Ute Schnell-Micka vom schulpsychologischen Dienst der Stadt Köln wünscht sich, dass sich Kinder in den Ferien vor allem erholen. Also: Hefte weg!
Sechs Wochen frei„Ferien sollten auch wirklich Ferien sein. Und zwar für alle“

Ferien sollten nur in Ausnahmesituationen zum Lernen genutzt werden. Und dann auch nur in Maßen.
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Frau Schnell-Micka, die Ferien starten. Was bedeuten das aus schulpsychologischer Sicht?
Ute Schnell-Micka: Ferien sind in erster Linie freie Zeit für Kinder und Jugendliche sein. Es geht um echte Pausen, um Entlastung vom schulischen Alltag.
Also Schulsachen wegpacken und sechs Wochen wirklich gar nichts lernen?
Absolut. Das sollten die meisten Kinder tun. Ferien sind wirklich Freizeit. Und in der Regel greifen Kinder, wenn sie echte Ruhe haben, von selbst zu einem Buch oder entdecken Hobbys, für die sie sonst keine Zeit haben. Das ist unglaublich wertvoll.
Und trotzdem taucht bei vielen Eltern die Frage auf: Sollte das Kind in den Ferien nicht auch ein bisschen lernen, damit es nicht alles vergisst?
Es kann Situationen geben, in denen es berechtigt ist, zum Beispiel bei großen Defiziten in einem Fach. Aber nur dann, wenn das Kind selbst motiviert ist und es möchte. Wenn Kinder von sich aus sagen: „Ich möchte das üben“ oder „Ich will das verstehen“, dann ist es etwas anderes, als wenn Lernen als Pflichtaufgabe verhängt wird.
Und was, wenn das Kind jetzt nicht wirklich will, aber eben die Nachprüfung bestehen muss oder große Lücken hat? Wie beugt man vor, dass es wie eine Strafe wirkt?
Oft sind Kinder ja motiviert, die Nachprüfung zu schaffen, um die Klasse nicht wiederholen zu müssen. Und dann ist es entscheidend, dass man klare Absprachen trifft. Zunächst mit der Lehrerin oder dem Lehrer, dann mit dem Kind. Man muss vorher mit dem Kind absprechen, was sinnvoll ist, was es braucht. Und bei jüngeren Kindern kann man vieles ganz spielerisch gestalten, ohne dass es nach Unterricht aussieht.
Können Eltern das alleine leisten, oder sollten sie sich professionelle Hilfe holen?
Vieles lässt sich zu Hause bewältigen. Beim Lesen zum Beispiel: Eltern und Kind teilen sich eine Geschichte auf und lesen abwechselnd. Dadurch steigt die Motivation automatisch, weil das gemeinsame Interesse an der Geschichte wächst. Und beim Rechnen? Da kann vieles im Alltag umgesetzt werden: beim Einkaufen, beim Kochen.
Haben Sie ein Beispiel?
Gehen Sie einkaufen und lassen Sie das Kind drei Positionen zusammenrechnen bevor Sie zur Kasse kommen. Backen Sie einen Kuchen! Fragen Sie: „Wenn wir zwei Kuchen backen wollen, wie viele Eier brauchen wir dann?“ Die Motivation ist: Am Ende kann man den Kuchen essen.
Die Stadt Köln bietet aber auch Ferienförderkurse an. Für wen sind diese gedacht?
Die richten sich an Schülerinnen und Schüler von Klasse 7 bis 10 und Einführungsphase (EF) der gymnasialen Oberstufe, welche zur Nachprüfung zugelassen sind oder eine Empfehlung ihrer Lehrkraft zur Teilnahme haben. Wir bieten eine individualisierte Förderung in Kleingruppen durch qualifizierte Lehrkräfte an – Unterrichtsstoff wird wiederholt, zusätzlich erklärt. Das findet in einem begrenzten Zeitrahmen statt: insgesamt 26 Unterrichtsstunden über drei Wochen, also zwei Stunden pro Tag. Danach ist noch Zeit fürs Freibad.

Frau Schnell-Micka vom Schulpsychologischen Dienst sagt: „Wenn das Kind insgesamt mit seinen Leistungen zufrieden ist, dann ist das doch auch ein Wert. Nicht jedes Kind muss eine Eins anstreben.“
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Und das ist beliebt?
Sehr sogar. 160 bis 200 Schülerinnen nahmen in der Vergangenheit jedes Jahr an beiden Ferienhälften teil. Für die zweite Ferienhälfte ist eine Anmeldung noch bis zum 29. Juli 2026 möglich.
Jetzt gibt es ja häufig einen Konflikt zwischen dem, was Eltern wollen, und dem, was Kinder wollen. Beim Lernen in den Ferien wird das auch so sein.
Ja, definitiv. Eltern haben manchmal sehr hohe Erwartungen – aus besten Gründen, weil sie sich einen möglichst hohen Schulabschluss für ihre Kinder wünschen. Aber wenn Kinder diese Erwartungen nicht erfüllten können, führt das zu Verunsicherung und Zweifel an der eigene Person und kann das Selbstwertgefühl des Kindes negativ beeinflussen. Und dann wird die Sache nicht besser, sondern schlechter.
Was ist die Alternative?
Vertrauen in das eigene Kind haben, und den Blick auch auf das richten, das bereits funktioniert. Nicht nur Schwächen sehen, sondern auch: Mein Kind hat eine Eins in Kunst! Das sollte man hervorheben und deutlich machen, was dem Kind bereits gut gelingt.
Es gibt aber auch Kinder, die könnten, wollen sich aber einfach nicht anstrengen. Wie geht man damit um?
Das kann unterschiedliche Hintergründe haben. Es kann sein, dass Aufmerksamkeitsschwierigkeiten eine Rolle spielen oder dass ein Kind durch andere Aufgaben, welche seinem Leistungsniveau eher entsprechen mehr motiviert wird. Wenn das Kind insgesamt mit seinen Leistungen zufrieden ist, dann ist das doch auch ein Wert. Nicht jedes Kind muss eine Eins anstreben.
Langeweile hatte früher einen guten Ruf – Kinder lernten stricken oder erfanden Beschäftigungen. Heute gibt es aber Bildschirme, soziale Medien, Spiele. Wie geht man in den Ferien damit um?
Das ist tatsächlich eine große Herausforderung für alle Eltern. Da braucht es klare Grenzen und Absprachen, vor allem für Kinder im Grundschulalter. Regeln zur Bildschirmzeit sind wichtig. Und wenn diese nicht eingehalten werden, muss das auch Konsequenzen haben.
Brauchen Ferien Struktur oder lässt man die Kinder einfach machen?
Ein bisschen Struktur ist wichtig. Gemeinsame Mahlzeiten, feste Schlafenszeiten, gemeinsame Zeit: Das stabilisiert die Beziehung. Wichtig ist aber auch: Eltern müssen nicht von 10 bis 20 Uhr ein Angebot machen. Auch Langeweile darf sein, das fördert sogar die Kreativität und die Kompetenz, Handlungen selbst zu planen.
Welche drei Wünsche haben Sie für die perfekten Ferien?
Wirkliche Erholung. Und wenn Lernen notwendig ist, dann nur in Maßen. Und ganz wichtig: Dass Familien sich entspannen und nicht in ständigem Aktivierungsmode sind. Ferien sollten auch wirklich Ferien sein. Und zwar für alle.
Die Anmeldefrist für die zweite Ferienhälfte der Förderkurse endet am 29. Juli 2026. Angeboten werden die Fächer Mathe, Deutsch, Latein, Englisch und Französisch. Eine Teilnahme am dreiwöchigen Programm kostet 132,95 Euro. Die Kosten können bei Bedarf im Rahmen von Bildung und Teilhabe übernommen werden. Anmelden kann man sich bei der Stadt Köln.
Wer weitere Fragen zum Zeugnis hat oder Sorgen vor dem kommenden Schuljahr hat, der kann sich beim Schulpsychologischen Dienst der Stadt Köln melden.

