Wer alte Menschen nur als Kostenfaktor sieht, vergisst, mit wie viel zupackender Gelassenheit sie unser oft hysterisches Leben bereichern können.
OptimistinVielleicht sind die ganzen Alten gar keine teure Last - sondern ein Glück


Wer sehr alt ist, ist oft auch sehr gelassen - wie das für all die Jungen viel wert sein kann.
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Wenn ich früher aus der Schule kam, musste man nur einmal die Straße überqueren und man saß quasi im Garten des örtlichen Altenheimes. St. Willibald hieß das und ab und zu besuchten wir Jugendlichen die Seniorinnen und Senioren dort. Wir sangen mit dem Chor den Bodybuilder Boogie, brachten Selbstgebasteltes oder führten irgendwelche Sketche auf. Manchmal benutzten unsere Lehrer die Nachbarschafts-Örtlichkeit auch als Drohkulisse. Ich erinnere mich beispielsweise an einen Physiklehrer, der meinen möglicherweise leicht gelangweilten Blick zum Anlass nahm, mir einen direkten Umzug nach St. Willibald ans Herz zu legen, dann müsste er mein Desinteresse nicht länger ertragen.
Soweit ist es bislang noch nicht gekommen. Aber einen guten Kontakt zur älteren Gesellschaft habe ich mir dennoch erhalten. Was nicht nur daran liegt, dass ich so nah an den Senioren lernte, sondern dass auch meine Großeltern direkt nebenan wohnten. Wenn ich als Kind zu ihnen rüberlief, musste ich im Winter hinwärts immer eine Mütze und einen Schal tragen – wegen der drohenden Gehirnhautentzündung, die meine Mutter fürchtete. Rückwärts bestand keine Gefahr, da war meine Oma Anna sich sicher, weshalb ich immer guten Gewissens mit Wind im Haar und eiskaltem Hals nach Hause rennen konnte.
Mit der Gelassenheit der Erfahrung gegen die Hysterie
Noch heute verbinde ich mit alten Menschen eine gewisse Gelassenheit. Die Hysterie, die auch mein Leben manchmal prägt und die durchaus schon wegen kleinerer Dramen zuschlagen kann (Wadenzerrung, eine vier in Mathe, diverse Terminkollisionen, ein verlorener Handschuh, Brot ist schon wieder teurer geworden, Fußball hat Stehlampe zerballert, alle Leihautos sind ausgebucht, Blitzer in der 30er-Zone, zwei Kilogramm zugenommen), verdampft urplötzlich, wenn ich mit Senioren spreche. Die lachen dann meistens. Milde und wissend. Klar, auch Oma Anna war oft zornig über die kleinen Nervigkeiten des Lebens. Aber sie polterte dann eben in die Waschküche, wrang ausgekochte Handtücher aus oder drosch mit dem Teppichklopfer jedes Staubkorn aus den im Garten über die Leine gehängten Teppichen. Und sehr schnell erinnerte sie sich, dass das Leben ihr schon weit Schlimmeres zugemutet hat und es eigentlich verglichen damit ein Tag für heiteres Strudelbacken wäre.
Wenn ich an sie denke und an all die anderen alten Menschen, die uns heute zu so viel Sorge gereichen, weil die Pflegeversicherung wankt und all das Kümmern all unser Geld und unsere Kraft verschlingen wird, dann bin ich manchmal versucht, die Argumentationskette umzudrehen. Was, wenn wir das Anwachsen der alten Bevölkerungsgruppe nicht ausschließlich als Last, sondern auch als etwas Positives sehen könnten: Als Quell an Erfahrungen und zupackender Lebensende-Heiterkeit. Als Zuwachs an Ratgebern und Zuhörern, an Vorbildern dafür, was man alles schaffen kann, wenn man einfach weitermacht. Als Lichter der Zuversicht. Als lebende Beispiele dafür, dass man sich auch über Kleinigkeiten freuen kann, sogar über ein paar Schüler, die schräg singen oder Selbstgetöpfertes vorbeibringen.
Probieren Sie es doch selbst einmal aus! Gehen Sie in ein Seniorenheim, sprechen Sie mit Hochbetagten, erzählen Sie von Ihren Sorgen und merken Sie, dass am Ende vielleicht doch alles halb so wild oder mindestens bewältigbar erscheint, wenn man es nur aus der richtigen Perspektive der an Lebenserfahrung reichen Weisheit betrachtet. Vielleicht merken Sie dann, dass die ganzen Alten gar keine teure Last sind. Sondern eine Hilfe. Und ein Glück, dem wir uns viel zu wenig bewusst sind.



