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„Eine Krise ermöglicht Neues“Psychologin erklärt, wie wir jetzt stark bleiben

Lesezeit 6 Minuten
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Stärke beweisen: In Krisenzeiten mobilisieren viele ungeahnte Kräfte.  

  • Die Psychologin Anke Precht sorgt sich in der Corona-Krise nicht um die Psyche der Menschen – die könne das aushalten, sagt sie.
  • Nicht jede Angst sei pathologisch, oft sei sie eine gesunde Reaktion auf eine außergewöhnliche Entwicklung.
  • Wichtig sei jetzt, aktiv zu bleiben – Kontakte zu anderen aufrecht zu halten und neue Hobbys zu entwickeln.

Köln – Frau Precht, Sie sind Expertin für Resilienz, also für die psychische Widerstandsfähigkeit in Krisenzeiten. Was macht die Corona-Pandemie gerade mit Ihrer Psyche?

Anke Precht: Sie macht mich sehr wach. In manchen Situationen bin ich sehr gefordert, weil sich meine Arbeit natürlich extrem verändert hat. Seminare wurden abgesagt, Vorträge kann ich nicht halten, stattdessen habe ich Videokonferenzen und muss mich in die Technik einarbeiten. Das empfinde ich als Zustand extrem beschleunigten Lernens.

Erleben Sie das als Krise?

Ja. Wobei ich Krisen gegenüber erst mal keine grundsätzlich negative Einstellung habe. Ich habe Krisen als Wachstums-Booster kennengelernt. Krisen sind Situationen, in denen alte Muster, alte Weltbilder, alte Gewohnheiten zusammenbrechen. Das ist immer sehr schmerzhaft und oft beängstigend. Auch für mich. Das ermöglicht aber Neues. Wenn man aus seiner Komfortzone geschubst wird, müssen sich die Gedanken plötzlich in anderen Bahnen bewegen. 

Im Moment haben Menschen Angst um ihr Leben, um das ihrer Lieben, sie fürchten um ihre berufliche Existenz, erleben auf engstem Raum, mit der ganzen Familie an die Wohnung gebunden, zwischenmenschliche Tiefpunkte. Bei manchen trifft alles auf einmal zu. Wie kann das als Chance erlebt werden?

Erst mal gar nicht. Erst mal macht das Angst. Das ist immer die erste Phase einer Krise. Irgendwann kommt dann die Akzeptanz. Man akzeptiert, dass die Situation jetzt so ist. Da können Gefühle wie Wut, Ärger oder auch Schuldzuweisungen auftauchen. Dann kommt in der Regel eine Phase, in der man sich fragt: Okay, und was kann ich jetzt machen? Es entstehen wieder Energie und Motivation. Jetzt wird die Krise produktiv.

Wie lange dauert das?

Anke Precht ist Diplom-Psychologin, Buchautorin und Speakerin. Sie coacht Leistungssportler und Menschen aus Wirtschaft und Öffentlichkeit. Seit 20 Jahren betreibt Precht eine eigene Praxis in Offenburg, dort lebt sie mit ihrem Partner und drei jugendlichen Kindern in einer Patchwork-Familie.

Das kommt sehr darauf an, wie jeder Einzelne mit der Krise umgeht. Wer sich vor den Fernseher hängt, um möglichst nichts zu merken, fängt mit der Verarbeitung an, sobald die Glotze aus ist. Schlimmstenfalls in der Nacht, dann schläft derjenige schlecht. Sinnvoller ist es, sich mit der Situation auseinanderzusetzen, mit Vertrauten, also mit Familie und Freunden, darüber zu sprechen, zu fragen: Wie gehst du damit um? Wie siehst du die Situation? Das Annehmen einer Krise ist ein aktiver Prozess. Wenn ich mich darauf einlasse, mit allen Gefühlen, die dazu gehören, dann kann das in drei, vier, fünf Wochen durch sein. Manchmal geht es schneller, manchmal dauert es etwas länger.

So viele Ängste, so viele Änderungen im Alltag, so viele Einschränkungen. Da ist es verlockend, den Tag im Schlafanzug zu verbringen und auf dem Sofa zu lümmeln.

Ja klar, mit Schokolade oder einem Bierchen.

Wie widerstehe ich dieser Versuchung?

Wie machen Sie das sonst, wenn Sie Frust haben? Man verabredet sich.

Das kann ich aber gerade nicht machen. 

Mit einer zweiten Person joggen gehen, das ist ja noch erlaubt. Man kann sich aber auch auf Skype verabreden oder am Telefon und so die Außenkontakte am Laufen halten. Man kann sich etwas Neues suchen, um die Tage zu füllen. Aktivität ist sehr wichtig. Es gibt Leute, die haben seit Jahren ein Klavier zu Hause rum stehen. Jetzt wäre die Zeit, sich einen Klavierlehrer zu suchen und über Skype Unterricht zu nehmen. Da gibt es viele Angebote. Gerade jetzt ist es wichtig, alte Gewohnheiten beizubehalten und neue zu installieren. Aufstehen wie jeden Morgen, sich frisieren oder rasieren und anziehen wie jeden Morgen – und nicht jeden Tag neu überlegen, ob ich den Schlafanzug ausziehen will oder nicht.

Vielen macht die soziale Isolation zu schaffen. Kein Sport in der Gruppe, kein Kino- oder Konzertabend, keine Party mit Freunden. Wie lässt sich das aushalten?

Wir wissen, dass Einsamkeit der größte Killer ist, den es für Menschen gibt. Wenn wir uns die Langlebigkeits-Studien angucken, dann ist Einsamkeit schädlicher als Saufen oder Rauchen. Wir wissen, dass es zwei Arten von Verbindungen zwischen Menschen gibt. Zum einen das enge Netz an sozialen Kontakten, an Familie und Freunden, die immer für einen da sind. Das trägt auch dann, wenn man sich mal eine Weile nicht sieht.

Women’s Health Day

Anke Precht spricht am beim Women‘s Health Day im Lindner Hotel City Plaza in Köln, der aufgrund des Coronavirus von April auf den 8. und 9. August 2020 verschoben wurde. Gekaufte Tickets behalten ihre Gültigkeit. Ihr Thema: „Wie strick ich mir ein dickes Fell? Was Resilienz wirklich ist, wie frau sie trainiert und warum es sich lohnt.” Viele weitere Referentinnen sprechen an diesen Tagen über diverse Gesundheitsthemen. Tickets und Infos unter womenshealthday.de

Und zum anderen?

Die zweite wichtige Komponente für die Gesundheit sind die konkreten Begegnungen: Dass man am Tag mit einigen Leuten Kontakt hat, so wie wir jetzt telefonieren. Das ist heilsam und das sollte man sich im Moment unbedingt organisieren. Die Arbeitskollegen anrufen, sich mit den Sportkollegen auf Skype verabreden, oder in den sozialen Medien nach der Austauschschülerin von vor 20 Jahren suchen. Die sitzen ja auch alle zu Hause und freuen sich über Kontakte.

Wir sind kleine Fluchten gewohnt, Kurzurlaub im Grünen, ein Städtetrip, die Reise ans Meer. Wie kommen wir ohne das alles zur Ruhe?

Die kleinen Fluchten sind dann wichtig, wenn es etwas gibt, wovor man fliehen muss. Das ist in der Regel dieses Hamsterrad, in dem sich die Leute drehen, weil sie die ganze Woche durch getaktet haben. Das verändert sich im Moment gerade. Das Herausfallen aus dem Hamsterrad ist für viele Menschen gesund. Fluchten werden weniger wichtig für die psychische Stabilität. Es wird sich mehr Gegenwärtigkeit einstellen, mehr Achtsamkeit, im Moment sein, kleine Dinge vor der eigenen Tür wiederentdecken. Vielleicht werden die einen oder anderen merken, dass sie diese fünf Reisen pro Jahr, von denen man immer dachte, dass sie unbedingt nötig seien, gar nicht so dringend brauchen.

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Sorgen Sie sich gerade um die psychische Stabilität Ihrer Mitmenschen?

Nein, das tue ich nicht.

Das unterscheidet Sie von einigen Ihrer Kollegen.

Ja, ich weiß, die meisten sehen das sehr dramatisch, weil viele Menschen Angst haben. Aber nicht jede Angst ist pathologisch. Ich finde es völlig normal, dass Menschen in einer Krise erst mal Angst haben. Das bedeutet, dass sie merken: Da verändert sich gerade richtig viel und ich kann es nicht kontrollieren. Da entstehen Wachstumsschmerzen. Diese Angst ist eine gesunde Reaktion auf eine außergewöhnliche Entwicklung. Menschen, die ihre Gewohnheiten ändern müssen, weil die alten nicht mehr funktionieren, fühlen sich oft erstaunlich gut – und werden nicht depressiv, wie viele jetzt unken. Im Gegenteil: Sie spüren eher Energie und sind total glücklich, wenn sie neue Möglichkeiten entdecken. Da passiert viel an Lebendigkeit. Nicht jede schlimme Lebenssituation ist für die Psyche gefährlich, die ist durchaus in der Lage, damit umzugehen.

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