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PodiumsdiskussionGeplante KiBiz-Reform macht Eltern fassungslos

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Die Obengenannten stehen neben zwei Plakaten, die auf die Veranstaltung hinweisen.

An der Diskussion um das geplante Gesetz zur Finanzierung von Kindertagesstätten beteiligten sich neben dem SPD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Jörg (2.v.l.) auch die stellvertretende Landrätin Annegret Lewak (l.) sowie die Landeselternvertreterin Simone Weber und der Erzieher Marvin Strick.

Die SPD hatte zu einem „Elternabend“ ins Euskirchener Casino eingeladen, um über die geplante Änderung des Kinderbildungsgesetzes zu diskutieren. 

Dass es unter dem Stichwort „Elternabend“ im Rahmen der Veranstaltungsreihe der SPD-Landtagsfraktion im Euskirchener Casino konkrete Ergebnisse geben würde, war nicht zu erwarten. Und die gab es auch nicht. Dafür herrschte teils Fassungslosigkeit, als es um die geplante Erneuerung des KiBiz (Kinderbildungsgesetz) ging, die die von CDU und Bündnis 90/Die Grünen geführte Landesregierung auf den Weg gebracht hat.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Wolfgang Jörg informierte in Euskirchen über die Entwicklungen und stand den Besuchern Rede und Antwort. Etwa 25 Teilnehmer hörten mit großem Interesse, was Jörg, die Landeselternvertreterin Simone Weber und der Erzieher Marvin Strick in einem Podiumsgespräch zu sagen hatten. Für Kopfschütteln bei den Zuhörern sorgte etwa die Absicht, ABC-Klassen einzurichten. In solchen Klassen sollen Kinder mit schwachen oder fehlenden Deutschkenntnisse zweimal in der Woche Deutsch lernen.

Wie soll da eine Lernatmosphäre entstehen?
Wolfgang Jörg, SPD-Landtagsabgeordneter

Dazu sollen die Kinder aus den Kitas abgeholt und zu diesem Unterricht gebracht werden. Während die Anwesenden, darunter zahlreiche Pädagogen, diesem Vorhaben schon nichts abgewinnen konnten, listete Jörg die Argumente dagegen auf. Zum Lernen brauche es im frühkindlichen Alter Bindung und Anregung.

Ein Lehrer, den das Kind nicht kenne und nur zweimal in der Woche beim Unterricht erlebe, sei, so Jörg, keine Vertrauensperson. Die Abholaktion reiße die Kinder aus dem sicheren Kita-Umfeld, in dem sie gerade Vertrauen fassten. Stattdessen seien sie mit fremden Kindern in einem Bus zusammen, um fremden Lehrern in fremder Umgebung zuzuhören. „Wie soll da eine Lernatmosphäre entstehen?“, so Jörg.

Kritik an den geplanten ABC-Klassen geübt

Hinzu komme, dass die Abholaktion viel Geld verschlinge, das seiner Ansicht nach sinnvoller in zusätzliches Personal für die Kitas investiert werde. Dort gebe es Fachpersonal in vertrauter Atmosphäre, das Kinder in der Sprachentwicklung fördern könne. „Kinder sind besonders in diesem Alter wissbegierig und schlau und lernen Sprache im Alltag und nicht in einer Schule“, so Jörg.

Ein weiterer Streitpunkt ist die geplante Einrichtung von Buchungszeiten, in denen Eltern in der Kita Zeitfenster im Fünf-Stunden-Takt buchen können. Jörg bemängelte hier den hohen Verwaltungsaufwand und dass unklar sei, wie sich das auf die Kopfpauschalen auswirkt.

Jetzt musste ich in einer Excel-Datei angeben, welche Inhaltsstoffe unsere Spül- und Putzmittel enthalten.
Marvin Strick, Erzieher

Bisher zahlen Eltern für ihre Kinder eine Pauschale. Wenn künftig kürzere Zeitfenster gebucht werden, befürchtet Jörg deutliche Einnahmenverluste der Kitas – was etliche Kitas in die Pleite treiben könnte, da die Mittel ohnehin knapp bemessen seien. Außerdem sorge diese Maßnahme dafür, dass noch mehr Rein und Raus in Kitas entstehe.

Das führe zu Unruhe und dazu, dass es schwer werde, den Überblick zu behalten, welche Kinder gerade da seien und welche schon abgeholt würden. Der Erzieher Strick gab an, dass er ohnehin schon ein Drittel seiner Zeit mit Verwaltungsarbeiten zubringen muss: „Jetzt musste ich in einer Excel-Datei angeben, welche Inhaltsstoffe unsere Spül- und Putzmittel enthalten.“

Eine Mutter fürchtet, dass das Personal weiter ausgedünnt wird

Er befürchtet, dass sich der Verwaltungsaufwand mit der KiBiz-Reform weiter erhöht – und wertvolle Zeit für die Kinder verloren geht. Auch Simone Weber, Mutter von fünf Kindern, äußerte Bedenken. Mehr Flexibilität bei der Dauer der Kita-Betreuung findet sie zwar grundsätzlich gut.

Auf einem großen Spielzeugtraktor sitzt ein großer Teddybär. Dahinter stehen ein Mann und eine Frau.

Den Teddy auf dem Trecker überreichte Manuela Bornkessel dem SPD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Jörg. Damit möchte sie darauf hinweisen, dass Landwirte eine Lobby haben, Kinder aber nicht.Frank Neuenhausen

Doch wenn dies zu einer Ausdünnung der ohnehin schon dünnen Personaldecke führe, wäre nichts gewonnen. Sie ist für die Betreuung in ihrer kommunalen Kita dankbar, aber Notbetreuung und Schließungen aus Personalmangel habe sie auch schon erlebt: „Eltern können nur beruhigt ihrer Arbeit nachgehen, wenn sie sicher sein können, dass die Kinder gut betreut sind.“

Eine Konkurrenz unter den Kommunen soll entstanden sein

Jörg blickte auch in die Vergangenheit und zeigte auf, wie sich die Missstände aus seiner Sicht historisch entwickelt haben. „2006 gab es den Beschluss der CDU-geführten Landesregierung, über 80 Millionen Euro einzusparen. Das Land übernahm in der Folge nicht mehr die Kita-Gebühren für ärmere Familien. Zum Ausgleich dürfen seither die Kommunen Gebühren für die Betreuung erheben.“

Dieser Umstand habe, so Jörg, zu einer Verzerrung geführt. Reiche Kommunen erheben keine Gebühren, arme Kommunen sehr hohe. Es sei eine Konkurrenz unter den Kommunen entstanden. „Wettbewerb im Bereich der Bildung halte ich für falsch. Ungleiche Gebühren sind nicht gerecht den Eltern und Kindern gegenüber,“ so Jörg.

Vorwurf: Es wird auf Kosten der Kinder gespart

Er betonte, wie besonders im Kita-Alter Kinder grundlegende Fähigkeiten erwerben, was später nicht mehr nachzuholen sei. Das Gesetz sei „auf Kante genäht“, lasse keine Reserven an Personal zu, was besonders im Winter bei Erkältungswellen zu Ausfällen führen dürfte. Man spare hier auf Kosten der frühkindlichen Entwicklung. 

Auch Strick sieht mit Sorge in die Zukunft. Kitas, in denen es nur eine Gruppe gibt, werde durch das neue Gesetz Geld für zusätzliche Kräfte gestrichen, wenn sie nicht vor 2008 gegründet worden seien. „Wenn durch die demografische Entwicklung in einigen Jahren weniger Kinder in die Kitas gehen, werden sich viele Kitas nicht mehr finanzieren können“, befindet er: „Die Zuschüsse werden gekürzt oder fallen weg, aber die laufenden Kosten bleiben, egal wie viele Kinder wir haben.“

Geschäftsfühererin von Kita Router beführchtet Aus für Kindergärten

Aus dem Publikum meldete sich Manuela Bornkessel zu Wort. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin der Kita Router gGmbH, die mehrere Wald- und Naturkindergärten betreibt. Bornkessel monierte, dass seit 2008 die Landesfördermittel von 15.000 Euro für Teilzeitkräfte zur Ergänzung der Pädagogen in Kitas nicht erhöht worden seien. Wenn das Geld jetzt noch für viele Kitas wegfalle, bedeute das ein Aus für zahlreiche Einrichtungen.

Sie hatte dem Abgeordneten einen Spielzeugtraktor mitgebracht, auf dem ein Plüschbär sitzt. Den solle er doch bitte ins Parlament mitnehmen als Hinweis darauf, dass Landwirte mit ihrer Lobbyarbeit Gehör in der Politik finden, aber Kinder keine Lobby haben. Der „Elternabend“ machte deutlich, dass der Entwurf zum neuen KiBiz auf einige Kritik stößt. Jörg bezeichnete ihn schlicht als „Katastrophe für unsere Kinder“.