Abo

JugendsexualitätsstudieWarum es junge Menschen mit dem ersten Mal nicht mehr eilig haben

4 min
Aufklärungsbroschüren der Bundeszentrale gesundheitlicher Aufklärung sind zu sehen.

Jugendliche lassen sich mit dem ersten Kuss und dem ersten Sex immer länger Zeit. Als Ansprechpartner zur Aufklärung spielen Eltern und Lehrer eine größere Rolle als noch vor sechs Jahren.

Die neue Jugendsexualitätsstudie beschreibt eine Generation, die zögert, prüft, abwägt – und sich für den richtigen Moment mehr Zeit lässt als jede zuvor.

In einer Zeit, in der vieles schneller geworden ist, verlangsamt sich ausgerechnet das, was lange als Symbol jugendlicher Eile galt: die ersten Schritte in Sachen Sexualität. Die aktuelle Jugendsexualitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) zeigt, dass junge Menschen heute später beginnen – und dabei erstaunlich souverän handeln.

Vor einigen Jahren galt es noch als normal, mit 17 Jahren das erste Mal erlebt zu haben. Nun schiebt sich die Marke nach hinten: Die meisten sind inzwischen 19, wenn sie sexuelle Erfahrungen sammeln. Auch mit dem ersten Kuss lassen sich die Jungen und Mädchen merklich länger Zeit. Nur ein Drittel der 14‑Jährigen berichtet von entsprechenden Erfahrungen, 2019 hatte in diesem Alter schon mehr als jeder Zweite den Kuss erlebt. Gründe dafür? Da wird es in Teilen spekulativ. Vorsicht, Selbstschutz, ein wachsender Wunsch nach Sicherheit, vielleicht auch ein anderes Verständnis von Nähe in Zeiten, in denen sich Beziehungen zu Teilen ins Digitale verlagern. Auch der Konsum enthemmender Suchtstoffe wie Alkohol gehe zurück. „Dazu kommt die Zäsur Corona als Katalysator dieser Entwicklungen“, sagt Sara Scharmanski vom Bundesinstitut. Mechthild Paul, Abteilungsleiterin im BIÖG, fasst es positiv zusammen und spricht von Reife: „Junge Menschen lassen sich heute generell mehr Zeit und treffen bewusste Entscheidungen, wenn es um Sexualität geht.“ Das sei auch Verdienst einer „kontinuierlichen und faktenbasierten Aufklärung“.

Die meisten haben ihren ersten Sex in einer festen Beziehung

Zu den Stichworten Reife und bewusste Entscheidung passt auch der Rahmen, in welchem Jugendliche ihre ersten Erfahrungen machen. Die meisten tun dies den Zahlen zufolge nämlich in einer festen Beziehung oder zumindest mit jemandem, den sie gut kennen. Zufallsbegegnungen und unbedachte Entscheidungen – Klischees, die sich hartnäckig halten – finden in den Zahlen kaum Niederschlag. Wer noch keine Erfahrungen hat, gibt häufig an, dass es schlicht noch nicht die richtige Person gab. Ein Befund, der mehr über die Lebensrealität Jugendlicher sagt als manche Debatte über „verpasste Jugend“. Vielleicht spielt hier nämlich ein verändertes Freizeitverhalten eine Rolle, schließlich seien die Terminkalender von Jugendlichen heute oftmals so eng getaktet, das schlicht die Gelegenheit fehle, jemanden kennenzulernen, mutmaßt Scharmanski.

Mechthild Paul ist während der PK zu sehen.

Mechthild Paul, Abteilungsleiterin Sexualaufklärung, sagt bei einer Pressekonferenz des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG): „Junge Menschen lassen sich heute generell mehr Zeit und treffen bewusste Entscheidungen, wenn es um Sexualität geht.“

In puncto Verhütung zeigen die jungen Menschen ein bemerkenswert stabiles Verantwortungsgefühl. Nur sechs Prozent gaben an, beim ersten Sex nicht verhütet zu haben. 1980, als die ersten Studien dieser Art veröffentlicht wurden, verriet jeder dritte junge Mann nach Aussage von Paul noch, ersten Sex ohne Verhütung gehabt zu haben. Kondome dominieren bei der aktuellen Befragung weiterhin, die Pille verliert beim „ersten Mal“ etwas an Bedeutung, spielt aber später wieder eine größere Rolle. Mit zunehmender Erfahrung greifen rund die Hälfte der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu hormonellen Methoden. Die Spirale nutzen wenige, aber auch hier zeigt sich in späteren jungen Jahren ein Zuwachs. Scharmanski führt den Befund darauf zurück, dass auch die WHO diese Verhütungsmethode nun für junge Frauen empfiehlt.

Bei der Aufklärung sind öfter Eltern und Lehrer gefragt, das Internet verliert an Bedeutung

Deutlich verschoben hat sich, woher Jugendliche ihr Wissen über Sexualität beziehen. Die Schule, oft kritisiert, rückt wieder stärker in den Vordergrund und kann einen Erfolg als Adresse des Vertrauens verbuchen. 78 Prozent der Jugendlichen nennen sie als zentrale Informationsquelle – ein deutlicher Anstieg. Lehrkräfte und Eltern werden wichtiger, gerade die Väter holen hier auf, Gleichaltrige spielen eine immer geringere Rolle. Das klingt unspektakulär, bedeutet aber viel: Gespräche über Sexualität verlagern sich von der Peergroup in formellere und familiäre Kontexte.

Und das Internet? Es bleibt präsent, verliert aber ebenfalls an Gewicht. Zwar suchen Jugendliche nach wie vor online nach Informationen, doch die Vertrauenshierarchie ist eindeutig: Beratungsseiten gelten als seriös, soziale Medien eher nicht. Inhalte von KI bewerten nur knapp die Hälfte als vertrauenswürdig – ein Wert, der angesichts der wachsenden Verbreitung solcher Antworten auf einem noch bemerkenswert niedrigen Niveau liegt.

Vielleicht sind diese Verschiebungen vor allem Grund zur Hoffnung: Jugendliche sind nicht ahnungslos, sondern wählerisch. Sie lassen sich Zeit, prüfen ihre Informationsquellen klug und ziehen klare Grenzen. Sexualität erscheint weniger als Abenteuer, das man früh bestehen muss, sondern als Erfahrung, die erst dann Sinn ergibt, wenn sie sich richtig anfühlt. Eine Entwicklung, die man durchaus als beruhigend lesen kann.