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Kommentar

Optimistin
Wer den Infekt besiegt, kann alles schaffen

Ein Kommentar von
3 min
Medikamente und eine Kanne und Tasse Tee zur Bekämpfung einer Erkältung sind auf einem Nachttisch aufgestellt.

Was gibt es schöneres als nach einer hartnäckigen Erkältung alle verrotzten Taschentücher wegzuschmeißen und den Nachttisch von Nasensprays zu befreien?

Gesundwerden ist jedes Mal wie ein kleines Wunder, selbst nach einer banalen Erkältung. Plötzlich scheint wieder alles möglich. Freuen Sie sich auf den Aufschwung!

Der Tiefpunkt fühlt sich oft so an, als würde er sich nun für immer einnisten. Das ist empirisch kompletter Unsinn. Denn natürlich haben wir es schon tausendfach erlebt, dass auf ein Abwärts auch wieder ein Aufwärts folgt. Dass der Sonnenuntergang nicht das Ende allen Lichts für die Ewigkeit bedeutet. Dass alle Bäume, die jetzt ihre runzeligen Blätter abwerfen, im Frühling aller Voraussicht nach wieder frech pubertär austreiben. Dass auf einen Streit viel häufiger eine Versöhnung als eine Trennung folgt. Dass eine Fünf in Latein nicht bedeutet, dass man die Sache mit der Schule gleich vergessen kann, weil aus dem Kind ja ohnehin nichts mehr werden kann. Ich weiß das alles. Trotzdem neige ich zu einem gewissen Fatalismus.

„Das bleibt jetzt so. Das wird nichts mehr mit mir“

Besonders bei leichten Erkrankungen trifft er mich jedes Mal mit voller Wucht. Egal welche Viren mich befallen, es gibt da mindestens diese eine Nacht, in der ich zwischen den Laken schwitze und mich des Gedankens nicht erwehren kann: Das bleibt jetzt so. Das wird nichts mehr mit mir.

Ich werde diesen Zustand des Krankseins nicht abschütteln können und die Rotznase, die Kurzatmigkeit, die Fieberträume und Gliederschmerzen mein Leben lang mit mir herumschleppen müssen. Es wird mühsam werden und freudlos. Ich benachrichtige dann meine Familie, dass sie mich im Zweifel zurücklassen sollen. Ich bemitleide mich hart und jede Art von Aktivität wie Arbeiten, Rennen, Feiern, Lachen, manchmal sogar Essen liegen komplett außerhalb jeglicher Vorstellungskraft.

Umso erstaunlicher und wunderbarer ist, dass meine Prophezeiung bislang nie eingetreten ist. Jedes einzige Mal kommt es mir vor wie Zauberei, als hätte eine gute Fee ein Einsehen gehabt und mich großzügigerweise von der Pein erlöst. Es fühlt sich an wie ein Lottogewinn gegen jede Wahrscheinlichkeit. Aber es kommt dieser Morgen, an dem ich aufwache und plötzlich wieder durch die Nase atmen kann. An dem ich Lust habe zu duschen, um mir die müden Augen wegzuwaschen. An dem ich wach bin und wieder so vollgetankt, dass ich mir die Strecke mit dem Rad zur Arbeit zutraue. An dem ich auf die absurde Idee komme Möhren für einen Salat zu raspeln, was eine der anstrengendsten Haushaltsaufgaben ist. An dem mein Sohn mich fragt, ob wir bis zum Ende der Straße um die Wette rennen können und ich lachend Ja sage. An dem ich Pläne schmiede, die bis ins nächste Jahr reichen. An dem ich also mit einer gesunden Zukunft voller Energie rechne.

Gesundwerden ist wahrscheinlich eine der größten Glücksquellen im Leben. Natürlich trifft das vor allem auf schwere Krankheiten zu, von denen ich bislang verschont wurde. Aber selbst wenn uns nur ein grippaler Infekt in seinen Fängen hat, stellt sich beim Genesen dieses Gefühl der Befreiung ein.

„Gesundwerden ist wahrscheinlich eine der größten Glücksquellen im Leben“

Es startet klein, mit der Lust auf einen Spaziergang. Aber es steigert sich. Und plötzlich scheint wieder alles möglich. Ein Marathontraining? Eine Renovierung? Eine Firmengründung? Eine Weltumseglung? Ja, warum denn eigentlich nicht? So weit erscheint der Weg vom Selbstmitleid in Fiebernächten bis zum weitgehend beschwerdefreien Aufstehen am Morgen, dass alles weitere einem wie ein winziger Hopser vorkommt. Wer gesund geworden ist, der hat das Schlimmste hinter sich. Der muss dann nur noch leichten Herzens über irgendeine anvisierte Ziellinie traben.

Natürlich kommt das nächste Virus bestimmt. Aber erstmal nehme ich mir vor, den Schwung zu nutzen. Und bei der Aufwärtsfahrt zur Abwechslung mal zu denken: Das Glück halte ich jetzt fest. Das bleibt uns jetzt für immer.