Die Geschichte ausgewählter Fachgeschäfte, Verwaltungsgebäude und alter Wohnhäuser entlang der Ahrstraße in Blankenheim wird jetzt auf 13 Aluminiumfolien auf dem Asphalt vor den Adressen nacherzählt. Ziel ist, die Historie des Straßenzuges so vor Ort bewusst zu machen.
Vorbild Stolpersteine: Geschichte vor Ort bewusst machen
Man kennt solche Projekte im kleinen Maßstab – aber mittlerweile in ganz Europa tausendfach verlegt – von den Stolpersteinen Gunter Demnigs: Bewusstmachung von Geschichte vor Ort, in diesem Fall das Schicksal einstmals an einer genauen Adresse lebender jüdischer Familien im Nationalsozialismus. Bis hin zu deren Deportation und Ermordung in einem Vernichtungslager der Nationalsozialisten – soweit Gunter Demnig und die Städte, Gemeinden und Initiativen das recherchieren konnten.
Das buchstäbliche Stolpern über Erinnerungen, das Innehalten vor einem Stolperstein - dieses erfolgreiche Mittel zur Bewusstmachung hat schon lange auch das Stadtmarketing und die Werbeindustrie erreicht. Auf Asphalt im öffentlichen Raum werben auf den Bürgersteig geklebte Aluminiumfolien für alles Mögliche - vom Kinderfest bis zum Konsumartikel. Sie führen zu Festen, erleichtern die Orientierung als Farbleitsysteme in Flughäfen oder Krankenhäusern und weisen den Weg aus Bahnhöfen hinaus zu den Haltestellen des Schienenersatzverkehrs.
Outdoor-Galerie Ahrstraße
„Wir haben in unserem Team die Idee gehabt, das auch für Blankheims Outdoor-Galerie Ahrstraße zu übernehmen“, so Christina Coumont, Stabsstellenleitung Tourismus bei der Gemeinde Blankenheim. 13 Adressen wurden dafür ausgewählt: Wohn- und Geschäftshäuser alteingesessener Blankenheimer Familien, öffentliche Gebäude, Einzelhandelsgeschäfte, bedeutsame historische Örtlichkeiten. Die asymmetrisch zugeschnittenen Aufkleber mit historischen Fotos und Kurztext befinden sich auf dem Asphalt unmittelbar an oder gegenüber den Häusern, und zwar – von Nord nach Süd betrachtet – von Hausnummer 10 bis 70. Oder anders ausgedrückt: zwischen Alter Poststelle und der Rathaus-Apotheke neben der derzeitigen Baustelle für die Wohnanlage Schwanenwinkel auf dem Gelände des alten Rathauses von Blankenheim.
Fotos aus Doppelfelds Sammlung, Texte aus „Um Burg und Quelle“
Die von den Touristikern ausgewählten alten Fotos stammen oft aus der Sammlung des Ortshistorikers Wolfgang Doppelfeld und sind historischen Postkarten mit Blankenheimer Motiven entnommen. Die dazugestellten Texte habe man aus älteren Jahrgängen der eingestellten Zeitschrift „Um Burg und Quelle“ des damaligen Heimatvereins Blankenheim zusammengetragen, so Christina Coumont.
Rutschfest und rückstandslos entfernbar: die Folien
Seit drei Wochen sind die Folien verklebt. Sie sind nach Herstellerangaben rutschfest nach DIN/EN 16165, erfüllen die Anforderungen der Brandschutzklasse B1 und haben eine Griffigkeit von „49 SRT-Einheiten“. Zudem seien die Folien „beständig, recyclefähig und PVC-frei“, so der Hersteller in seiner Produktbeschreibung. Bei Bedarf könnten sie zudem rückstandslos entfernt werden.
Positive Resonanz im Café der Bäckerei Bell
Doch wie kommen die aufgeklebten Informationsträger bei den Blankenheimern an? Da empfiehlt sich der Besuch des Cafés der Bäckerei Bell, deren Firmengeschichte in Wort und Bild jetzt an der Adresse Ahrstraße 47 im Asphalt vis-à-vis nachzulesen ist. Drinnen sitzen Frank Bertram und Caspar Löfken beim Kaffeeplausch. Ihr Urteil: „Die Idee ist super! Das zeigt, dass sich in Blankenheim um die Geschichte des Ortes gekümmert wird“, meint Bertram. Löfken und die Bäckereifachverkäuferin hinter dem Verkaufstresen nicken zustimmend. Löfken ist zudem selbst mit seinem Posthalterhof (Ahrstraße 48) auf der neuen Geschichtsroute der Outdoor-Galerie vertreten.
Der Posthalterhof: Herberge von Thurn und Taxis
Sein Hof ist wie das zum heutigen Rathaus umgebaute wuchtige Barockgebäude des einstigen Konsum nebenan oder das Gebäude des heutigen Eifelmuseums für die mittlere Ahrstraße ortsbildend. Der einstige Posthalterhof wurde laut Infotext auf dem Asphalt um 1683 von Thurn und Taxis gebaut und diente Reisenden auf der Postkutschenreise Dormagen-Trier als Herberge. Im Innenhof wurden die Pferde untergebracht, „die Herrschaften übernachteten in der 1. und 2. Etage“, ist zu lesen.

Das Bild vor dem Hotel Schlossblick.
Copyright: Stefan Lieser
Das alles sei so richtig wiedergegeben, meint Caspar Löfken. Der sei im Vorhinein von den Touristikern ja gefragt worden, ob die Informationen stimmen. Neugierig geworden, was es mit dem alten Posthalterhof heute auf sich hat, führt er bereitwillig aus dem Café heraus und über die Straße. Er öffnet eine alte Haustür aus Eichenholz. Man betritt das von Löfken sichtlich bis ins Detail sorgfältig restaurierte alte Gebäude und staunt über überraschend hohe Decken unter dicken alten Eichenbalken. Das wirkt heute noch eindrucksvoll und sollte es auch wohl immer sein: „Thurn und Taxis, die hatten schon einen Taler mehr“, schmunzelt Löfken. Seit 2019 bietet er an der Adresse Ferienwohnungen und Apartments für Selbstversorger an.
Kritik: Fehler im Text zum Hotel Schlossblick
Während Caspar Löfken und Blankenheims Urgestein Frank Bertram – Taxiunternehmer und Ex-Tollität – sich über die Umsetzung der Idee freuen, weil die Informationen auf dem Asphalt schließlich nicht nur für Blankenheim-Besucher, sondern auch für viele Einheimische selbst teilweise neu sind, ist Gilberte Mercier vom Hinweisaufkleber Ahrstraße 70 für die heutige Poststelle und vor allem das von ihrer Familie an der unmittelbar anschließenden Hausnummer Nonnenbacher Weg 4-6 betriebene Hotel Schlossblick eher irritiert. „Die Informationen sind nicht alle richtig“, kritisiert sie beim Kurzbesuch in der Hotelrezeption. So sei das heutige Hotelgebäude – ein Teil davon wurde einst als Kino genutzt – 1954 nicht von der Familie Mercier, sondern von Violet und Werner Poensgen erworben, so Mercier. Das solle man doch bitte richtigstellen. Zudem, Mercier deutet auf das neben dem Text veröffentlichte historische Foto der Adresse, sei da laut Fassadenschriftzug die Konkurrenz vom Gästehaus zur Ahrquelle auch zu sehen, obwohl das Gebäude selbst zum Poensgen-Hotel gehört habe. Das schaffe Verwirrung.
Christina Coument muss zugeben, „dass wir da einen Fehler gemacht haben“, die letzte Textkorrektur vor der Freigabe zur Herstellung des Text-Bild-Motivs sei „übersehen worden“. Doch ob die Korrektur nun durch einfaches Überkleben der falschen durch die richtige Information möglich sei, lässt sie auf Anfrage offen. In der Online-Version der Outdoor-Galerie Ahrstraße soll das aber sofort geschehen.
Fehlende Nachweise und Hintergrundinformationen
Das Projekt ist auch an anderen Stellen etwas nachlässig redaktionell betreut worden. Es fehlen immer wieder die Nachweise der Fotografen der historischen Fotografien. Zumindest den Namen des Archivs oder der Sammlung hätte man alternativ in kleiner Schrift korrekterweise eindrucken lassen können. Dieses Versäumnis kann in Printmedien teuer werden.
Und auch manche Hintergrundinformation zum Projekt selbst fehlt im Hinweistext neben der Übersichtskarte mit den 13 Adressen in den Schaufenstern eines ungenutzten Glaspavillons neben der Rathaus-Apotheke am unteren Beginn der Ahrstraße. Das Projekt der Gemeinde Blankenheim kostete immerhin 2000 Euro.
Gute Resonanz bei Einheimischen und Gästen
Doch sieht man darüber hinweg – und nun ist man wieder bei Caspar Löfken und Frank Betram im Gastraumeck der Filiale der Bäckerei Bell an der Ahrstraße 47 – kommt der neue Geschichtsweg zu Blankenheims wichtigster Straße offenbar bei Blankenheimern gut an. Löfken: „Auch unsere Gäste haben das schon gelobt. Das ergänzt die Blankenheim-Lauschtour per Audio, mit der man ebenfalls durch den historischen Ortskern gehen kann.“
Die Adressen
Weitere Informationen zum Projekt findet man auf den Internetseiten der Gemeinde Blankenheim unter dem Stichwort „Hinter der Fassade“.
Die mit Hinweisfolien versehenen Adressen sind: Rathaus-Apotheke, Post/Hotel Schlossblick, Fahrschule Peters, Tourist-Info/Eifelmuseum, Konsum/Rathaus, Posthalterhof, Bäckerei Bell, Uhren Fink, Platz an dr Pomp, Metzgerei Engel, Kölner Hof, Dr. Schneider, Alte Poststelle.
www.blankenheim.de

