Die Schlosstreppe in Stammheim ist eine steile Strecke, aber sie ist jetzt auch kein Dreitausender. Wenn man einigermaßen gut zu Fuß ist, dann erklimmt man sie morgens noch vor dem Frühstück und ohne groß ins Schwitzen zu geraten. Anja Müller ist sie viele Jahre lang jeden Morgen auf der Hunderunde hochspaziert. Sie kennt jede einzelne Stufe. Irgendwann im Frühjahr 2025 hat sie erst die Hälfte bewältigt, als ihr das Atmen plötzlich schwerfällt. Als hätte sie nur einen Notkanister Sauerstoff dabei, dabei flüstert da frühlingshafter Wind im Überfluss um sie herum. „Ich dachte: Was ist denn jetzt? Ich komm da ja gar nicht mehr so richtig hoch“, sagt Anja Müller. Die 57 Jahre alte Frau sitzt in der Leverkusener Praxis der Kardiologin Katharina Rothe. Ihr feines hellblondes Haar legt sich wie ein schimmernder Helm um ihr Gesicht. Um die Augen zieht sich ein Netz aus feinen Fältchen, wenn sie lacht. Und das tut Anja Müller mittlerweile wieder oft. Als sie zu Beginn des Jahres das erste Mal hier saß, waren da eher Sorgenfalten auf ihrer Stirn.
Was dazwischen geschah, lässt sich als tragischer, aber dennoch nicht ganz untypischer Fall eines Gesundheitssystems lesen, das Beschwerden von Frauen noch immer weniger ernst nimmt als die von Männern. Besonders in der Kardiologie. „Weil das immer noch in den Köpfen als Gewissheit abgespeichert ist: Frauen bekommen keinen Herzinfarkt“, sagt die Kardiologin Katharina Rothe. Dabei sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland die häufigste Todesursache bei Frauen, nach Zahlen der Barmer Ersatzkasse für vier von zehn Sterbefällen verantwortlich. Nur werden ihre Symptome als atypisch oft nicht erkannt. Schon das Wort lässt Rothes Blutdruck steigen: „Es handelt sich ja gar nicht um atypische Symptome, sondern um frauenspezifische Symptome.“ Frauen berichten beispielsweise oft von Vorboten wie ungewöhnlicher Müdigkeit. Ärztinnen und Ärzte hielten diese Vorboten bei mehr als jeder zweiten Frau für nicht herzbedingt, bei Männern täuschten sie sich nur in gut einem Drittel aller Fälle.
Vier Monate Wartezeit, Selbstzahlerangebot, weitere Monate
Auch Anja Müller erntet zunächst nur aufmunterndes Kopfschütteln.
Nach dem Scheitern an der Treppe konsultiert Müller die Hausärztin. Diese schickt sie zum Kardiologen. Vier Monate muss sie auf den Termin warten. Dort hätte sie allerdings eine Untersuchung privat zahlen müssen. „Ich habe das gar nicht eingesehen, dachte: Ich bin doch überwiesen worden? Wenn ich das extra zahlen muss, kann es so schlimm ja nicht sein.“ Sie geht also wieder nach Hause, sucht einen weiteren Kardiologen, wartet weitere Monate.

Die Kardiologin Dr. Katharina Rothe erklärt, warum das weibliche Herz oft aus dem Blick gerät.
Copyright: Michael Bause
Mittlerweile ist da kein Frühlingswind mehr, der durch die Blätter säuselt. Eher stürmisches Wetter, die Bäume haben ihre Blätter lange abgeworfen. Es ist Weihnachten, Anja Müller verbringt das Fest mit ihrem Mann und ihrem erwachsenen Sohn im Urlaub in Ostfriesland. Schon beim Frühstück wird ihr schlecht. „Ich lege mich mal wieder ins Bett“, sagt sie, und dann schafft sie es kaum noch ins Schlafzimmer. Ihr Sohn stützt sie. Wenn sie später Ärzten gegenüber den Schmerz beschreiben soll, dann schüttelt sie ihren hellblonden Kopf. „Das ist kein Schmerz. Eher eine Schwere. Als wäre jemand hier auf meiner Brust gesessen. Oder als würde ich eine Ritterrüstung tragen, die alles zudrückt.“ Atemnot. Ihr Sohn beruhigt sie. „Mama, ganz ruhig, entspannt. Denk an was Schönes. Atme tief ein und aus.“
Anja atmet. Sie habe den Anfall „weggeatmet“, erzählt sie neun Monate später in der Praxis von Katharina Rothe, genauso wie den nächsten und übernächsten. Denn noch ehe das Jahr vorbei ist, wiederholen sich die Szenen mehrmals. Einmal ereilt sie das Ritterrüstungsgefühl in der Brust gar beim Autofahren. Am Montag nach dem Urlaub, es ist mittlerweile schon Januar, sucht Müller wieder die Ärztin auf. Die beruhigt wieder. „Erst als ich sie darauf aufmerksam machte, dass sie mir schon im April zum Kardiologen geraten hatte, sagte sie: Ach ja, stimmt.“ Mittlerweile ist Anja Müller aber selbst so verunsichert, dass sie denkt: „Ich habe es irgendwann ehrlich gesagt selbst gar nicht mehr so ernst genommen. Dachte: Das ist eben so, ich darf mich nicht so anstellen.“

Dr. Katharina Rothe sagt: „Gehen Sie zwischen 45 und 65 Jahren in jedem Fall zum Kardiologen, um Ihr Risiko systematisch abklären zu lassen.“
Copyright: Michael Bause
Endlich bekommt Müller eine Dringlichkeitsüberweisung, mit der Sie einen schnellen Termin in der Praxis von Katharina Rothe erhält. Dort zeigt der Ultraschall, dass Frau Müller wahrscheinlich einen Herzinfarkt hatte. Die Herzspitze bewegt sich kaum noch. Dann drückt plötzlich jemand auf die Vorspultaste. Alles geht ganz schnell. Sie erhält eine Notfall-Einweisung in die Klinik.
Weil die Arterien schon zu verkalkt sind, fällt ein Stent als Lösung aus. Es bleibt der aufwendige Bypass. Müllers gesamter Brustkorb muss geöffnet werden. Am 12. Januar wird sie operiert. Danach: Albträume vom Narkosemittel, viel zu wenig Kalium im Blut, massive körperliche Schwäche. Auch die sich anschließende Reha beschreibt Müller als „Kampf“. Und wieder ist da eine Treppe. Vier Stockwerke an einem Stück sind ihr Ziel. Sie schafft nur zwei. „Mein Körper war von jetzt auf gleich der einer Oma.“ Im Frühsommer dann nochmal ein Rückfall, Wasser in der Lunge, ein weiterer Krankenhausaufenthalt.
Die Hormone musste sie absetzen
Die Hormonersatztherapie, die ihr ein Frauenarzt ein Jahr zuvor wegen beginnender Wechseljahrsbeschwerden verordnete, darf sie nach dem Herzinfarkt nicht mehr nehmen. Anja setzt die Medikamente also ab. Sie fächelt sich Luft zu und atmet schwer. „Seither sind die Hitzewallungen zurück. Ich schlafe schlecht schwitze.“
Hätte man alles schon vor dem Schwächeanfall an der Schlosstreppe kommen sehen können? Katharina Rothe sagt Ja. „Müllers Cholesterinwerte waren schon viele Jahre zu hoch. Tabletten bekam sie dagegen aber keine.“ Das liege daran, dass erhöhte Cholesterinwerte häufig im medizinischen Alltag bagatellisiert würden. Ärzte sagten dann oft: „Das gute Cholesterin gleiche das schlechte Cholesterin aus, es sei halt erblich bedingt erhöht, man solle sich gesünder ernähren, mehr Sport treiben.“ Und tatsächlich würden die Werte beim Laborbefund auch nicht als besorgniserregend rot markiert, sagt Rothe. Da stehe nur ein Wert zumeist ohne aktuellen Referenzbereich. Dieser richtet sich nach dem individuellen Risikoprofil für Herz- und Gefäßerkrankungen. Dabei wisse man aus vielen klinischen Studien, „dass erhöhte Cholesterinwerte die Ursache für Herzinfarkte und Schlaganfälle sind“.
An der Prävention mangelt es ohnehin. Zwar sah das „Gesunde Herz Gesetz“ von Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) spezifische, erweiterte Herz-Kreislauf-Check-ups im Alter von 25, 40 und 50 Jahren vor. Dieses fiel dann aber dem Scheitern der Ampel-Koalition zum Opfer. Die tatsächlichen Vorsorgemöglichkeiten dümpeln den wissenschaftlichen Ideen derzeit also hinterher. Auch den Risikofaktor Lipoprotein(a) lässt laut Rothe kaum jemand bestimmen. Den Leitlinien zufolge sollte jeder Erwachsene ihn mindestens einmal im Leben messen lassen. Rund jeder Fünfte liegt dabei über dem kritischen Wert von 50 mg. Der Anteil der Frauen steige mit zunehmendem Alter. Beide Stoffe setzen sich aber im Überfluss vorhanden an Gefäßwänden fest, verengen die Adern, sorgen gerade in den feinen im Herzen für eine komplette Blockade. Und führen so zum Infarkt. „Gerade die Menopause ist ein entscheidender Zeitpunkt im Leben einer Frau. Das uns vor Herz- und Gefäßerkrankungen schützende Östrogen geht verloren. Cholesterinwerte, Blutdruck und Körperfettanteil steigen, Muskelmasse geht verloren. Hinzu kommt, dass Frauen häufig weitere, eher unbekannte Risikofaktoren, wie komplizierte Schwangerschaften, wiederholte Fehlgeburten, Autoimmunerkrankungen oder Bestrahlungen oder Chemotherapien nach Brustkrebs mitbringen“, erklärt die angehende Gendermedizinerin.
Katharina Rothes Forderung an die Frauen: „Lassen Sie sich im Alter von 45 und 65 Jahren kardiologisch untersuchen und Ihr individuelles Risiko für Herz- Kreislauferkrankungen checken.“
Anja Müllers Leben hat in diesem Jahr einige neue Kurven genommen. Sie donnert nicht immer in gerader Strecke durchs Leben, wie sie das früher zu tun pflegte. „Ich lasse mir etwas mehr Zeit, ich höre chillige Musik, trinke keinen Alkohol mehr, setze Grenzen und versuche nicht mehr alle Aufgaben und Termine zu erfüllen.“ Auch eine Psychotherapeutin besucht sie. „Man war ja kurz vorm Tod. Das belastet einen ja.“
Weiter Teil ihres Lebens ist die Schlosstreppe in Stammheim. Sie bleibt der Maßstab. Morgen früh wird sie wieder hinaufsteigen. „Ich bin immer noch deutlich langsamer als unser Hund und ich muss auch Pausen machen. Aber immerhin geht es aufwärts.“

