Kölner Hebamme„Ich renne acht Stunden ohne Pause hin und her und werde doch niemandem gerecht“

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Grafik zweier Hebammen mit einem Baby

Hebammen sind unverzichtbare Begleiterinnen bei einer Geburt. Doch viele arbeiten in Kliniken unter schwierigen Bedingungen.

Sie sind die wichtigsten Begleiterinnen für Schwangere. Viele halten den Druck in den Kliniken nicht mehr aus. Über den Alltag von Hebammen. 

„Die Frau hat Wehen und ist verzweifelt. Sie braucht meine Betreuung. Aber ich muss weiter in den Kreißsaal nebenan. Ich verspreche ihr, bald wiederzukommen, weiß aber schon, es wird nicht klappen. Ich muss priorisieren. Hoffentlich geht keine der Mütter hier traumatisiert raus.“

Wenn Hebamme Katja Willinger (Name geändert) über ihren Arbeitsalltag im Kreißsaal einer Kölner Geburtsklinik berichtet, kann sie es selbst kaum glauben. „Die Kreißsäle sind oft überlaufen, wir sind eigentlich immer unterbesetzt und haben dann bis zu acht Geburten pro Schicht.“ Aus Überlastung werde oft nur noch Schadensbegrenzung betrieben. „Dabei versuche ich alles, renne hin und her, mache in acht Stunden keine einzige Pause – und werde doch niemandem mehr gerecht.“

Hebammen müssen oft zusätzliche Aufgaben übernehmen

Was sie erzählt, ist kein Einzelfall in Köln, das haben unsere Recherchen ergeben. Immer wieder müssen Hebammen in der Klinik viele Gebärende gleichzeitig betreuen oder Schwangere abweisen, weil Personal knapp ist oder der Kreißsaal voll. „In manchen Kliniken gehen die Hebammen wirklich auf dem Zahnfleisch“, sagt auch Barbara Blomeier vom Hebammenverband NRW, „es ist aber glücklicherweise nicht überall so.“ Amelie Hoffmann, die für den Hebammenverband den Kreis Köln-Erft vertritt, sagt sogar: „Aktuell sind die Kreißsäle in den Kölner Kliniken bis auf einige Ausnahmen mit Hebammen personell gut besetzt.“

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Dass es trotzdem zu Engpässen kommt, hat mehrere Ursachen. Bei hohem Krankenstand und überhöhtem Arbeitsaufkommen müssten die Kräfte vor Ort alles auffangen, sagt Blomeier. „Und weil der Kreißsaal vonseiten der Kliniken effizient arbeiten soll, wird an anderer Stelle an Personal gespart.“ Hebammen müssten deshalb in ihrem regulären Alltag Anmeldegespräche, Schwangerschaft-Check-ups oder Reinigungsdienste übernehmen, die eigentlich nicht zu ihren Aufgaben gehörten. „Dann muss eine Hebamme allein im Nachtdienst drei Frauen gleichzeitig betreuen und erst mal das Geburtszimmer putzen, bevor sie die nächste Frau mit Wehen in den Raum lassen kann.“

Personalengpässe haben Einfluss auf die Sicherheit des Geburtsverlaufs

Unentbehrliche Hebammenaufgaben seien dann unter Zeitdruck zu erledigen. „Rund um die Geburt muss vieles überwacht und dokumentiert werden. Wie soll eine Hebamme das schaffen, wenn sie immer nur von A nach B rennt?“, fragt Sarah Bodenberger (Name geändert), die bereits in einigen Kölner Kliniken tätig war und nun als freie Hebamme arbeitet. „Wenn dann etwas passiert, wird sie im Zweifelsfall angeklagt.“ Eine zu knappe Besetzung könne natürlich Folgen für die Sicherheit des Geburtsverlaufs haben, sagt Katja Willinger. „Wenn ich mehrere Frauen gleichzeitig betreue, kriege ich nicht immer alles mit. Dann passieren mehr Fehler.“ Eine Geburtssituation könne sich jeden Moment verändern. „Ich kam auch schon einmal in einen Kreißsaal zurück und merkte, dass die Herztöne des Kindes abgefallen waren.“

Viele Hebammen gehen schnell wieder aus den Geburtskliniken raus

Der dauerhafte Stress hinterlasse Spuren. „Nach einer Schicht bin ich total erledigt, liege aber oft noch lange wach und hoffe, dass ich nichts Wichtiges vergessen habe“, erzählt Willinger. Nicht wenige Kolleginnen hielten diesem Druck nicht lange stand, bekämen gesundheitliche Probleme oder gingen wieder aus dem Beruf heraus. „Viele Hebammen beenden nach ein bis drei Jahren ihre Tätigkeit und orientieren sich um“, sagt auch Amelie Hoffmann, „langfristig ist es nicht attraktiv, im Schichtdienst mit hohem Arbeitspensum zu schlechten Konditionen zu arbeiten.“ Hebammen könnten in der Klinik einfach nicht so arbeiten, wie sie wollten und es gelernt hätten, sagt Barbara Blomeier. Laut Studie wolle der Großteil zurück in die Geburtshilfe, wenn sich die Bedingungen änderten. (Lesen Sie hier mehr über die Ursachen der Arbeitsbedingungen in den Kölner Geburtskliniken)

Um die Personalnot aufzufangen, stellen Kliniken derzeit öfter Zeitarbeitskräfte ein. „Es wird auch Personal aus anderen Ländern angeworben, das erst einmal kostenaufwendig integriert und teilweise umgeschult werden muss“, sagt Amelie Hoffmann. Darunter litten die Qualität der Versorgung und die Stimmung im Team, da es wiederum einen Mehraufwand bedeute. „Das System muss grundsätzlich überdacht werden, die Kliniken sollten offener sein für neue, innovative Arbeitskonzepte.“ Viele gute Ideen scheiterten in der Umsetzung an den hierarchischen Verhältnissen und eingefahrenen Mustern im Kliniksystem. Und natürlich müssten auch die Krankenkassen mitziehen. Hier sind immerhin neue Finanzierungswege angedacht. „Hebammen als tätige Personen im Kreißsaal werden ab 2025 mit in das Pflegebudget eingerechnet“, sagt Barbara Blomeier, „dadurch wäre es für Kliniken bezahlbarer, in zusätzliches Personal zu investieren.“ So würden einzelne Hebammen entlastet und könnten die Frauen wieder umfassender betreuen.

Mütter können sich nicht mehr sicher sein, wo und wie sie entbinden

Und um das Wohl der entbindenden Mütter und ihrer Kinder sollte es ja bei einer Geburt gehen. Welche Bedingungen sie am Tag der Entbindung in den Kölner Kliniken vorfinden, ist derzeit oft Glücksache. Die Tür zum Kreißsaal bleibt auch mal wegen Überfüllung verschlossen. „Die Frauen kommen mit Schmerzen zu uns und wir müssen sie noch einmal quer durch die Stadt fahren“, berichtet Katja Willinger. Oft bekämen die Hebammen den Unmut der werdenden Eltern ab. „Ich kann ihren Frust so gut verstehen. Sie haben großes Vertrauen und merken erst dann, wie die Lage hier wirklich ist.“ Psychologisch sei das eine schwierige Situation, sagt die Kölner Psychotherapeutin Britta Bosch vom Netzwerk „Juno“. „Es gibt ja nicht umsonst Aufnahmegespräche in den Geburtskliniken, damit sich die Frauen mental darauf vorbereiten können, wo sie entbinden.“ Dann ganz woanders zu landen, könne zu großer Verunsicherung führen.


„Juno“, das Kölner Netzwerk für Schwangerschaft und Psyche, ist ein Zusammenschluss von Expertinnen und Experten verschiedener Institutionen und unterstützt betroffene Familien rund um Kinderwunsch, Schwangerschaft und Geburt.


„Sich sicher zu fühlen und darauf vertrauen zu können, dass die eigenen Bedürfnisse wahrgenommen werden, ist eines der wichtigsten Dinge, um überhaupt gut entbinden zu können“, betont die Psychologin Britt Bürgel aus Köln. Das erleichtere dem Körper, sich auf den Geburtsprozess einzulassen. Auch Studien zeigen, dass Frauen einen schnelleren Geburtsverlauf und weniger Verletzungen erleben, wenn sie eine zugewandte Betreuung erfahren. Wie gut das funktionieren kann, erlebt Sarah Bodenberger in ihrem Alltag als Hebamme außerhalb der Klinik. „Ich begleite Paare schon in der Schwangerschaft, es entsteht ein Vertrauensverhältnis. Bei der Geburt weiß ich, worauf ich achten muss und bekomme jede Veränderung mit.“ Anders als in vielen Kliniken. „Da herrscht völliges Chaos in einer Situation, in der es eigentlich Schutz, Ruhe und Respekt braucht.“

Wegen Zeitdrucks wird oft stärker in den Geburtsverlauf eingegriffen

Der Zeitdruck des Personals beeinflusse auch die Arbeitsweise im Kreißsaal, erzählt Katja Willinger. „Wir Hebammen bekommen von den Ärzten immer wieder Druck gemacht, Frauen schmerzfrei zu kriegen, um sie stillzuhalten oder Geburten zu beschleunigen, damit der Kreißsaal frei wird.“ Zu oft werde früher oder stärker in den Geburtsverlauf eingegriffen, als es sein müsste. „Wenn Geburtshelfer aber unter Stress stehen, kann es vorkommen, dass Eingriffe durchgeführt werden, ohne sie den Frauen vorher zu erklären“, sagt Britt Bürgel, „oder den Mitarbeitenden gelingt es nicht mehr, empathisch auf die Bedürfnisse und Nöte der Mütter einzugehen.“ Schon ein rauer Umgangston könne aber große kränkende Wucht haben. „Das kann bei einer Frau Gefühle von Kontrollverlust, Ohnmacht und Angst auslösen und damit zu einem Geburtstrauma führen.“

Zu wenig Betreuung für Mütter und Babys im Wochenbett

Schwierige Gefühle bei der Geburt setzten sich im Wochenbett unter Umständen weiter fort, sagt Britta Bosch. „Dabei sind Mütter in der ersten Zeit mit Baby zwischen Schlafentzug, Hormonchaos und Überforderung ohnehin besonders verletzlich.“ Eine gute Hebammenbetreuung sei deshalb immens wichtig – und das fange direkt in der Klinik an. In der Realität aber gibt es längst nicht auf allen Wochenbett-Stationen überhaupt Hebammen. Und auch dort ist die Lage aufgrund der Rahmenbedingungen nicht selten angespannt.

„Ich erlebe Frauen, die kommen mit blutigen Brustwarzen nach Hause, weil in der Klinik ständig Personalwechsel war und der Stilleinstand grauenhaft gelaufen ist“, berichtet Sarah Bodenberger. „Auf unserer Wochenstation werden auch manchmal nur noch Routinen gefahren, für eine echte Betreuung der Mütter ist zu wenig Zeit“, erzählt Katja Willinger. Dabei bräuchten manche Frauen besondere Sensibilität und Zuwendung. „Ich erinnere mich an den extremen Fall einer Mutter, die einen so starken Babyblues hatte, dass sie kurz davor war, Suizid zu begehen. Wegen Personalmangels hat das in der Situation aber niemand wahrgenommen, sondern erst im Nachgespräch.“ So etwas dürfe einfach nicht passieren. „Da blutet mein Hebammenherz.“

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