Vielleicht interessiert mich Fußball gar nicht so sehr. Aber das Brüllen, wenn es zum Äußersten kommt, zieht mich dann doch fast magisch in seinen Bann.
OptimistinDer Ekstase ist die Liga doch egal

Auch Arsenal-Fans jubeln schön. Dieser hier beim Halbfinal-Rückspiel der Champions League am Dienstag. (Archivbild)
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Samstags ab halb vier ist eine gute Zeit fürs Brüllen. Ich wohne in der Innenstadt und egal ob ich noch Einkäufe erledigen muss oder selbst unterwegs zum Fußballspiel von einem der Söhne bin, im Park jogge oder zu Hause die Bude putze, kann ich mich auf die zuverlässigen Botschaften aus den Kneipen um mich herum verlassen. Ich brauche keinen Liveticker. Ich zähle das Brüllen. Und kenne am Ende den Score der Heimmannschaft.
Nur bei einem Tor schwillt die Lautstärke so stark an, dass die Ekstase am Höhepunkt wie ein Feuerwerkskörper explodiert. Sich auftürmende Wellen, die aber noch im Werden abstürzen, zähle ich nicht. Mehr als „El-Mala-hat-beim-Dribbeln-im-Strafraum-bei-der-zweiten-Körpertäuschung-den-Ball-verloren“ oder „Ache-schießt-einen-Meter-vorbei“ ist dann nicht passiert. Der Absturz vor dem Scheitelpunkt zeigt: Die Luft ist raus. Natürlich gibt es auch das Wutgebrüll über Fehlentscheidungen, das im Ohr aber auch nicht die Qualität der explodierenden Feuerwerkskörper erreicht. Es ist auch laut, aber ohne Höhepunkt. Gegentore freilich kann man nicht zählen. Sie sind lautlos. Ein Seufzen, ein leiser Fluch, dessen Lautstärke es nicht auf die Straße schafft.
Vielleicht ist das das Einzige, was mich an Fußball wirklich interessiert. Das Brüllen, das aus diesen ganzen Zuschauern herausplatzt, wenn es zum Äußersten kommt, der Ball es also irgendwie über die Torlinie des Gegners schafft. Stimmbänder, die alles geben. Laut genug war nur derjenige, der ab morgen für mindestens zwei Tage nicht mehr sprechen kann. Ich beobachte sogar im Stadion lieber die Gesichter der Fans als das Geschehen auf dem Platz, damit ich diese Augen und Münder nicht verpasse, die vor lauter Glück aufgerissen werden. Diese Hände, die versuchen, den Himmel zu berühren, diese Arme, die den fremden Nebenmann herzen. Es euphorisiert und beflügelt mich. All diese Freude, aber auch das Dunkle, Animalische dabei. Es ist kein bloßer Jubel, der sich da Bahn bricht, es kommt von irgendwo viel tiefer hervorgebrodelt. Von einem Ort, an dem sich lange viel angesammelt hat. Und dann gibt's ein Gewitter, das das Gemüt erschöpft, aber zufrieden zurücklässt.
Ich schreibe diesen Text am Spielfeldrand. Der Jüngste rennt einem Ball hinterher und manchmal rollt auch hier das Brüllen über die Wiese zu mir. Dass das hier nicht Bundesliga und zudem eh nur Training ist, spielt keine Rolle. Es geht ja immer um alles beim Fußball. Und deshalb legen auch die Neunjährigen als Spieleinsatz alle Leidenschaft auf den Tisch. Manchmal gibt’s natürlich auch Tränen. Aber so ist der Deal.
Eigentlich bräuchte man den Fußball vielleicht gar nicht, um diesen beflügelnden Vulkanausbruch aus den Kehlen einer Horde Fremder zu hören. Aber irgendwie passiert es ja selten, dass eine Rede des Bundeskanzlers derlei Gruppen-Begeisterungsstürme auslöst. Oder die neuste Kurve des Bruttoinlandsprodukts. Nicht mal – so ehrlich müssen wir sein – wenn diese steil nach oben zeigte. Zum Jubeln und vor Glück Schreien erscheinen die Zeiten auch außenpolitisch gerade etwas ungeeignet. Umso wichtiger ist, dass Eruptives immerhin an Spieltagen durch die Straßen rollt.
Was den Anlass angeht, bin ich gar nicht wirklich anspruchsvoll. Ich freue mich ehrlich, dass der FC nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit nun den Klassenerhalt schaffen wird. Aber wirklich nötig wäre das für mich persönlich jetzt nicht gewesen. Bundesliga, Kinderfußball, Kreisklasse, was macht das schon für einen Unterschied? Wichtiger ist mir das Brüllen über ein Tor, das samstags durch die Straßen oder über die Wiese flutet und auch mein Herz explodieren lässt. Bitte jubeln Sie bei Gelegenheit einfach irgendwo mit! Der Ekstase ist die Liga doch egal.


