Für Siegerhirne zählte nur die Eins. Lustiger wird es oft auf den folgenden Plätzen.
OptimistinVom Glück, die Nummer zwei zu sein

Spielte als Stammkeeper die Qualifikation, soll bei der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer nun aber nur die Nummer zwei sein: Oliver Baumann. Warum man ihn trotzdem beglückwünschen kann.
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Durch unsere Familie verläuft ein Graben. Da gibt es die Wettkampf-Typen, die viele Stunden ihres Lebens nur deshalb trainiert haben, um in irgendeinem Finale einen Sieg einheimsen zu können. Die sich mit einer Niederlage nie aussöhnen können. Die beim Kindergeburtstagsbowlen verbissen an der Tabelle hängen, weil die Platzierung wichtiger erscheint als die Frage, wann es Pommes gibt. Die Sätze wie: „Ach, Zweiter ist doch auch ein toller Erfolg“ richtig sauer machen.
Und dann gibt es mich. Es ist nicht so, dass ich nicht gerne Sport treibe. Ich kann der regelmäßigen Bewegung und der Leistungssteigerung durchaus viel Positives abgewinnen. Ich liebe es, meinen Körper herauszufordern. Ich liebe aber auch das gemeinsame Abhängen danach. Als ich noch jung war und einigermaßen ernsthaft Sport trieb, habe ich das in erster Linie für diesen Moment getan, in dem man komplett erschöpft die Schwimmtasche schultert und mit nassen Haaren gemeinsam zur Eisdiele pilgert, um sich da ein doppeltes Spaghettieis reinzuziehen. Und zwar ganz gleich, ob ich als Erste, Zweite oder gar 16. angeschlagen hatte.
Das heißt nicht, dass mir der Ehrgeiz fremd ist. Im Gegenteil. Aber die einzige Gegnerin, die ich immer wirklich besiegen wollte, war ich selbst. Einen Wettkampf habe ich dafür nie gebraucht.
Leichtfüßigkeit, die Spitzenleistung erst ermöglicht
Mir ist schon klar, dass diese Perspektive einer Karriere als Sportler abträglich ist. Und dass sie deshalb einem Profi wie Oliver Baumann nicht weiterhilft, der gerade allem Anschein nach seine Stammkeeper-Position für die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer verloren hat, weil Nationaltrainer Julian Nagelsmann quasi den schon zurückgetretenen Alt-Torkanzler als neue Nummer eins wieder aus dem Hut zaubert. Dennoch erscheint es mir als der ideale Zeitpunkt, darauf hinzuweisen, dass es kaum Sportlicheres gibt, als sich mit der Position der Nummer zwei auszusöhnen.
Da wäre erstmal der Leistungsaspekt: Die Nummer zwei hat eine Punktlandung hingelegt. Wie soll man es anders nennen, wenn man es einerseits weit genug geschafft hat, um just zum Zeitpunkt einer Weltmeisterschaft zu den Besten des Landes zu gehören. Es andererseits in letzter Minute aber verhindern konnte, wirklich als Allerbester anreisen zu müssen. So kann man im Falle eines Sieges Erfolgssonne mit abbekommen, im Falle einer Niederlage der Wut der Nation entkommen. Dann die persönlichen Vorteile: Man kann das Training locker angehen lassen und dabei über sich selbst hinauswachsen. Verhindert die Last der Verantwortung nicht auch die Leichtfüßigkeit, die Spitzenleistung erst ermöglicht? Hat man mal gar keine Lust, verweist man auf die höhere Ebene: Das weiß und kann bestimmt die Nummer eins! Dazu: Ein herausragendes Trainingsgelände, spannendes Kollegenumfeld, ein schickes Hotel, Premium-Sitzplatz in der ersten Reihe, lustige Teamabende mit Spaghetti-Eis und allem drum und dran, bei denen man dann eben auch nicht als Allererster schlafen gehen muss.
Natürlich, die Nummer eins ist das Maß aller Dinge. Aber auch ein Siegerhirn sollte nicht vergessen, auf wessen Schultern die Top-Position steht. Denn die Zwei macht die Eins erst möglich. Sie steht bereit, wenn eine Wade reißt. Sie gönnt den Sieg, sie tröstet bei Niederlagen. Weil sie schon qua Position stark genug ist, auch einen Rückstand zu verkraften. Für mich ist die Zwei deshalb die Nummer eins.


