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Wechselvolle Geschichte
NS-Anlage, Truppenübungsplatz – Vogelsang ist seit 20 Jahren zivil

7 min
Das Luftbild zeigt die von den Nationalsozialisten erbaute Vogelsang-Anlage, im Hintergrund den Urftsee.

Mit dem Bau 1934 begann die wechselvolle Geschichte Vogelsangs.

Der 1. Januar 2006 war ein erneuter Wendepunkt in der Geschichte Vogelsangs: Das belgische Militär hat die Anlage verlassen, die Konversion begann.

Nach dem Abzug der belgischen Streitkräfte aus Vogelsang begann mit der Konversion der Anlage die Arbeit an einem der größten und teuersten Projekte der vergangenen Jahrzehnte im Kreis Euskirchen. Oft prallten unterschiedliche Ansichten aufeinander. Viele Pläne wurden hitzig diskutiert, um die Kosten entbrannte mehrfach heftiger Streit. 2016 wurde das Forum eröffnet. Eine Rückschau:

1934

Nach Plänen des Architekten Clemens Klotz wird Vogelsang als Schulungsstätte für künftige NSDAP-Kader von den Nationalsozialisten gebaut und ist bis 1939 in Betrieb. Bis 1944 wird sie unter anderem als „Adolf-Hitler-Schule“ genutzt.

Das historische Foto zeigt Bauarbeiten in Vogelsang in den 1930er-Jahren.

Im Vordergrund sind die Einschalungsarbeiten am Gemeinschaftshaus auf der Ebene des späteren Speisesaals zu erkennen.

Das historische Foto zeigt Bauarbeiten in Vogelsang in den 1930er-Jahren.

Für den Bau der Burgschänke musste der direkt an den Adlerhof angrenzende Hang zunächst terrassiert werden.

1946

Die britische Besatzungsmacht richtet einen Truppenübungsplatz ein. Die Bewohner des Dorfes Wollseifen werden aus ihrer Heimat vertrieben. Heute stehen im einstigen Dorf noch die Kirche und die Schule, wo mit einer Ausstellung an das Leben in Wollseifen erinnert wird.

1950

Die belgischen Streitkräfte übernehmen das Areal, das fortan „Camp Vogelsang“ heißt und für zahlreiche Nato-Übungen genutzt wird. Sie bauen eigene Gebäude wie die „Kampfhäuser“ für Häuserkampfübungen oder das Kino, das heute für Konzerte und Kulturveranstaltungen genutzt wird. Der große Komplex der Truppenunterkunft van Dooren steht heute leer, seine künftige Verwendung ist weiterhin ungeklärt.

2001

Am 30. März gibt das belgische Verteidigungsministerium den Abzug aller Truppen aus Deutschland bekannt. Es beginnt ein Prozess, in dem im Kreis Euskirchen und der Region über Ideen und Ziele zur zivilen Nutzung Vogelsangs nachgedacht, debattiert und gestritten wird.

Das belgische Militär hat in Vogelsang Häuser gebaut, in denen die Soldaten trainiert haben. (Archivfoto)

Der Häuserkampf wurde in Vogelsang bei zahlreichen Nato-Übungen in und an den von den Begiern errichteten Kampfhäusern trainiert. (Archivfoto)

Das Kino in Vogelsang.

Das Kino mit seinen rund 1000 Plätzen haben die Belgier in den 1950er-Jahren gebaut. Es wird heute für Konzerte und Veranstaltungen genutzt. (Archivfoto)

2002

In der Eifel wird die Idee zur Einrichtung eines Nationalparks konkret, der Konversionsprozess für das 4500 Hektar große Vogelsang-Areal wird eingeleitet. Im März wird der Förderverein Nationalpark gegründet.

Im April findet eine erste Konversionskonferenz mit 80 Teilnehmern unterschiedlichster Institutionen statt. Im Mai kommen zum letzten Tag der offenen Tür der Militärs im Camp 20.000 Besucher.

2004

Am 1. Januar tritt die Nationalparkverordnung in Kraft, das Schutzgebiet ist seitdem offiziell eingerichtet.

2005

Im Dezember übergeben die belgischen Militärs, von der Öffentlichkeit unbeachtet, die Vogelsang-Schlüssel. Das Münchener Büro Müller-Rieger stellt sein Konzept für die Dachmarke Vogelsang vor. Das Gelb als Grundfarbe und der Zusatz „ip“ (internationaler Platz) sind inzwischen etabliert, Ideen wie eine „Schwimmbar“ im Hallenbad und der „Eifelturm“-Schriftzug am Turm spielen schnell keine Rolle mehr.

2006

Am 1. Januar hebt sich der Schlagbaum, Vogelsang ist wieder zivil. Im Sommer wird der Schwimm- und Sportverein gegründet, der sich für den Erhalt des Schwimmbads einsetzt. 2009 wird das Bad wiedereröffnet, der Verein – inzwischen rund 2000 Mitglieder stark – betreibt es ehrenamtlich.

Drei Männer stehen an einer rot-weißen Schranke und heben sie hoch als Symbol, dass der Truppenübungsplatz Vogelsang wieder zivil ist. (Archivfoto)

Am 1. Januar 2006 wurde nach dem Abzug der Belgier von den damals Verantwortlichen, Schleidens Bürgermeister Ralf Hergarten (v.l.), Landrat Günter Rosenke und dessen Allgemeiner Vertreter Manfred Poth, der Schlagbaum gehoben. Vogelsang ist seitdem wieder zivil.

Das Schwimmbad in Vogelsang.

Das Schwimmbad in Vogelsang wird vom Schwimm- und Sportverein ehrenamtlich betrieben. (Archivfoto)

2007

Mit der Zweiten Leitentscheidung der Landesregierung ist die zivile Zukunft Vogelsangs und die Umgestaltung des Areals in trockenen Tüchern. Damals ist noch von einem 27-Millionen-Euro-Paket die Rede – und von einer Eröffnung im Jahr 2010.

2008

Eingebettet in die EuRegionale schreibt der Kreis Euskirchen einen mit 15.000 Euro dotierten Architektenwettbewerb zum Umbau des Forums aus. Das Rennen machen zwei Berliner Büros. Markant ist der transparente Eingangspavillon am Adlerhof.

2009

Von der ab Gemünd am See entlang führenden K7 aus wird die Victor-Neels-Brücke über den Urftsee gebaut, der Weg führt von dort steil hinauf nach Vogelsang.

Mit der Einrichtung des Jugend-, Natur- und Umweltbildungshauses im „Transit 59“ beginnt im Juli das große Engagement des DRK in Vogelsang. Es folgen das Rotkreuz-Museum im Kameradschaftshaus 10 (2011), das NBC-Trainingshaus als Unterkunft für Ortsverein, Bereitschaft und Bergwacht sowie die Rotkreuz-Akademie Vogelsang (2014/ 16) und das „Fluchthaus“ (2016). Im Kameradschaftshaus 7 entsteht das Haus Nordrhein mit Landesarchiv und einer Ausstellung zur 150-jährigen Geschichte des Roten Kreuzes im Rheinland (2019).

2010

Für 20 Millionen Euro soll in der großen, von den Belgiern gebauten Truppenunterkunft van Dooren ein Krimiresort entstehen. An diesen Plänen wird massive Kritik laut: Ein solches Konzept sei undenkbar für einen Ort wie Vogelsang. Der Plan verschwindet später in der Versenkung.

2011

Im und am von den Militärs gebauten Kino wird ein provisorisches Besucherzentrum eingerichtet.

Die Pläne für die etwa 15 Millionen Euro teure Jugendbegegnungsstätte mit 200-Betten-Jugendherberge (die später in Gemünd gebaut wird) müssen verworfen werden, um die 50-Millionen-Euro-Grenze für das Gesamtprojekt nicht zu überschreiten. Damit wäre Vogelsang ein EU-Großprojekt geworden, was wegen neu zu fassender Anträge alle Arbeiten rund ein Jahr hätte ruhen lassen.

Das Archivfoto zeigt die Bauarbeiten in der heutigen Gastronomie in Vogelsang.

Von 2012 bis 2016 dauern die Umbauarbeiten in Vogelsang. Hier entsteht die Gastronomie.

Das Archivfoto von den Bauarbeiten in Vogelsang zeigt ein großes Loch, wo Erde abgetragen wurde.

Im Rahmen der Umbauarbeiten in Vogelsang, die von 2012 bis 2016 dauern, sind auch massive Erdarbeiten nötig.

2012

Im Mai beginnen die Umbauarbeiten zum Ausstellungs- und Besucherzentrum, die Eröffnung des Forums ist für 2014 geplant, die Kosten sind mit 35 Millionen Euro veranschlagt. Das Konzept und der Titel „Bestimmung: Herrenmensch“ der NS-Dokumentation werden bekanntgegeben.

2013

Eine „Baustelle der Überraschungen“: Während der Arbeiten entpuppt sich die alte Substanz an einigen Stellen als unerwartet sanierungsbedürftig. Decken und Stützen müssen erneuert werden, die Dachstühle sind teils marode. Als Eröffnungstermin wird das Frühjahr 2015 anvisiert. Der wird sich als genauso unhaltbar erweisen wie der Kostenrahmen.

2014

Am Forum wird Richtfest gefeiert. Aus Kostengründen werden die Neugestaltung der Parkplätze und der Bau eines Fahrstuhls im Turm nicht realisiert. Von 3,4 Millionen Euro Mehrkosten ist die Rede.

2015

Die Mehrkosten führen zu heftigen Debatten in der Region. Im November gibt die Vogelsang-ip-Geschäftsführung einen Kostenrahmen von 43,2 Millionen Euro an. Das Forum-Projekt wird mehr als acht Millionen Euro teurer als geplant. Da das Land nicht mehr Geld gibt, muss dies über Kredite finanziert werden. Auch der neu geplante Eröffnungstermin im Dezember lässt sich nicht halten.

2016

Im Februar eröffnet das Gästehaus von Heidrun und Erich Müllenborn mit 35 Betten im Kameradschaftshaus 13. Das Haus 6 nutzt die Nationalparkseelsorge als Begegnungsstätte, auch eine Biologin ist eingezogen. Ein weiteres Kameradschaftshaus nutzt der Nabu als Naturschutzhaus.

Am 11. September wird das Forum eröffnet. Der Kostenrahmen wird nun mit 45,1 Millionen Euro angegeben. Je nach Rechnung ist das sechs Jahre später und 18 Millionen teurer oder zwei Jahre später und zehn Millionen mehr als geplant. Markant ist der gläserne Kubus, durch den die Gäste zunächst das Besucherzentrum und von dort aus die NS-Dokumentation „Bestimmung: Herrenmensch“ und das Nationalpark-Zentrum mit der Ausstellung „Wildnis(t)räume“ erreichen. In der Folge sind neben den Dauer- auch zahlreiche Sonderausstellungen zu sehen.

Das Foto zeigt einen Teil der Ausstellung zur NS-Historie in Vogelsang.

Die Ausstellung und NS-Dokumentation „Bestimmung: Herrenmensch“ wird 2016 in Vogelsang eröffnet.

Die Ausstellung Wildnis(T)räume wurde 2016 in Vogelsang eröffnet.

Der Nationalpark steht in der ebenfalls 2016 eröffneten Ausstellung Wildnis(T)räume  im Fokus.

2017

Die Unterbringung von Geflüchteten in den insgesamt 40 Schelde-Gebäuden wird bereits im Oktober 2015 von der Bezirksregierung geplant. Installiert wird die Unterkunft, die mehreren Hundert Menschen Platz bietet, Anfang 2017.

In die Schlagzeilen gerät die Unterkunft, als im Januar 2021 und im November 2024 jeweils ein Gebäude angezündet wird und niederbrennt. Im ersten Fall wird ein 29-jähriger Bewohner aus Marokko verdächtigt, aber vor Gericht freigesprochen. Im zweiten Fall wird ein 35-jähriger Algerier, ein Bewohner der Unterkunft, zu sieben Jahren Haft verurteilt.

2019

Die Familie Degener aus Vreden im Münsterland kauft den 12.000 Quadratmeter großen Komplex Malakoff-Ost. Autohaus-Besitzer Martin Degener und sein Bruder Josef besitzen mit 200 bis 250 Fahrzeugen die wohl größte Opel-Sammlung Europas. Ihr privates Opel-Museum in Vogelsang ist bereits weitestgehend eingerichtet, aber noch nicht eröffnet. Corona und Flut führen auch hier zu Verzögerungen, Brandschutzauflagen müssen erfüllt werden. Deutlich schwerer wiegt der Tod Martin Degeners im September 2024. Dennoch will die Familie am Museumsprojekt festhalten.

2020

Eine niederländische Investorengruppe stellt ihre Pläne für den Bau einer Vier-Sterne-Hotelanlage mit 134 Zimmern vor. Vier der historischen Hundertschaftshäuser sollen dazu durch einen Neubau verbunden werden. Durch Corona, die Flutkatastrophe und die Auswirkungen des Ukraine-Krieges werden die Pläne der Holtburgh Real Estate zunächst immer wieder verschoben. Doch nun soll das 30-Millionen-Euro-Projekt realisiert werden: Im Sommer 2025 wird der Bauantrag beim Kreis gestellt.

2021

Die Neugrad Immobilien GmbH eröffnet ihre neu gebauten Ferienhäuschen unterhalb der einstigen Tankstelle. Diese, aktuell sind es 22, sind sehr begehrt und zu 85 Prozent ausgelastet. Daher geben die Investoren im Spätsommer 2025 ihre Erweiterungspläne bekannt. 30 Tiny-Houses sollen in Schritten zu je zehn Gebäuden errichtet werden. Das Unternehmen hat auch die Redoute gekauft. Dafür gibt es aber noch keine Pläne.

2024

Im Komplex Malakoff-West tut sich einiges. Die Sektion Eifel des Alpenvereins hat das einstige Gefängnis für 350.000 Euro gekauft und in ein Selbstversorgerhaus umgebaut – inklusive Hüttenflair, versteht sich. Die 28 Betten dort stehen auch Nicht-Mitgliedern offen, die vorherige Verwendung ist kaum noch zu erahnen.

In diesem Gebäude-Komplex startet auch die Arbeitsgemeinschaft Luftkriegsgeschichte Rhein/Mosel ihre Arbeit. Sie richtet eine Ausstellung und ein Dokumentationszentrum zur Luftkriegsgeschichte ein, das 20 Stationen umfassen und im Sommer 2026 eröffnet werden soll.

Das historische Foto zeigt Viktor Neels bei der Eröffnung der Dreiborner Sportanlage.

Viktor Neels, hier bei der Eröffnung der Dreiborner Sportanlage, trat als Vogelsang-Kommendant für die Versöhnung ein.

2025

Victor Neels wird 100 Jahre alt. Als junger Mann hat er die Deutschen gehasst. Als Kommandant in Vogelsang hat er sich nachhaltig für die Versöhnung und das Zusammenleben mit der benachbarten Zivilbevölkerung eingesetzt. Der große Europäer stirbt wenige Tage nach seinem Geburtstag im Januar.