mutter und bleiben daher in der Opferrolle. Als Kind ist man natürlich abhängig von seiner Mutter, aber als Erwachsene nicht mehr.

Wie kommt die Tochter aus der Opferrolle wieder raus?

Es liegt an der Tochter, sich selbst von der Angel zu nehmen und zu erkennen, dass die Mutter nicht mehr dafür zuständig ist, ihre Seele zu streicheln, Wunden zu pflegen und nachträglich ihr Selbstwertgefühl aufzubauen. Die Tochter sollte sich nicht permanent damit beschäftigen, ob die Mutter sie gut findet, sondern schauen, wie sie sich selbst sieht. Sie muss sich selbst Liebe und Anerkennung geben. Und statt ewig in der Kinderrolle hängen zu bleiben, sollte sie sich frei machen von der Sehnsucht nach der mütterlichen Anerkennung. Das ist super wichtig, um Frieden mit der Mutter zu finden und sich mit ihr auszusöhnen.

Das hört sich sehr schwierig an…

Ja, natürlich ist das schwer und ein mühsamer Prozess, der Jahre dauern kann. Manche brauchen auch therapeutische Hilfe. Auch ich hatte, bis ich Mitte 30 war, eine sehr wellenförmige Beziehung zu meiner Mutter und fragte mich immer, warum ich mich so sehr nach ihrer Wertschätzung sehne. Ich habe mich dann intensiv mit meiner Kindheit beschäftigt und geschaut, was ich mir immer noch von ihr wünsche, weil ich es als Kind nicht bekommen habe. Es hat mir geholfen, viel mit ihr über die Vergangenheit zu sprechen.

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Sollte man mit der Mutter mehr über früher reden?

Ich denke, es kann die Aussöhnung beschleunigen, wenn man die Möglichkeit hat, der Mutter Fragen zu stellen und zu erzählen, wie man bestimmte schmerzhafte Situationen als Kind empfunden hat. Vielleicht erfährt man, warum die Mutter sich damals wie verhalten hat und versteht dann vieles besser. Das kann eine erlösende Erfahrung sein. Ich rate allen Töchtern, die alleine keinen Frieden finden können, es zumindest zu versuchen, ihre Mutter darauf anzusprechen. Wenn die Mutter auch ihren Beitrag leistet, ist das natürlich toll.

Was passiert, wenn von der Mutter nichts kommt?

Es gibt auch viele erwachsene Töchter, die nicht das Glück haben, mit ihrer Mutter so reden zu können. Man muss verstehen, dass viele der heute 70- oder 80-jährigen Mütter es auch gar nicht gelernt haben, offen über Emotionen und Ängste zu sprechen. Deshalb würde ich da nicht so viel erwarten. Aber man braucht die Mutter nicht, um sich mit ihr auszusöhnen. Das ist ein Irrglaube. Selbst wenn sie schon gestorben ist, ist es nicht zu spät. Der wichtigste Teil der Versöhnungsarbeit passiert in einem selbst.

Wie kann man die eigene Mutter besser verstehen lernen?

Als Erwachsene ist es wichtig, die Mutter auch als Frau mit eigenen Problemen, Schwächen und Ängsten zu sehen. Um diese Perspektive leichter einnehmen zu können, kann helfen, die Mutter innerlich eine Zeit lang beim Vornamen zu nennen. Sieht man sie nur als Mensch, versteht man besser, dass sie sich damals zum Beispiel nicht gut kümmern konnte, weil sie vielleicht finanzielle Probleme oder Beziehungskrach hatte. Als Erwachsener diese Distanz einzunehmen, ist wichtig, um die Kindheit aufarbeiten und der Mutter auch leichter verzeihen zu können. Je mehr Mitgefühl wir mit unserer Mutter haben, desto mehr Mitgefühl können wir auch mit uns als Kind haben.

Auch ich habe mich mit der Geschichte meiner Mutter beschäftigt, weil ich verstehen wollte, warum sie so ist, wie sie ist. Heute weiß ich: Sie hat ihr Bestes gegeben, auch wenn es nicht immer das war, was ich in dem Moment gebraucht habe. Das kann ich ihr aber nicht vorwerfen.

Und doch möchte man die Liebe der Mutter ja auch als Erwachsene noch bekommen…

Ja, aber hier muss man unterscheiden zwischen Bedürftigkeit, also dem Wunsch, geliebt zu werden und wirklicher Liebe, bei der man erst einmal nichts erwartet. Man freut sich einfach, dass der andere da ist. Das ist wohl die schönste Form der Beziehung, um die man sicher ein Leben lang ringt.

Manche Töchter haben gar keine liebevolle Beziehung zur Mutter und brechen den Kontakt ganz ab. Kann das helfen?

Wenn man eine narzisstische Mutter hat, kann es Situationen geben, in denen das wichtig ist. Die Frage ist aber, ob die Mutter nicht trotzdem im Kopf als innerer Kritiker dabei bleibt. Kontaktabbruch heißt nicht, dass die Mutter auch aus dem Herzen rausgeflogen ist. Eine Frau in meinem Buch, Veruschka, hatte zum Beispiel eine sehr schwierige Mutter-Beziehung und ist mit 17 bereits weit weg gezogen. Ihre Mutter aber blieb noch Jahrzehnte weiter in ihrem Kopf dabei und hat in ihrer Fantasie alles, was die Tochter machte, negativ kommentiert. Dann nutzt auch der ganze Abstand nichts, wenn man sich nicht innerlich aussöhnt. Veruschka und auch alle anderen Mütter im Buch haben das am Ende geschafft.

Welche Auswirkung hat die Beziehung zur Mutter auf das eigene Muttersein?

Meist beschäftigen wir uns erst richtig mit unserer Mutter-Beziehung, wenn wir selbst schon Kinder haben. Je früher man seine eigene Mutter-Beziehung heilt, desto entspannter wird wahrscheinlich auch die Beziehung zu einem eigenen Kind.

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