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Urlaub in Südeuropa„Auch extrem heiße Sommer ändern das Reiseverhalten der Menschen nicht“

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Touristen am Strand von Barceloneta.

Touristenmassen am Strand von Barceloneta

Hitzewellen, Unwetter, Wassermangel – wie wirkt sich der Klimawandel auf das Reiseverhalten aus? Ein Tourismusforscher glaubt: Anders, als wir es erwarten.

Werden wir zukünftig noch im Süden Europas Urlaub machen?

Jürgen Schmude: Ein ganz klares Ja. In der derzeitigen Debatte ist meiner Meinung nach zu viel Hysterie im Spiel. Natürlich werden wir in Ländern wie Griechenland und Italien extrem heiße Sommer haben, das wissen wir auch schon lange. Aber in unserer Forschung sehen wir bislang, dass diese Entwicklung sich kaum auf den Reiseentscheidungsprozess auswirkt. Eine Ausnahme spielen höchstens ältere Menschen. Aber die würden ihren Urlaub eher zeitlich verschieben.

Das heißt, die Aussicht auf enorme Hitze hält Urlauber nicht ab?

Wenn wir zehn Jahre am Stück solche Hitzeperioden hätten, dann würde das mit Sicherheit passieren. Aber die Temperaturen variieren ja, genauso wie im Winter. Außerdem sind Menschen in ihrem angelernten Reiseverhalten sehr eingefahren. Es ist schwierig, dieses Verhalten zu verändern. Wir werden alle an der Klimafrage nicht vorbeikommen. Aber deswegen werden die meisten nicht auf Urlaube verzichten.

Lassen die klimatischen Bedingungen solche Urlaubsreisen denn überhaupt noch zu?

Sie müssen unterscheiden zwischen der Bevölkerung, die vor Ort lebt. Und Menschen, die ein oder zwei Wochen als Touristen anreisen. Die Touristen müssen sich höchstens etwas anpassen. Indem sie zum Beispiel ihre Siesta ausdehnen. Für die Bevölkerung sieht das ganz anders aus.

Die Menschen auf Rhodos verlieren in dem Feuer ihre Existenz. Wir bangen um unseren Sommerurlaub. Ist das nicht zynisch?

Sie fragen nach der Ethik des Tourismus. Das hört sich jetzt womöglich hart an, aber Studien zeigen, dass solche Fragen Touristen in erster Linie nicht interessieren. Die wollen Urlaub machen. Die Menschen sind auch während der Flüchtlingskrise auf die griechischen Inseln gefahren, als dort tragischerweise Tote angespült wurden, die die Überfahrt nicht überlebt haben. Es wird also viel ausgeblendet für die sogenannten schönsten Wochen des Jahres. Und da spielt dann auch die Nachhaltigkeit nicht mehr eine so große Rolle wie im Alltag. Touristen sind gute Verdränger.

Braucht der Tourismus mehr Ethik?

Ja. Aber gleichzeitig ist das eine sehr ambivalente Debatte, die wir ja nicht nur im Zusammenhang mit Südeuropa, sondern auch mit Entwicklungs- und Schwellenländern führen. Wenn Touristen nicht mehr an diese Orte reisen, dann gehen dadurch dort auch Arbeitsplätze verloren, Menschen verlieren ihr Einkommen. Vielleicht ist die entscheidende Frage deswegen nicht ob, sondern wie und wie lange man reist. Ob man beispielsweise länger an einem Ort bleibt, um zu mehr Einkommen beizutragen. Und auch, wie man sich dort verhält. Kinderarbeit, Sextourismus, auch um solche Fragen geht es bei der Ethik des Reisens.

Gibt es überhaupt so etwas wie nachhaltiges Reisen?

Auch hier: Ja und Nein. Nachhaltigkeit ist ein Idealbild. Und die Frage ist, wie nah komme ich diesem Ideal oder wie weit entferne ich mich davon? Es gibt Reiseformen wie den Wandertourismus, die viel nachhaltiger sind als eine Kreuzfahrt oder eine Fernreise mit dem Flieger. Trotzdem muss klar sein, dass jede Reise ein Eingriff in den Naturhaushalt darstellt. In der Tourismuswirtschaft gibt es schon länger das Bestreben, diesen Einfluss über den sogenannten Reisefußabdruck zu quantifizieren, um zum Nachdenken anzuregen. Die Größe des Fußabdrucks wird vor allem von der Mobilität der Reisenden beeinflusst. Das heißt, wer fliegt, der hinterlässt einen größeren Abdruck als jemand, der mit der Bahn fährt. Und dieses Verhältnis kann ich eigentlich nur über die Aufenthaltsdauer relativeren. In diesem Sinne sollten sie also nicht für zwei Wochen nach Australien fliegen oder für ein Wochenende nach Barcelona. Und auch nicht jedes Jahr ins Flugzeug steigen.

Also zukünftig eher mit dem Nachtzug ins kühle Dänemark anstatt nach Mallorca?

Viele Vertreter aus der Tourismusforschung hatten die Hoffnung, dass im Anschluss an die Corona-Pandemie nachhaltiger und bewusster gereist wird. Aber davon hat sich nichts bewahrheitet, das muss man genau so brutal sagen. Wir alle kennen vereinzelte Meschen, die jetzt eher mit dem Zug nach Italien fahren oder in den Norden statt in den Süden reisen. Aber die Frage ist ja, was in der Summe passiert. Und ich glaube nicht, dass sich die großen Reiseströme in den nächsten zehn Jahren dramatisch verändern werden.

Wieso ist das so?

Das Reise-Bedürfnis der Menschen ist ungebrochen. Und die Reise-Industrie hat alles darangesetzt, um die Vor-Corona-Zahlen wieder zu erreichen. Mit dem Tourismus ist es ja ganz ähnlich wie mit dem Klimawandel, es gibt Destinationen, die haben schon lange einen Kipp-Punkt erreicht und müssten eigentlich ganz stark zurücksteuern, weil die Schäden sonst irgendwann irreversibel sind. Der Tourismus ist Opfer des Klimawandels. Aber durch wenig nachhaltige Bauweisen, Wasserverschwendung trotz Wasserknappheit oder durch bestimmte Formen der Mobilität ist er eben auch Täter. Und daran können meiner Meinung nach vor allem die Reiseanbieter etwas verändern, durch ein größeres Angebot für eben diese nachhaltigeren Reisen.

Was gibt es denn jetzt schon in diesem Bereich?

Es gibt eine Reihe kleiner Reiseveranstalter, die auf sogenanntes nachhaltiges Reisen spezialisiert sind und die ihren Reisen ein klares Regelwerk geben, damit sie als nachhaltig bezeichnet werden können. In der Summe machen die von ihnen verkauften Reisen aber nur einen ganz geringen Anteil am Reisevolumen insgesamt aus. Natürlich bewegen sich auch die großen Reiseveranstalter in Richtung Nachhaltigkeit. Aber dabei handelt es sich eher um punktuelle Maßnahmen wie wassersparende Technologie in Hotels oder stärkere Nutzung regionaler Produkte in der Gastronomie.

Jetzt hat Verreisen auch etwas Schönes. Man kommt mal raus, man lernt andere Länder, Kulturen und Küchen kennen. Wären diese neuen Angebote auch ein Weg, diesen Luxus zu erhalten?

Ja, auf jeden Fall. Wir dürfen auch nicht immer nur auf den Tourismus eindreschen, er hat ja auch sehr viele positive Folgen. Einen gesundheitlichen Erholungseffekt, Bildung und auch das schon erwähnte Wirtschaftswachstum.

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