Raus aus der VermeidungSo nehmen Eltern einem ängstlichen Kind die Angst

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Ängstliche Kinder können kaum einen Schritt ohne ihre Eltern tun. 

Köln – Es gibt in jeder Kindergartengruppe und in jeder Klasse die Draufgänger, die sich alles (zu-)trauen und die Schüchternen, die ängstlich, still und abwartend sind. Diese Kinder klammern sich an die Eltern, schließen kaum Freundschaften und würden am liebsten das Haus nicht verlassen. Manche haben immerzu Bauchschmerzen und trauen sich nicht in die Schule. Für die Eltern ist das belastend, weil sie ihr Kind natürlich unbeschwert und glücklich sehen möchten. Für die Kinder ist es noch schwieriger, immer von Angst begleitet zu sein. Doch es gibt Möglichkeiten, die ängstlichen Kindern helfen, trotzdem selbstbestimmt durchs Leben zu gehen.  

„Kinder, die Angst empfinden, haben das Gefühl, anders zu sein. Manchmal denken sie, dass mit ihnen etwas nicht stimmt und dass ihnen niemand helfen kann. Diese Kinder sind unglaublich erleichtert, wenn sie begreifen, dass ihre Angst eine gut erforschte und kontrollierbare Krankheit ist“, schreiben die Autoren Jodi Richardson und Michael Grose in der Einleitung ihres Buches „Ängstliche Kinder. Wie Kinder ihre Angst in Stärke umwandeln – die besten Strategien aus der Positiven Psychologie“ (Trias Verlag, 338 Seiten, 19,99 Euro).

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Cover des Buches 'Ängstliche Kinder. Wie Kinder ihre Angst in Stärke umwandeln'

Richardson arbeitet als Coach für Eltern und Lehrer, Michael Grose zählt in Australien zu den führenden Autoren in den Bereichen Pädagogik und Erziehung. Mit ihrem Buch wollen sie betroffenen Eltern und Kindern wichtige Tipps und Übungen nahe bringen.

„Angst zu haben heißt Mensch zu sein“

Das Gefühl der Angst gehört für die beiden Autoren zum Leben dazu: „Angst zu haben heißt Mensch zu sein. Jeder von uns macht Bekanntschaft mit Angst. Sie kann in Stressmomenten zu einem vorübergehenden Begleiter werden oder unser gesamtes Wesen wie ein roter Faden durchziehen.“ Jeder vierte Erwachsene erlebe im Laufe seines Lebens eine Angststörung, erste Symptome treten den Autoren zufolge bei der Hälfte schon vor dem 16. Lebensjahr auf. Angst veranlasst Teile des Gehirns dazu, einen Kampf-oder-Flucht-Mechanismus in Gang zu setzen. Angst ist zudem eine Emotion und hat genau wie andere Emotionen einen Anfang, eine Mitte und ein Ende.

Die Angst der Kinder wird oft missverstanden

Leider gibt es aber viele Kinder, für die das Angstgefühl auch dann nicht aufhört, wenn der akute Stressmoment vorüber ist. Dieses Dauergefühl hindert sie daran, wirklich Kind zu sein. Im Normalfall wird die Angst ohne Behandlung eher schlimmer als besser. Ein Kind mit Angst aktiviert dauerhaft den Notfall-Modus in seinem Hirn, findet aber kein Ventil, um die gestörte körperliche Aufmerksamkeit zu entladen. Ängstliche Kinder sind deshalb manchmal zittrig, unsicher, geladen oder ungeduldig. Ihre Angst wird missverstanden. Kinder mit einer Angststörung können ebenso still, schüchtern, angenehm, sensibel, perfektionistisch und nachdenklich sein. Zudem können sie sich oft schlecht konzentrieren, weil sie sich ständig Sorgen machen.

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Angstmuster durchbrechen, Vermeidung vermeiden, Gedanken betrachten

Besorgte Kinder suchen dauernd die Bestätigung und den Halt ihrer Eltern. Diese möchten ihnen natürlich so gut wie möglich gegen das schlechte Gefühl helfen und tun viel dafür, die Auslöser für die Angst zu vermindern. Wenn das Kind zum Beispiel nicht in die Schule gehen will, nehmen sie es nach viel Weinerei und gutem Zureden am Ende wieder mit nach Hause. Das ist verständlich, löst aber das Problem nicht. Denn mit jeder Vermeidungserfahrung verfestigt sich das Verhaltensmuster und die Angst gewinnt immer mehr an Stärke. Die Angst der Kinder wird zwar kurzfristig gelindert, sie entwickeln aber nicht die nötigen Fähigkeiten, um mit ihrer Angst zurechtzukommen.

„Mach‘ dir keine Sorgen“ ist keine Lösung

Es ist auch keine Lösung, den Kindern zu sagen: „Mach‘ dir keine Sorgen“, denn es ist unmöglich für sie, nicht zu denken, dass sie sich Sorgen machen. Man kann Kindern dabei helfen, ihre Angst zu kontrollieren, indem man sie ermutigt, schwierige Gedanken zu betrachten, anstatt sie zu verdrängen. So werden sie vielleicht irgendwann nicht mehr davon mitgerissen, sondern können am Ufer stehen und die Gedanken als Fluss vorüber rauschen sehen. Dieses Konzept geht auf den Psychologen Steven Hayes zurück, der als Entwickler der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) gilt.

Weitere Bücher zum Thema Angst

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Cover des Buches Huch die Angst ist da

Ulrike Légé, Fabian Grolimund: Huch, die Angst ist da! Wie sich Kinder und Eltern mit ihrem Angstmonster aussöhnen können, Hogrefe Verlag, 160 Seiten, 19,95 Euro, ab 6 Jahren

Catherine Kuhlmann: Der Club der Mutigen, Bohem Verlag, 44 Seiten, 14,95 Euro, ab 3 Jahren

Simone Ciraolo: Wir Schüchternen, Bohem Verlag, 16,95 Euro, ab 3 Jahren

Ein guter Tipp für Eltern aus dem Buch: Wenn Ihr Kind sich in einer Angst-Situation befindet, stehen Sie ihm bei und gehen Sie mit ihm durch dieses Gefühl. Versuchen Sie, ihm zu zeigen, dass man Gefühle im Hier und Jetzt wahrnehmen und akzeptieren kann. Versuchen Sie nicht, das Problem sofort zu beheben und das Kind mit allen Mitteln aufzumuntern. Denn dann nehmen Sie es und seine emotionale Not nicht richtig ernst. „Meist beginnt der Würgegriff der Angst sich etwas zu lockern, wenn wir unseren Kindern beibringen, ihre Gefühle zu erkennen, zu verstehen und zu benennen. Unterstützen Sie sie dabei, zu sagen: ‚Ich habe Angst‘. Denn das Weglaufen vor der Angst macht diese stärker“, schreiben die Autoren.

Wie Eltern ängstlichen Kindern konkret helfen können

• Vorbilder sein: Wie verhalten wir uns selbst in Stressmomenten und unangenehmen Situationen? Gehen wir dem Problem aus dem Weg oder atmen wir tief durch und nehmen die Herausforderung an?

• Positives Verhalten zeigen: Wenn wir selbst empathisch sind und in komplizierten Situationen ruhige Bewältigungsstrategien einsetzen, lernen die Kinder von uns.

• Ruhig bleiben: Versuchen Sie, auch in akuten Angstmomenten des Kindes selbst so ruhig wie möglich zu bleiben. Dabei hilft tiefes Atmen und zu versuchen, geistig aus der aktuellen Situation herauszutreten.

• Verständnis zeigen: Lassen Sie sich von Ihrem Kind seine Angst beschreiben und sagen Sie: „Ich verstehe dich“ oder „Ich weiß, wie sich das anfühlt.“

• Vorbereiten: Ängstliche Kinder mögen keine unbekannten Situationen oder Menschen. Es hilf ihnen, wenn sie sich so gut wie möglich auf eine neue Situation oder Umgebung vorbereiten können. Besuchen Sie – wenn möglich – neue Orte vorab oder spielen Sie die Situation vorher mit ihrem Kind durch.

• Entspannung ermöglichen: Ängstliche Kinder neigen dazu, alles perfekt machen zu wollen und sich zu überfordern. Ermöglichen Sie Ihrem Kind deshalb unbedingt Pausen und die Gelegenheit zur Entspannung. Sorgen Sie für ausreichend Schlaf, Bewegung und eine gute Ernährung. 

• Das große Ganze im Auge behalten: Ängstliche Kinder brauchen jemanden an ihrer Seite, der ihnen dabei hilft, das große Ganze im Auge zu behalten und sich nicht im Strudel der negativen Gedanken zu verlieren. Nehmen Sie sich Zeit, mit Ihrem Kind darüber zu sprechen, was ihm wirklich wichtig ist.

• Kindern dabei helfen, unabhängig zu werden: Versuchen Sie, Ihre Kinder so weit zu unterstützen wie möglich, aber geben Sie ihnen zugleich so viel Eigenverantwortung wie möglich. Je selbstständiger und unabhängiger sie sind, desto weniger Chancen hat die Angst.

• Emotionale Selbstregulation unterstützen: Die Fähigkeit, die eigene Stimmung zu ändern oder die eigenen Gefühle zu regulieren, bildet das Herzstück der Angstbewältigung. Gute Möglichkeiten, die Stimmung zu beeinflussen, sind Atmen, Bewegung, Meditation oder Musik hören. In Akutsituationen hilft es außerdem, sich bewusst auf Dinge in der unmittelbaren Umgebung zu fokussieren, die man sehen, riechen, schmecken oder hören kann. Diese Übung lenkt die Gedanken ab. Lassen Sie Ihren Kindern Freiraum, unvorhersehbare Umgebungen zu erleben, geben Sie Ihnen Rückendeckung, wenn es nicht läuft und helfen Sie Ihnen, unaufgeregt mit Furcht, Zweifel und Unsicherheit umzugehen.

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