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ExpertengesprächIm Krisenfall kommt es auch im Kreis Euskirchen auf jede helfende Hand an

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Einsatzfahrzeuge des Deutschen Roten Kreuzes sowie der Bundeswehr stehen auf einem Boxenareal des Nürburgrings, das nach der Flutkatastrophe 2021 als Bereitstellungsraum genutzt wurde.

Wie die Zusammenarbeit von DRK und Bundeswehr aussehen kann – hier ein Foto vom Bereitstellungsraum am Nürburgring nach der Flutkatastrophe 2021 – skizzierten die Referenten bei der Saisoneröffnung des Roten Kreuzes in Vogelsang.

Experten beleuchteten zum Rotkreuztag in Vogelsang mögliche Katastrophenszenarien. Ein Problem: Viele ehrenamtliche Helfer sind doppelt verplant.

Klare Frage, klare Antwort. „Ist das deutsche Gesundheitssystem auf Krise vorbereitet?“ lautete der Titel des Vortrags, den Bundeswehr-Oberstarzt Dr. Martin-Christoph Henes bei der Saisoneröffnung des DRK in Vogelsang hielt. „Nein“, so das Fazit seiner Ausführungen im Rotkreuzmuseum. Angesichts des Themas waren viele Vertreter von Institutionen und Organisationen aus diesem Bereich nach Vogelsang gekommen.

Die Referenten setzten sich mit der Frage auseinander, was eine kriegerische Auseinandersetzung unter Beteiligung der Bundesrepublik für die Hilfsorganisationen bedeutet. Neben Henes stellte der Konventionsbeauftragte des DRK NRW, der Kölner Rechtsanwalt Michael Sieland, die Rolle des Roten Kreuzes in der Unterstützung der Bundeswehr dar.

Angesichts des Bedarfes an helfenden Händen und Köpfen ist es mir völlig wurscht, ob einer zur Feuerwehr, zum Roten Kreuz oder zur Bundeswehr geht. Hauptsache, er oder sie hilft.
Dr. Martin-Christoph Henes, Oberstarzt

Es war ein ungewöhnlicher Abend, an dem es ans Eingemachte ging. Bislang dienten die Saisoneröffnungen am Rotkreuztag, dem 8. Mai, vor allem dazu, die Aktivitäten in Vogelsang darzustellen und die humanitären Werte zu feiern. Doch angesichts der weltpolitischen Lage wächst die Befürchtung, dass auch Deutschland Teil einer Auseinandersetzung werden kann.

Viele Ehrenamtler engagieren sich bei verschiedenen Organisationen

Die Auswirkungen auf das Gesundheitssystem machte Henes deutlich. Wenn bundesweit mit täglich rund 1000 Verletzten, militärisch wie zivil, zu rechnen sei, von denen rund 30 Prozent intensivmedizinisch betreut werden müssten, handele es sich nicht um einen singulären Katastrophenfall, der in einem Tag abgearbeitet werden könnte. „Am Montag kommen 1000 Verletzte. Wenn wir Glück haben, sind nicht alle am Dienstag tot“, sagte Sieland. Doch dann kommen die nächsten 1000 Verletzten, ebenso am Mittwoch, Donnerstag und Freitag. Diese Dimension sei den wenigsten klar.

Karl-Werner Zimmermann steht an einem Tisch mit roter Husse und spricht im Rotkreuzmuseum vor einem vollen Auditorium.

Zahlreiche interessierte Gäste begrüßte DRK-Kreisvorsitzender Karl-Werner Zimmermann anlässlich des Rotkreuztages im Museum in Vogelsang.

Wie die Versorgung der Verletzten im Ernstfall gesichert werden kann, ist nicht in allen Einzelheiten geklärt. Als zentrales Element nannte Henes das vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) entwickelte „Kleeblattprinzip“, das während der Corona-Pandemie angewendet wurde. Dabei wurden Intensivpatienten aus stark belasteten Regionen in andere gebracht, in denen es noch Kapazitäten gab. Doch im Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung sei die Versorgung der Patienten das nächste Problem.

Denn sowohl Ärzte als auch das Pflegepersonal seien oft mehrfach tätig, möglicherweise als Reservisten bei der Bundeswehr, bei einer der Hilfsorganisationen oder der Feuerwehr. Rund 30 Prozent der Rotkreuzler seien doppelt verplant, schätzt Sieland. In den anderen Organisationen sehe es genauso aus, so dass gerade im Ehrenamt viele im Falle eines Falles gar nicht zur Verfügung stehen.

Trinkwasserversorgung könnte Ziel von Cyberangriffen werden

Henes blickte auch auf Cyberangriffe: Gemeinden, in denen sich Unterstützungseinheiten für die militärische Einheiten befinden, werden ihm zufolge massiv angegriffen. Den Ausfall der Trinkwasserversorgung nennt er als Beispiel, dem die Zivilbevölkerung ungeschützt ausgesetzt sein könnte. Während es auf der zivilen Seite zwar den Katastrophenschutz gebe, fehle es hingegen an Vorkehrungen im Zivilschutz. Und eben der sei darauf ausgelegt, über lange Zeit hinweg Unterstützung zu leisten.

Dr. Martin-Christoph Henes, Oberstarzt der Bundeswehr, trägt seine graue Uniform.

Krisenszenarien beleuchtete Bundeswehr-Oberstarzt Dr. Martin-Christoph Henes bei seinem Vortrag in Vogelsang.

Michael Sieland, Konventionsbeauftragter des DRK Nordrhein, beim Vortrag in Vogelsang.

Fragen zur Rolle des DRK beantwortete Michael Sieland.

Der Frage, wie das DRK in einem solchen Fall Unterstützung leisten könne, widmete sich Sieland. Gesetzlich sei die Zusammenarbeit des DRK mit der Bundeswehr etwa im DRK-Gesetz und durch die Grundsätze des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK) geregelt. Denn das Rote Kreuz sei schon seit der Gründung durch Henri Dunant der Neutralität verpflichtet. Die Genfer Konvention spielt dabei eine Rolle, die Einstufungen als Kombattanten, Neutralitätspflicht, Bewaffnung und die Abgrenzung beispielsweise zu den Sanitätseinheiten der Bundeswehr.

DRK kann bundesweit 2000 Fahrzeuge und mehr als 4000 Fachkräfte stellen

Als ein mögliches Einsatzgebiet für das DRK benennt Sieland etwa die Unterstützung der Sanitätseinheiten bei der Verlegung von Verletzten. 2000 Fahrzeuge und mehr als 4000 qualifizierte Personen könnte das DRK bundesweit dafür bereitstellen, ohne die anderen Aufgaben, etwa im Rettungsdienst, zu vernachlässigen.

Auch der Beschuss von Sanitäts- oder Rotkreuzfahrzeugen im Ukrainekrieg wurde thematisiert, doch von Sieland relativiert. Es habe Angriffe auf Sanitätsdienst und -einrichtungen gegeben, jedoch   nicht in dem Maße, dass man von einer Systematik sprechen könne. Die Tatsache, dass ein Geschoss in so ein Gebäude falle, bedeute nicht zwangsläufig, dass auf dieses Gebäude gezielt worden sei.

Zum Abschluss richtete Henes einen Appell, der weit über das Auditorium im Rotkreuz-Museum hinaus reichte: „Angesichts des Bedarfes an helfenden Händen und Köpfen ist es mir völlig wurscht, ob einer zur Feuerwehr, zum Roten Kreuz oder zur Bundeswehr geht. Hauptsache, er oder sie hilft.“