Beim ausverkauften Open-Air-Konzert in Kronenburg standen John Coltrane und seine Werke im Mittelpunkt.
Legende gehuldigtBig Band und „The 3 Tenors“ erinnerten in Kronenburg an John Coltrane

Sie nennen sich „The 3 Tenors“ in Anspielung auf die „Drei Tenöre“. Nur singen sie nicht, sondern spielen das Tenorsaxofon und sind gestandene Jazzer: Johannes Müller (v.l.), Gilad Atzmon und Tony Lakatos.
Copyright: Stefan Lieser
John Coltrane, einem der größten Saxofonisten der Jazzgeschichte, war die 40. „KulturVision“-Veranstaltung des Freien Forums Kronenburg gewidmet. Der in Kronenburg lebende Dozent und Arrangeur Frank Reinshagen hatte Coltrane-Kompositionen für das Silent Explosion Orchestra und drei Solisten umgeschrieben.
„Das, was ich hier machen kann, ist für mich ein Geschenk.“ Martin Schöddert, im Kronenburger Haus für Lehrerfortbildung Veranstalter an diesem Sonntagabend, wirkte dankbar und beseelt. Und er hatte ja allen Grund dazu. Ausverkauft war das Open-Air-Konzert im Innenhof. Für die, die da waren, schlicht ein Erlebnis.
Kompositionen von John Coltrane umgeschrieben
Mit Johannes Müller, Gilad Atzmon und Tony Lakatos ist das Silent Explosion Orchestra (SEO) seit ein paar Tagen auf einer Kurztournee zu Ehren des 1967 mit nur 41 Jahren verstorbenen John Coltrane, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Konzerte in Schwetzingen und Saarwellen hatten die Big Band und „The 3 Tenors“ – was sich auf ihr Instrument, das Tenorsaxofon, bezieht – schon hinter sich, bevor sie in die Eifel kamen.

Das Silent Explosion Orchestra unter der Leitung von Frank Reinshagen spielte im Haus für Lehrerfortbildung Musik von John Coltrane.
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Für den Zweck hat Frank Reinshagen Coltrane-Kompositionen, die ursprünglich für die klassische Jazzbesetzung mit vier oder fünf Musikern gedacht waren, umgeschrieben. Eine mehrtägige Arbeit sei es gewesen, so Reinshagen, die er einem der Großen des Jazz zuliebe gerne gemacht habe. John Coltrane ist für sein virtuos schnelles, fantasievolles und immer innovatives Spiel bekannt. Eine der Jazz-Legenden, die in den 1950er- und 1960er-Jahren den Jazz öffneten. Sie entwickelten ihn aus dem Swing und dem Bebop über den Hard Bop bis zum Free Jazz. John Coltrane war einer der Chefentwickler.
Technisch anspruchsvollste Noten beherrschte er mühelos, was nicht nur seinem musikalischen Genie, sondern vor allem besessener Probenarbeit und Perfektionismus bis ins Detail geschuldet war. „Sheets of Sound“ (Klangteppiche) habe er so entworfen, so der Jazzkritiker Ira Gitler. Durch extrem schnelle Abfolgen von Tönen entstand der Eindruck eines zugleich stehenden und fließenden Klangs. Zudem habe Coltrane traditionelle Akkordfolgen durch ungewöhnliche, in großen Terzen springende Harmonien ersetzt und Tonarten innerhalb eines Stückes mehrfach gewechselt.
Mit Miles Davis im Quintett zusammen gespielt
Zwei der bekanntesten Kompositionen von „Tranes“, wie er bis heute von Jazzern respektvoll in Bezug auf sein zugschnelles Spiel und seinen Nachnamen genannt wird, sind „Giant Steps“ und „Moment’s Notice“, beide natürlich im Set von Big Band und Solisten in Kronenburg. Letzteres enthält ein wildes Saxofonsolo, das Johannes Müller spielte.
In seinen ersten Jahren als Musiker hatte Coltrane eher konventionellen Bebop gespielt. Miles Davis holte ihn in sein erstes Quintett, wo Coltrane mit seinem selbstbewussten und kraftvollen Stil mit dem coolen, stark melodischen Spiel von Davis schnell konkurrierte. Der Zusammenarbeit mit Davis verdankte Coltrane seinen ersten Ruhm.
Aus dieser Zeit hatten das Silent Explosion Orchestra und die drei Solisten eigene Kompositionen Coltranes ausgewählt. Etwa die hinreißende Ballade „Central Park West“ von 1960, mit der Coltrane dem von Frederick Law Olmsted und Calvert Vaux entworfenen und 1873 im Wesentlichen fertig gewordenen Landschaftspark in Manhattan ein musikalisches Denkmal setzte. Musik, die keine Naturidylle spiegelt, sondern ein Abbild des Ruhe- und Begegnungsraums einer Weltstadt zwischen Romantik und quirliger Lebendigkeit.
Klarinettensolo dauerte gut zwölfeinhalb Minuten
Ganz anders „Impressions“ von Coltrane, ein Beispiel für die sich vollziehende Befreiung des Jazzers aus allen musikalischen Konventionen. Das Klarinettensolo des Stücks dauert über zwölfeinhalb Minuten. Tony Lakatos spielte es voller Leidenschaft bis zum letzten der angeblich 6375 Töne.
Das Spätwerk des nur 41 Jahre alt gewordenen Musikers – er starb an einem Leberversagen – greift auch außereuropäische Musiktraditionen auf, Coltrane wird einer der ersten Weltmusiker. Zugleich erkundet er den Free Jazz und widmet sich spirituell aufgeladenen Musikkonzepten.
Das Silent Explosion Orchestra und die drei Saxofonisten spielten „Acknowledgement“ aus Coltranes programmatischem Album „A Love Supreme“, in dem der Jazzer die alles überwindende Kraft der Liebe auch in Texten beschwört. Die Musik dazu ist in ihrer trancehaften Monotonie eine einzige Beschwörung der Botschaft. Das war das elfte und letzte Stück des gut zweistündigen Konzerts, das in die Geschichte der „KulturVision“-Veranstaltungen eingehen dürfte.
Die Zugabe, der ungestüme „Song of the Underground Railroad“ von 1961, vereinte noch einmal das, was John Coltranes Musik einzigartig machte, und bot „The 3 Tenors“ eine willkommene Gelegenheit, einem der ganz Großen des Jazz zu huldigen. John Coltranes Musik, das war auch ihr Verdienst an diesem Abend in Kronenburg, ist einfach zeitlos gut.
