Peer GyntDie Musikalisierung des »Unaufführbaren«

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Sunnyi Melles

Sunnyi Melles

In den Augen der Dorfbewohner ist er ein Aufschneider und Versager, in den Augen seiner Mutter ein Träumer und Fantast. Statt zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen, hat Peer Gynt längst den Blick für die Realität verloren. Statt um die Hand einer ihm wohl gesinnten und wohlhabenden Frau zu bitten, verliebt er sich auf deren Hochzeitsfeier in Solveig, die als Einzige mit dem Außenseiter tanzen will. Aus Wut über die allgemeine Abneigung entführt Peer die Braut in die Berge. Dort beginnt seine große Reise durch die Welten: Zwischen Traum und Wirklichkeit macht er sich auf die Suche nach sich selbst. Eine Suche, die nur auf Umwegen zum Ziel führt. Er gerät in die Macht magisch-mythischer Kräfte und entkommt nur knapp der Vermählung mit einer Troll-Prinzessin. Nach dem Motto der Trolle: »Sei dir selbst genug« baut er sich eine Hütte im Wald, doch Solveig folgt ihm und will bei ihm bleiben. Nach dem Tod seiner Mutter verlässt Peer endgültig seine Heimat – und seine große Liebe – um an der Küste Marokkos mit dubiosen Geschäften und Sklavenhandel Reichtum zu erlangen.

Aus dem Traum, Kaiser und Prophet der Welt zu werden, wird allerdings nichts, stattdessen landet Peer im Irrenhaus. Als das Schiff, das den gealterten Gescheiterten nach Norwegen zurückführen soll, in einen Sturm gerät und sinkt, überlebt Peer, als er einen anderen Schiffbrüchigen ins Wasser stößt. Als ihm schließlich der Tod in der Person des Knopfgießers begegnet, bittet Peer um Aufschub, um noch ein Fazit seines Lebens ziehen zu können. Auf die Frage, wer er sei, findet er dennoch nur widersprüchliche Antworten. Am Ende trifft er auf Solveig, die noch immer auf ihn wartet (und deren Gestalt mit der seiner Mutter verschwimmt). So erkennt er, dass sein Kaiserreich hier gewesen wäre und das Glück nicht fern, sondern sehr nah liegt. Eine späte Erkenntnis. Zu spät?

Henrik Ibsen schuf mit »Peer Gynt«, dem »nordischen Faust«, das Drama einer durch Egoismus und naiv-impulsiven Selbstbetrug verfehlten Selbstverwirklichung. Die vielen märchenartigen Züge des Stückes, die größtenteils, ebenso wie die Gestalt des Peer Gynt, älteren nordischen Volksmärchen entstammen, gehen über die bloße Wirklichkeit hinaus und lassen mythische Urgründe und symbolische Figuren in neuzeitlicher Form lebendig werden. Ibsen hielt das dramatische Gedicht für »unaufführbar«, erhoffte sich jedoch von einer hinzu komponierten Bühnenmusik einen Erfolg bei Publikum wie Kritikern. So unterbreitete er Edvard Grieg seine Pläne für eine Umarbeitung der Dichtung zu einem Drama und seine Vorstellungen hinsichtlich einer Schauspielmusik. Der bezeichnete die Thematik als »unverdaulich«, stellte sich dann aber doch der großen, verlockenden Herausforderung. Später sagte er, »das unmusikalischste aller nur denkbaren Sujets« sei für ihn zum Albtraum geworden. Da er daran zweifelte, dass sich das Werk auch außerhalb Norwegens durchsetzen könne, fasste Grieg die 26 Nummern der Bühnenmusik in den Jahren von 1888 bis 1892 zu zwei viersätzigen kurzen Orchestersuiten zusammen, die ohne die gesprochenen Dialoge, Gesang und Chor auskommen. Dabei sind es gerade diese Elemente, die Musik und Dichtung verbinden. So schildert Griegs unmittelbare, eingängige Musik nicht nur die Abenteuer des vermeintlichen Helden, sondern illustriert ebenso feinsinnig seine psychologische Entwicklung. Immer wieder bilden dabei Anspruch und Wirklichkeit einen unüberbrückbaren Gegensatz, etwa in Solveigs Lied und der anschließenden stürmischen Heimkehr Peer Gynts. Das Mahler Chamber Orchestra, weiterhin »Orchestra in Residence« in NRW, bietet die seltene Gelegenheit, mit Griegs Originalfassung die ganze Palette von Arien, Melodramen, Chören und großen sinfonischen Zwischenspielen zu erleben. Mit Hilfe ihres Paten Claudio Abbado entstand aus Mitgliedern des Gustav Mahler Jugendorchesters ein eigenständiges »Chamber«-Orchester, das ausdrücklich auf ein kammermusikalisches Miteinander und Musizieren schwört. So wird ein ursprünglich für »unverdaulich« gehaltenes »monströses« Sujet wie Ibsens Nationaldrama gepaart mit Griegs Vertonung und einem »historisch informierten« Dirigenten wie Marc Minkowski umso mehr zum subtilen wie intimen Genuss werden.

06.10.2012 Samstag 20:00

Mari Eriksmoen Sopran Marianne Beate Kielland Alt Johannes Weisser Bariton

Sunnyi Melles Sprecherin

Estnischer Philharmonischer Kammerchor Mahler Chamber Orchestra Marc Minkowski Dirigent

Edvard Grieg Peer Gynt op. 23 (1874/75) Bühnenmusik zum gleichnamigen Drama von Henrik Ibsen

Förderer der MCO Residenz NRW: Kunststiftung NRW und das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sportdes Landes Nordrhein-Westfalen

19:00, Einführung in das Konzert durch Oliver Binder, Empore

€ 48,– 42,– 38,– 27,– 19,– 10,– | Z: € 38,– Klassiker ! 1

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