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Vogelsang IPAusstellung über jüdisches Leben dort, wo in NS-Zeit Judenhass gelehrt wurde

Lesezeit 4 Minuten
Das Foto zeigt die Teilnehmer der Ausstellungseröffnung an der Karte von Vogelsang.

Eine besondere Ausstellung an einem besonderen Ort: In Vogelsang werden mit der Wanderausstellung 1700 Jahre jüdisches Leben präsentiert. Anne Henk-Holstein und Abraham Lehrer studieren die Karte von Vogelsang.

In der einstigen NS-Anlage Vogelsang in Schleiden ist jetzt bis Anfang September die Ausstellung „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ zu sehen.

Es ist schon eine beeindruckende Leistung, eine Entwicklung von 1700 Jahren in vier Ausstellungskuben zu packen. Den Spezialisten vom Projektteam des jüdischen Museums MiQua des Landschaftsverbands Rheinlands (LVR) ist das gelungen.

Mit der Wanderausstellung „Menschen, Bilder, Orte – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ haben sie es geschafft, einen Überblick über die Vergangenheit und die Gegenwart zu entwerfen, der der Fülle des Themas zumindest ansatzweise gerecht wird. Seit dieser Woche macht die Ausstellung Station in Vogelsang IP, wo sie am Donnerstag eröffnet wurde.

In Vogelsang wurde NS-Ordensjunkern Antisemitismus gepredigt

Mit Anne Henk-Holstein, Vorsitzende der Landschaftsversammlung des LVR, Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrates der Juden sowie Vorstand der Synagogengemeinde Köln, und Landrat Markus Ramers war die Eröffnungsveranstaltung im Panoramasaal dem Anlass entsprechend hochkarätig besetzt. Denn die zwölfte Station der 2021 erstmals präsentierten Ausstellung ist die einstige NS-Ordensburg Vogelsang, der Ort, an dem die nationalsozialistische Ideologie und der Judenhass gelehrt wurde.

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„Hier wurde 2500 Ordensjunkern der Antisemitismus und Rassismus gepredigt“, sagte Thomas Kreyes, Geschäftsführer von Vogelsang IP. Diese hätten ab 1941 mit der Tätigkeit in der Verwaltung oder als Gebietskommissare an der Ostfront oder den besetzten Gebieten ihre Bestimmung gefunden und seien an Verbrechen beteiligt gewesen. „Umso größer ist die Genugtuung, dass jüdisches Leben überlebt hat“, so Kreyes.

„Das Ziel der Nationalsozialisten war es, jüdisches Leben, Kultur und Geschichte zu vernichten“, sagte Ramers, als gelernter Geschichtslehrer sachkundig. Im Altkreis Euskirchen hätten 1933 653 Juden gelebt, im Jahr 1941 271 und Ende 1944 null. Diese Ausstellung gehöre an einen Ort wie Vogelsang, betonte er: „Das macht deutlich, dass wir mit diesen Werten brechen und jüdisches Leben feiern.“

Es gibt vielleicht kaum einen besseren Ort für die Ausstellung. Meinem Vater hätte es Genugtuung bereitet, dass die Ausstellung hier gezeigt wird.
Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrates der Juden sowie Vorstand der Synagogengemeinde Köln

Bei Orden und Burgen denke er normalerweise zuerst an Ritter, doch ritterlich sei es in Vogelsang nicht zugegangen, sagte Abraham Lehrer. Wie entrissen aus einer Wagner-Oper sei dieses selbstdarstellerische Symbol der Staatsideologie. „Es gibt vielleicht kaum einen besseren Ort für die Ausstellung“, sagte er. Doch Juden gebe es nicht erst, seit es Antisemiten gebe.

Mit 27 000 Mitgliedern sei die jüdische Gemeinde in NRW mittlerweile die größte in Deutschland. „In einer Gesellschaft, in der Juden vielstimmig, vielfältig und auch widersprüchlich erlebt werden können, kann auch Antisemitismus anders verhandelt werden als in einer Gesellschaft, in der sie vor allem als eine symbolisch überhöhte Mini-Minorität gesehen werden“, stellte er klar.

Doch leider seien die Juden in Deutschland immer noch genau das, eine Mini-Minorität, berichtete er: „Das ist schon deutlich, weil die Polizei hier vor der Tür steht. Wir sind immer noch etwas Besonderes.“

Dennoch zeigte es sich entspannt: „Die Nazis sind weg, wir sind hier.“ Er sei froh und auch stolz, dass in Vogelsang jüdisches Leben besprochen werden könne. „Ich kann verstehen, dass die Nazis diesen Ort gewählt haben“, sagte er mit einem Blick auf das Panorama des Urftsees. Wenn er an diesem Tag die Ausstellung in Vogelsang eröffne, sei er froh, dass die jüdische Gemeinde die NS-Diktatur überlebt habe: „Meinem Vater hätte es Genugtuung bereitet, dass die Ausstellung hier gezeigt wird.“

Mit vier begehbaren Kuben gibt die Ausstellung „Menschen, Bilder, Orte – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ einen Überblick über die Vergangenheit, aber auch die Gegenwart jüdischen Lebens in Deutschland. Dr. Christiane Twiehaus, Leiterin der Abteilung jüdische Geschichte und Kultur am LVR, erläuterte das Konzept.


Sabine Leutheusser-Schnarrenberger wird in Vogelsang erwartet

Jeder der vier Kuben ist einem Themenbereich gewidmet. Diese sind Recht und Unrecht, Leben und Miteinander, Religion und Geistesgeschichte sowie Kunst und Kultur. Mit Zeugnissen, Fundstücken, multimedial aufbereiteten Rekonstruktionen und Schriftquellen werden die Themen aufbereitet.

Die Ausstellung wurde vom LVR anlässlich des Festjahres 2021 ausgearbeitet, mit dem 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert wurden. Das Jubiläum nahm Bezug auf das Jahr 321, in dem der römische Kaiser Konstantin ein Edikt erließ, in dem festgelegt wurde, dass Juden städtische Ämter in der Kurie der Colonia Claudia Ara Agrippinensium, der Stadtverwaltung des Kölns der Römerzeit, übernehmen durften. Damit gilt dies als der älteste Nachweis für eine jüdische Gemeinde nördlich der Alpen.

Vogelsang ist die zwölfte Station der Ausstellung. Ihre Premiere hatte sie in Essen, nach Vogelsang geht sie nach Brandenburg, wie Anne Henk-Holstein mitteilte. Für die Erstellung habe der LVR 650 000 Euro aus Eigenmitteln beigesteuert, bei Gesamtkosten von 1,4 Millionen Euro.

Noch bis Anfang September ist die Ausstellung in Vogelsang zu sehen. Es werde ein Begleitprogramm angeboten, zu dem auch ein Escape-Room gehören solle, kündigte Vogelsang IP-Geschäftsführer Kreyes an. Ende August werde Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, erwartet

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