NeuerscheinungDen Nazis durch die Wälder der Eifel entkommen

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Hans-Dieter Arntz präsentiert sein Buch "Flucht der Juden über die Grüne Grenze"

In „Flucht der Juden über die Grüne Grenze“ beschäftigt sich Regionalhistoriker Hans-Dieter Arntz mit Geflüchteten, Schleppern, Fängern und Rettern im deutsch-belgischen Grenzgebiet.

Der Regionalhistoriker Hans-Dieter Arntz schreibt ein Buch zur Flucht der Juden über die „Grüne Grenze“.

Schon immer habe es Menschengruppen gegeben, die in großer Zahl aus ihrem Land in ein anderes fliehen mussten, sagt der Euskirchener Regionalhistoriker Hans-Dieter Arntz. Der Grund dafür sei die Gefährdung oder Verfolgung dieser Menschen in ihrem Herkunftsland – aus politischen, ideologischen oder religiösen Motiven. Seit Jahren sei Deutschland nun vermehrt Zielort der Migration gewesen, sagt Arntz. Zur Zeit der NS-Diktatur hingegen habe das anders ausgesehen.

Um daran zu erinnern, schrieb er sein neues Buch „Flucht der Juden über die Grüne Grenze“. Damals sei Deutschland das Land gewesen, aus dem viele jüdische Menschen fliehen mussten. Und das sei nicht nur irgendwo in Berlin oder anderen Hauptstädten passiert, sagt Arntz, sondern eben auch in „unserer direkten Nachbarschaft.“ Damit meint Arntz das Eifel-Ardennen-Gebiet zwischen Losheim und Aachen, die sogenannte „Grüne Grenze“. Eine Flucht von Deutschland nach Belgien war hier über den Landweg möglich. „Grün“ deshalb, weil das Gebiet bis heute dicht bewaldet ist. „Die Wälder bieten optimale Bedingungen für die Flucht“, sagt Arntz.

„Judenfänger “ suchten nach Flüchtenden

Zwischen den Bäumen seien die Menschen leichter und schneller verschwunden als auf dem offenen Feld. Doch die Flucht sei trotzdem gefährlich gewesen. Denn auch die Wälder seien bewacht worden. Deswegen hätten auch viele Menschen die Flucht nicht überlebt. „Sogenannte Judenfänger fuhren mit Motorrädern das Grenzgebiet ab und schauten, ob da jemand mit nassen Schuhen herumlief oder nicht in den Bus einstieg“, sagt Arntz. Denn all das waren Indizien dafür, dass die Menschen nicht aus der Gegend kamen. Wer als Flüchtender auffiel, wurde denunziert. „Und die Judenfänger bekamen dann eine Menge Geld dafür – fast sechs Monatsgehälter.“

Die Wälder bieten optimale Bedingungen für die Flucht.
Hans-Dieter Arntz

Es habe Leute gegeben, die von diesen Prämien lebten – auf deutscher genauso wie auf belgischer Seite. „Zum Teil waren das einfach überzeugte Nazis, die dachten, sie täten das Richtige“, sagt Arntz. Andere habe das schnell verdiente Geld gelockt. Doch nicht nur die Fänger, auch die Schlepper reizte das Geschäft, das mit der Flucht zu machen war. „Ein Geflüchteter aus Roggendorf hat mir berichtet, dass er für die Flucht alle Wertgegenstände abgeben musste – Ausweise, Geld und Schmuckstücke“, sagt Arntz. Und die Gegebenheiten der Zeit habe viele Leute unehrlich werden lassen.

Es habe immer im Bereich des Möglichen gelegen, dass man seine Wertgegenstände nie wieder gesehen habe. Und falls doch, so Arntz, müsse das auch ein denkwürdiger Moment gewesen sein. „Man fasst in ein Säckchen – voll mit Uhren, Geld und Schmuck – greift sein Hab und Gut und streift dabei die Wertgegenstände der anderen, derjenigen, die es vielleicht nicht geschafft haben.“

„Flüchtende mussten erfinderisch sein“

Um nicht erwischt zu werden, mussten die Flüchtenden also erfinderisch sein, erklärt der Autor. Und das waren sie. Sie hätten etwa Lastwagenfahrer bezahlt, knietief in Wassertanks gestanden, seien hochgefahren worden in die Wälder bei Dreiborn. Dort seien die Menschen dann losgeschickt worden – mit nichts als einer Wegbeschreibung, die etwa lauten konnte „rechts am Bauernhaus vorbei gehen“. Andere seien in besonders feiner Sonntagskleidung durch den Wald gelaufen. Damit hätten sie den Anschein erwecken wollen, dass sie einen Spaziergang machen.

„Doch die Fänger achteten auf das Schuhwerk, das vielleicht dreckig war, oder einfach nur besonders wandertauglich“, sagt Arntz. Dennoch sei es einigen Personen gelungen, als Teil einer christlichen Prozession die Grenze zu überschreiten – betend und mit gesenktem Kopf.

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