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Kann man heute noch trampen?Per Autostopp von Nord nach Süd durch den Kreis Euskirchen

8 min
Thorsten Wirtz steht in grünem T-Shirt mit Rucksack und Schirmmütze an einer Straße und hält einen Daumen nach oben. In der anderen Hand hält er ein Schild auf dem "Süden" steht.

Früher ein gewohntes Bild, heute eher die Ausnahme. Als Anhalter will Reporter Thorsten Wirtz einmal quer durch den Kreis reisen.

Wird man als Anhalter überhaupt noch mitgenommen? Thorsten Wirtz hat es im Kreis Euskirchen ausprobiert, auf der maximal möglichen Strecke bis nach Rheinland-Pfalz.

Von Weilerswist nach Kehr – einmal von Nord nach Süd quer durch den Kreis Euskirchen: Mehr als 70 Straßenkilometer liegen zwischen dem nördlichsten Punkt des Kreises Euskirchen im Wald an der L294, die auf Brühler Gebiet zur Phantasialandstraße wird, und dem Losheimer Landgraben an der Grenze zu Rheinland-Pfalz im Süden.

Mit dem Auto – sagt der Routenplaner – legt man diese Strecke in 52 Minuten zurück. Länger dauert es mit dem Fahrrad (viereinhalb Stunden) und zu Fuß, wofür Google Maps knapp 16 Stunden veranschlagt – ohne die notwendigen Pausen. Eine Fortbewegungsart, die in den vergangenen Jahren fast vollständig aus der Mode gekommen zu sein scheint, fehlt: das Reisen per Anhalter.

„Macht das überhaupt noch irgendwer?“, werde ich gefragt, als ich ankündige, die Strecke „per Autostopp“ zurücklegen zu wollen. Genau das will ich ausprobieren. Kollegin Heike bringt mich mit ihrem Auto vom Bahnhof in Weilerswist an den Ausgangspunkt meiner Reise. „Ruf mich an, wenn du in einer Stunde immer noch hier stehst“, sagt sie, als ich unweit eines Wanderparkplatzes an der Grenze zum Rhein-Erft-Kreis aus dem Auto steige. Auch ich habe Zweifel, ob bald jemand für mich anhalten wird und frage mich, wie lange ich wohl unterwegs sein werde.

Trampen gilt als gefährlich, deshalb rät die Polizei zur Vorsicht

Spätestens seit der Corona-Zeit sind Tramper mehr oder weniger ganz aus dem Straßenbild verschwunden. Damals nachvollziehbar: „Wer will schon jemanden ins Auto lassen, der sein Gesicht hinter einer FFP2-Maske versteckt und der womöglich krank ist“, bestätigt Heike. Aber warum sind die Tramper nicht zurückgekehrt?

Hätte ich eine Tochter im Teenageralter, ich würde ihr natürlich ausdrücklich verbieten, per Anhalter zu reisen.
Thorsten Wirtz trampt, würde es aber nicht jedem vorbehaltlos empfehlen

Ein Grund könnte das schlechte Image dieser Fortbewegungsart sein: Haben wir damals in unserer Jugend bei Ede Zimmermanns „Aktenzeichen XY ... Ungelöst“ nicht einmal pro Monat einen schlimmen Mord- oder Vermisstenfall zur besten Fernsehsendezeit präsentiert bekommen, der uns eindrücklich vermittelt hat, wie gefährlich das Trampen sein kann? Und ich gebe zu: Hätte ich eine Tochter im Teenageralter, ich würde ihr natürlich ausdrücklich verbieten, per Anhalter zu reisen. Also: Nicht nachmachen!

Statistisch gesehen ist das Risiko, in Deutschland als Anhalter Opfer einer Straftat zu werden, gering. Dennoch rät die Polizei zur Vorsicht, da Diebstähle, Beleidigungen oder körperliche Übergriffe – insbesondere auf Tramperinnen – prinzipiell nicht ausgeschlossen werden können. Ich aber bin ein alter weißer Mann, der – nur, um später darüber zu berichten – schon viel ausprobiert hat, wovon er anderen ausdrücklich abrät. Baden bei Minusgraden im Freilinger See beispielsweise.

Am Tag meiner Kreis-Durchquerung hingegen ist es schon am Vormittag muckelig warm, weshalb ich mich über den Schatten freue, den mir die Bäume am Startpunkt meiner Reise an der L294 spenden.

Tipp: Auf Sichtbarkeit achten – dann klappt's auch mit der Weiterfahrt

„Der Schatten war ein Fehler“, sagt Manfred Neuhöfer, als ich in seinem Kleinbus auf dem Beifahrersitz platzgenommen habe: „Ich habe dich fast nicht gesehen, weil du dort mit deinem dunkelgrünen T-Shirt kaum aufgefallen bist.“ Angehalten hat er trotzdem – als erster einer ziemlich großen Zahl an Autofahrerinnen und -fahrern, die in der Dreiviertelstunde, seitdem ich hier stehe, an mir vorbeigerauscht ist.

Ein grünes Hinweisschild mit weißer Schrift, das an einem Baum lehnt, weist den Weg zum südlichsten Punkt in NRW.

Da soll es hingehen: Der südlichste Punkt des Euskirchener Kreisgebiets ist gleichzeitzig auch die Südspitze des Bundeslands NRW.

Auch Neuhöfer stimmt zu, dass das Trampen, zumindest auf den Straßen im Kreis Euskirchen, aktuell kein Thema mehr ist: „Daher habe ich auch schon ewig niemanden mehr mitgenommen.“ Seine aktive Anhalter-Zeit liegt auch schon einige Jahrzehnte zurück, so Neuhöfer: „Da war ich noch auf der Berufsschule in Kall und bin manchmal getrampt, wenn ich den Bus oder Zug verpasst hatte.“

Als 15-Jähriger, so erinnert er sich, hat er selbst auch einmal eine unangenehme Erfahrung machen müssen: „Da wollte mich ein älterer Mann unbedingt auf ein Eis einladen, was mir merkwürdig vorkam. An der nächsten Ampel bin ich dann aus dem Auto gehüpft.“

Neue Taktik: Nicht stur an einer Stelle auf die Mitfahrgelegenheit warten

Wegen der Straßensperrung hinter Vernich fährt mich Neuhöfer, der eigentlich nur nach Weilerswist wollte, noch bis zur K11 bei Klein-Vernich. Hier probiere ich eine neue Taktik aus: Statt mich stur an einen Flecken zu stellen, laufe ich am rechten Fahrbahnrand in Richtung Lommersum.

Die beiden jungen Frauen Elly und Tabea aus St. Vith in ihrem Auto

Modestudentin Elly (am Steuer) und ihre Freundin Tabea nutzen erstmals die Möglichkeit, einen Anhalter mitzunehmen.

Das soll den Vorbeifahrenden Aktivität vermitteln: Hier ist ein Macher unterwegs, der sich in die gleiche Richtung bewegt wie du, kein Faulpelz, der nichts Besseres zu tun hat, als am Straßenrand zu warten, bis sich jemand erbarmt und anhält. Mein Plan geht auf. Nach wenigen Minuten hält das nächste Fahrzeug, am Steuer sitzt Bernhard Dormann, der auf dem Weg nach Euskirchen ist.

Selbst getrampt sei er nie, so der Weilerswister: „Wie das früher üblich war, hatte ich mit 18 direkt den Führerschein und ein Auto, deshalb bin ich meist selbst gefahren.“ Ein Herz für Anhalter habe er aber stets gehabt, berichtet er weiter: „Ich war mal beruflich auf dem Weg von Köln nach Franken. An der ersten Raststätte habe ich einen Tramper mitgenommen, und während der Fahrt stellte sich dann heraus, dass er genau in das kleine Dorf wollte, in das ich auch unterwegs war.“

Trick fürs gute Gewissen: Ich würd' ja gern, wenn ich nur könnte!

Mich lässt Dormann an einer Tankstelle an der Kölner Straße in Euskirchen aussteigen, was mich vor ein kleines Problem stellt: Trampen innerhalb der Stadt verspricht wenig Aussicht auf Erfolg, und den Stadtbus will ich nicht nutzen. Deshalb steht mir ein drei Kilometer langer Fußmarsch bis zur Bundeswehr-Kaserne an der Kommerner Straße bevor, den ich in 45 Minuten absolviere. Um 12.45 Uhr strecke ich dort wieder den Daumen raus, gut zwei Stunden sind seit meinem Start in Weilerswist vergangen. Im Gegensatz zur wenig befahrenen Phantasialandstraße herrscht hier reger Verkehr, aber die Mitnahmebereitschaft ist ähnlich gering.

Ich habe mir schon als Kind vorgenommen, dass ich später, wenn ich den Führerschein habe, auch mal Leute mitholen will.
Elly aus Ostbelgien hat zum ersten Mal für einen Tramper angehalten (und kann ihr Eifeler Idiom nicht verbergen)

Auffallend ist die Reaktion von Fahrerinnen und Fahrern voll besetzter, zweisitziger Cabrios oder Coupés, die an mir mit einer Geste des Bedauerns vorbeifahren: „Leider kein Platz mehr frei“, soll das entschuldigende Schulterzucken wohl bedeuten. Psychologisch ist das natürlich sehr geschickt: Ein „Sorry, ich würde dich ja gerne mitnehmen, wenn Platz wäre“ ist viel weniger konfrontativ als ein „Du glaubst ja nicht im Ernst, dass ich dich hier reinlasse“.

Mit dem Manager geht es zügig in Richtung Eifel

Einer, der keinerlei solcher Gedanken hegt, ist Dhahri Hafedh, der im Management einer kleinen Hotelkette in der Vulkaneifel arbeitet. Der gebürtige Tunesier ist erfolgreich im Job, was er mit seinem Auto und seiner Kleidung zum Ausdruck bringen möchte. „In meinem Heimatland ist es völlig normal, andere Leute mitzunehmen, wenn man mit einem Auto unterwegs ist“, erzählt er, nachdem er mich hat einsteigen lassen: „Hier in Deutschland sieht man das aber kaum.“

Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren, ich genieße die zügige Fahrt über die Autobahn in Richtung Süden. „Ich habe angehalten, weil ich gerne Menschen helfen möchte, denen es nicht so gut geht“, erklärt der Manager, der auf dem Weg nach Hillesheim ist. Am Autobahnende bei Tondorf trennen sich unsere Wege.

Thorsten Wirtz ist per Anhalter einmal von Nord nach Süd durch den Kreis Euskirchen gereist.

Endlich am Ziel: Drei Stunden und 15 Minuten hat die Reise an den südlichsten Punkt im Kreis Euskirchen gedauert.

Wegen der Baustelle im Bereich der B51 fließt der Verkehr hier nur in die Richtung, in die ich auch möchte. Innerhalb weniger Minuten halten kurz nacheinander gleich drei Fahrzeuge an, die mir eine Mitfahrt offerieren – allerdings jeweils nur bis nach Blankenheim. Das vierte Auto, das neben mir hält, hat belgische Nummernschilder. Darin sitzen die Freundinnen Elly und Tabea, beide Anfang 20 und auf dem Weg zu ihren Familien nach St. Vith.

Auf der Fahrt in Richtung Kronenburg bringe ich zum Ausdruck, dass ich einigermaßen überrascht bin, von ihnen mitgenommen zu werden. „Ich hätte wahrscheinlich nicht angehalten, wenn ich allein unterwegs gewesen wäre“, gibt Fahrerin Elly zu: „Aber mit Tabea an meiner Seite habe ich mich sicher gefühlt.“

Wie es scheint, haben Elly und Tabea nur auf mich gewartet

Für Elly, die in Düsseldorf Modemanagement studiert, ist es überhaupt das erste Mal, dass sie für einen Anhalter anhält. Gut für mich, und wie sie das erklärt, zeigt mir noch einmal, dass es auch in Belgien echte Eifelerinnen gibt: „Ich habe mir schon als Kind vorgenommen, dass ich später, wenn ich den Führerschein habe, auch mal Leute“ – Achtung, jetzt kommt’s! – „mitholen will.“

Ist doch genau wie hier bei uns: Mitholen statt mitnehmen – herrlich! Daran erkennt man uns Eifeler auch in Köln. Und weil es gerade so gut läuft beim mitgeholt werden, lasse ich mich schon in Baasem an der Straße in Richtung Kronenburg absetzen, statt mit den beiden jungen Frauen noch weiter nach Süden zu fahren.

Was überhaupt kein Problem ist, denn nur wenige Sekunden später hält bereits Dachdeckermeister Peter Nosbers aus Hallschlag an. „Ich nehm fast jeden Anhalter mit, weil ich regelmäßig Wandergesellen bei mir im Betrieb hab, und die sind ja darauf angewiesen, dass einer anhält“, erklärt der Handwerker: „Wo musst du hin? Südlichster Punkt von NRW? Kein Problem, ich bin auf dem Weg zu einer Baustelle, die nur ein paar Hundert Meter davon entfernt in Ormont liegt.“

Und so kommt es, dass ich um 14 Uhr, drei Stunden und 15 Minuten nach dem Start, mein Ziel am Losheimer Landgraben erreiche. Fazit: Hat alles ganz gut geklappt, ich habe viele nette Menschen kennengelernt. Vielleicht probiere ich demnächst trotzdem mal den Bus aus.