Prof. Ingo Froböse zu Übergewicht„Der Bauchraum wird quasi zugemüllt“

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Ingo Froböse steht auf einem Sportplatz und guckt in die Kamera.

Der Kölner Sportprofessor Ingo Froböse hält Diäten für Unsinn – andere Maßnahmen seien viel sinnvoller, um Übergewicht zu bekämpfen.

Im Interview erklärt der Kölner Sportprofessor Ingo Froböse, warum Übergewicht so gefährlich ist, die Advents- und Winterzeit als hochkalorische Falle und Strategien gegen den Winterspeck.

Herr Froböse, niemand möchte Winterspeck. Viele bekommen ihn trotzdem und kämpfen dann spätestens nach Silvester damit, ihn wieder loszuwerden. Warum gibt es eigentlich Winterspeck?

Ingo Froböse: Den hat die Evolution berechtigter Weise angelegt vor sehr langer Zeit. Wir hatten ja nicht immer eine Heizung. Und wenn man in die Tierwelt schaut, sieht man, dass die Tiere gerade vor den Wintermonaten Nahrung sammeln und sich Winterspeck anfuttern. Die Winterschläfer brauchen eine besonders dicke Schicht. Fett ist in den kargen Monaten des Winters eine Energiequelle, wenn es in der Natur keine Blüten und keine Wurzeln gibt. Entsprechend mussten wir früher unsere Energie am Körper tragen, Fett isoliert auch fantastisch gegen Kälte. Das hat die Natur sinnvoll eingerichtet.

Jetzt kommt das Aber?

Genau. Dieser Winterspeck ging in früheren Zeiten bis zum Sommer wieder weg, weil wir körperlich aktiv waren. Wir haben die gespeicherte Energie also wieder verbraucht, gerade von Januar bis März, wo kaum etwas Essbares zur Verfügung stand. Heute leben wir im Schlaraffenland und brauchen diesen evolutionären Winterspeck nicht mehr. Die Evolution ist aber nicht so schnell. Die Evolution braucht noch ein paar Jahrhunderte, um sich an die Lieferdienste zu gewöhnen, die uns Pizzen nach Haus bringen.

Weshalb wir immer übergewichtiger werden.

Leider ja. 67 Prozent der Männer und 49 Prozent der Frauen in Deutschland sind übergewichtig. Wir gehen davon aus, dass ab 2030 die Hälfte der Weltbevölkerung übergewichtig sein wird. Angesichts der Hungersnöte in vielen Teilen der Welt kann man erahnen, wie dramatisch das Übergewichts-Problem also woanders ist, insbesondere den südamerikanischen Ländern. Aber auch Europa nimmt zu.

Müssten wir im Winter weniger essen als im Sommer?

Eigentlich schon. Wir müssen uns anpassen, weil wir weniger Energieverbrauch im Winter haben. So wie die Menschen Winter früher auch weniger gegessen oder eben nur das, was sie gepökelt, gesalzen oder sonst noch irgendwo im Erdloch vergraben hatten. Stattdessen machen wir es genau umgekehrt. Die Verführungen sind groß, ebenso wie der Energiegehalt der Lebensmittel. Es kommt der dicke Braten auf den Tisch und nicht der leichte Fisch wie in den Sommermonaten. Die Quantität und Qualität des Essens unterscheiden sich also enorm.

Welche Rolle spielt der Alkohol?

Alkohol ist hochkalorisch und macht uns träge. Nicht umsonst ist es das Synonym für faul sein, mit einem Glas Rotwein auf dem Sofa zu sitzen. Außerdem ist Alkohol gesellig, man trinkt gerne in großen Gruppen Bierchen oder Glühwein. Und warum gibt es dann Frikadellen oder Reibekuchen an der Theke? Weil Alkohol die Lust auf Fett steigert. Das ist ein Teufelskreis.

Woran liegt es, dass Alkohol Hunger auf Fettes befördert?

Alkohol, egal wie teuer er daherkommt, ist erst einmal Gift. Und der Körper will dieses Gift loswerden. Die Leber wird dann viel aktiver, weil sie den Stoffwechsel reguliert, und hat einen erhöhten Energiebedarf. Sie signalisiert dem Körper, dass wir mehr Energie brauchen. Also futtern wir.

Leider ist es unrealistisch, dass man nicht ab und zu mal Glühwein trinken möchte.

Ab und zu ist das auch kein Problem. Aber man sollte nicht jeden Abend auf dem Weihnachtsmarkt stehen und sich überlegen, ob der Glühwein wirklich von einer Bratwurst begleitet werden muss.

Das Fett wächst bis in die Lunge hinein, es erwürgt das Herz.
Ingo Froböse

Die Schwestern des Glühweins sind die Kekse. Keine Kekse backen ist auch keine Lösung, oder?

Stimmt.  Erstmal ist mir wichtig, dass die Kekse auf Konferenztischen eine richtig schlechte Qualität haben. Von diesen Industrieprodukten sollte man auf jeden Fall die Finger lassen. Aber wenn man zu Hause Kekse backt, wie man sie von Mama gelernt hat, dann ist der Keks ein Genussmittel, ein Kulturgut, das wir uns gerade in dieser Zeit aufrechterhalten sollten. Essen hat viel mit Kultur zu tun und nicht nur mit Kalorien. Nur bitte in Maßen.

Die Weihnachtstage sind gefährliche Tage, was Kalorien angeht. Wie sieht Ihre persönliche Strategie für die Feiertage aus?

Sie haben recht, die Weihnachtstage sind gefährlich. Aber man nimmt grundsätzlich nicht zwischen Weihnachten und Neujahr zu, sondern zwischen Neujahr und Weihnachten. Man muss das ganze Jahr in den Blick nehmen. Wer die Qualität beim Essen hochhält, egal, ob im Sommer oder Winter, egal ob Lachs oder Sauerbraten, kann sich auch was gönnen. Was mir wichtig ist: Ich vergesse meine sportlichen Aktivitäten in den Weihnachtstagen nicht plötzlich, sondern gehe vor oder nach dem Mittagessen raus an die frische Luft.

Der klassische Weihnachtsspaziergang?

Bei mir ist das schon ein bisschen mehr als ein Spaziergang. Aber raus mit der ganzen Familie, das ist eine gute Idee. Nach dem Essen sollst du ruhen oder 1000 Schritte tun, das stimmt einfach. Auch wenn mir persönlich die 1000 Schritte zu wenig wären.

Sie sind Fan des Intervallfastens. Ist das auch an Weihnachten sinnvoll?

Auf jeden Fall. Die Gefahr liegt Weihnachten darin, dass wir neben den Mahlzeiten noch die vollgepackten Weihnachtsteller haben. Da stehen dann leckeren Dominosteine, Spitzkuchen und Lebkuchen. Ich esse die auch, aber ich esse sie direkt nach dem Mittagessen, damit ich bis abends eine lange Esspause habe. Ich komme sehr gut damit klar, nur zwei Mahlzeiten am Tag zu haben. Für die meisten Menschen würde es schon reichen, vier bis sechs Stunden Pause zwischen den Mahlzeiten zu machen und nicht zwischendurch in die Keksdose zu greifen.  Wir haben in Köln dieses eigentlich sehr schöne Wort: mümmeln. Genau das sollte man sein lassen, gerade an den Weihnachtstagen.

Warum braucht der Körper die längeren Pausen?

Wenn ich immer zwischendurch esse, mute ich dem Körper etwas zu, was nicht normal ist. Er will sich und kann sich nicht immer mit Nahrung auseinandersetzen, die er zerkleinern muss. Er braucht Pausen, damit er auch mal Energie verbrennt und nicht nur aufnimmt. Wenn man an den Weihnachtagen zwischendurch wirklich mal Hunger und Appetit hat, am besten ein Glas Wasser trinken. Dann ist der Heißhunger meistens sofort weg. Wir sollten unser Gemümmel strategisch hinterfragen.

Was passiert im Körper, wenn er ständig viel Essen bekommt?

Der Insulinspiegel geht hoch und bleibt oben. Wenn ich das auf Dauer mache, werden die Zellen insulinrestistent. Sie reagieren also nicht mehr auf das Insulin. Der Körper produziert dann noch mehr, um Kraft auf die Zelle auszuüben. Dann bin ich im Teufelskreis. Irgendwann kann der Körper nicht mehr, dann schwächelt die Bauchspeicheldrüse – und dann habe ich verloren.

Bei vielen klappt es trotzdem nicht, Winterspeck zu verhindern. Was dann?

Wenn das Gewicht im Lauf der Jahre stabil bleibt, ist alles gut. Wenn man nicht jedes Jahr sagt: Schon wieder sind zwei bis drei Kilo drauf geblieben. Dann wird es nämlich dramatisch. Das kollektive Übergewicht hat übrigens auch gesellschaftlich schlimme Konsequenzen. Bezogen auf unser Bruttoinlandsprodukt kostet es uns aktuell 1, 8 Prozent, vor allem wegen der erhöhten Krankheitskosten. Steuern wir jetzt nicht gegen, werden diese Kosten bis 2030 auf über 3 Prozent des Bruttosozialproduktes anwachsen. Das können wir uns gar nicht leisten. Vor allem aber muss uns die individuelle Dramatik von Übergewicht bewusst werden.

Inwiefern?

Das ist eben nicht nur auf der Waage ein Problem oder ein ästhetisches Problem, sondern vor allem gesundheitlich. Fett verändert die gesamte Körper-Komposition. Ich habe plötzlich ein Übergewicht an passiven Fettzellen, die hormonell aktiv sind. Ich habe weniger Testosteron und mehr Östrogene im Körper. Ich habe entzündliche Prozesse im Körper. Das Immunsystem hat deutlich größere Schwächen. Ich habe weniger Muskelmasse, dadurch schwindet meine Leistungsfähigkeit. Das Fett wächst bis in die Lunge hinein, es erwürgt das Herz, es reguliert den Darm viel schlechter. Der Bauchraum wird quasi zugemüllt. Das heißt auch, dass den inneren Organen viele Tätigkeiten gar nicht mehr möglich sind. Leider sehe ich das auch bei vielen Kindern.  Deshalb sage ich immer: Eltern haften für ihre Kinder.

Auch an Weihnachten?

Auf jeden Fall. Liebe Omas, liebe Opas, bitte schenkt keine Süßigkeiten. Belohnt Kinder nicht damit. Ihr triggert sie damit und fördert das Übergewicht in viel zu frühen Jahren. Übergewichtige Kinder haben schon verloren: Wenn Fettzellen einmal da sind, verschwinden sie nie mehr. Liebe Eltern: Achtet darauf, eure Kinder ein wenig zu regulieren, macht sie kompetent, was ihre Ernährung angeht, redet mit ihnen darüber. Genießen ist möglich, aber findet immer wieder Alternativen, die für das Kind besser sind.

Warum ist es so unglaublich schwer, Kilos wieder loszuwerden?

75 Prozent der Deutschen haben schon eine erfolglose Diät versucht. Diäten sollten besser alle mal sein lassen. Trotzdem müssen wir nicht gleich die weiße Fahne hissen. Fett ist nicht so schlimm, solang es nicht überproportional groß wird. Der Körper versucht, das Fett im Körper zu behalten, weil er es für karge Zeiten sammelt – die bei uns aber nicht mehr kommen. Darum muss man die Waffe Muskulatur ziehen. Wir dürfen unsere Muskelmasse nicht verlieren, genau das passiert aber leider bei den meisten. Das Dumme: Man sieht es auf der Waage nicht direkt, wenn die Muskelmasse schwindet.

Sie nehmen den Dominosteinen aber wirklich jede Harmlosigkeit.

In jedem Dominostein steckt auch ein Vitaminchen. Lassen Sie sich den also ruhig mal schmecken.

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