Binnen drei Wochen mussten die Wollseifener im Sommer 1946 ihren Ort verlassen. Später wurden ihre Häuser von Truppen in Schutt und Asche gelegt.
JahrestagVor 80 Jahren wurden die Menschen aus Wollseifen vertrieben

Die Artillerie nutzte Wollseifen bei ihren Übungen als Ziel. Links sind die Gebäude zu sehen, in denen der Häuserkampf trainiert wurde, rechts die Kirche.
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Für Touristen ist es eine Sehenswürdigkeit. Eine Sehenswürdigkeit, die betroffen macht, aber letztlich: ein totes Dorf, die Wüstung Wollseifen. Für die Wollseifener ist es schlicht Heimat. Immer noch, nach 80 Jahren. Und auch, wenn es immer weniger werden, die die Vertreibung miterlebt haben, wird die Verbindung zu dem Ort auf den kargen Eifelhöhen offenbar von Generation zu Generation vererbt.
Dass die Erinnerung wach bleibt, ist nicht zuletzt dem Traditions- und Förderverein Wollseifen zu verdanken. Wer sich Zeit nimmt, erfährt in der zur Gedenkstätte umfunktionierten alten Schule viel über die Geschichte des Ortes und über die dramatischen Tage und Wochen im Jahr 1946.
Trügerische Hoffnung auf ein friedliches Leben
Eine der wenigen, die noch aus eigener Erinnerung davon erzählen können, ist Christel Küpper. Sie war elf Jahre alt, als ihre Familie ihr Zuhause verlor. Nach dem Gottesdienst in der Kirche St. Rochus habe ein britischer Offizier verkündet, dass binnen drei Wochen – zum 1. September – das Dorf geräumt werden müsse. Das Getreide konnten die Bauern noch einbringen, zur Kartoffelernte im Herbst durften sie mit einer Sondergenehmigung auf ihre Felder.

Christel Küpper hat die Vertreibung als Kind miterlebt. Auf den Fotos in der alten Schule entdeckt sie viele Bekannte.
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Ehrenamtler haben Anfang der 2000er-Jahre die Kirche St. Rochus gesichert und restauriert. Auch das Kreuz und der Wetterhahn wurden wieder auf den Turm gesetzt.
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Das Innere der Kirche ist bewusst schlicht gehalten.
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Der Zweite Weltkrieg war vorbei, die Wollseifener hatten sich daran gemacht, ihre zerstörten Häuser wieder aufzubauen. Denn die Nähe zu Vogelsang, wo die Nazis hoch über der Urfttalsperre ihre „Ordensburg“ gebaut hatten, hatte das Dorf in den Fokus der Luftangriffe der Alliierten gerückt. Die Hoffnung, nach dem Grauen der Bombardierung wieder ein friedliches Leben in Wollseifen zu führen, erwies sich als trügerisch.
Die Bewohner, rund 500 waren es damals, mussten das Dorf verlassen und später hilflos mit ansehen, dass das übende Militär im Frieden noch größere Schäden anrichtete als das kämpfende im Krieg. Heute stehen nur noch die Schule, die Kirche, Reste des Transformatorenhäuschens, der Bilderstock und ein Teil der Dorfschmiede. Alles andere wurde zerstört. Rund 120 Familien waren obdachlos geworden, die meisten versuchten, in den Dörfern der Umgebung unterzukommen.
Truppenübungsplatz wurde zum Nationalpark
In der Hoffnung, irgendwann nach Wollseifen zurückzukehren, nahmen die Menschen auch mit provisorischen Quartieren in Scheunen oder winzigen Wohnungen vorlieb. Doch auch diesmal hofften sie vergebens. 1950 übernahmen die belgischen Streitkräfte den Truppenübungsplatz, 1955 war dann klar, dass die Nutzung so schnell nicht enden würde. Damals wurden die Toten, die auf dem Wollseifener Friedhof beigesetzt waren, umgebettet. Viele fanden in Herhahn ihre nun allerletzte Ruhestätte.
„Letztendlich übernahm die Bundesvermögensverwaltung im Jahr 1963 das Grundvermögen der vertriebenen Wollseifener per Enteignungsbeschluss beziehungsweise durch ein sogenanntes Enteignungsverfahren“, heißt es beim Traditions- und Förderverein Wollseifen. Vor 20 Jahren nahm die Geschichte dann eine neue Wendung. Die belgischen Truppen rückten ab. Vogelsang wurde zivil. Und damit war auch Wollseifen wieder zugänglich – nachdem die früheren Bewohner jahrzehntelang nur einmal im Jahr, zum Rochusfest, in ihren Heimatort gedurft hatten.
Aus dem Truppenübungsplatz ist längst ein Teil des Nationalpark Eifel geworden, aus der Wüstung Wollseifen ein Ausflugsziel. Der Traditionsverein hat gesichert, was an alten Gebäuden noch zu retten war. Die Schule war 1944 im Krieg zerbombt worden, die Kirche 1947 – im Frieden – bei einer Schießübung des britischen Militärs in Flammen aufgegangen. Die Belgier hatten später ein provisorisches Dach auf das Gotteshaus gesetzt.
Mittlerweile ist die Kirche, längst entwidmet, wieder aufgebaut. Der Turm ist kein Stumpf mehr, sondern trägt auf seinem Dach wieder das Kreuz und den Wetterhahn. Doch der Raum, in dem 1946 zum letzten Mal ein Gottesdienst gehalten wurde, ist, bis auf wenige Bänke, leer. Ein Ort der Stille, an dem sich gut darüber nachdenken lässt, was Menschen einander antun und was der Verlust von Heimat bedeutet.
Anna Maria Caspari liest im Panoramsaal auf Vogelsang
Anna Maria Caspari hat sich der Geschichte des Dorfs Wollseifen auf literarischem Weg genähert. In ihrer Eifeltrilogie schildert sie die Historie entlang menschlicher Schicksale. Zum Jahrestag liest sie aus ihrer Eifeltrilogie, die die drei Romane „Ginsterhöhe“, „Perlenbach“ und „Schlehengrund“ umfasst. Veranstalter ist Vogelsang IP. Mit dem Panoramasaal auf Vogelsang ist der angemessene Ort gefunden: Von dort aus ist Wollseifen zu sehen.

Die Autorin Anna-Maria Caspari hat sich intensiv mit der Geschichte des Dorfes Wollseifen und seiner Bewohner befasst.
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Die Autorin, die in Erftstadt lebt, hat für ihre Bücher intensiv recherchiert. Dadurch erfährt der Leser oder in diesem Fall der Zuhörer auf unterhaltsame und berührende Art viel über die Geschichte des Ortes. Die Lesung, die Literatur, Landschaft und Geschichte verbindet, findet am Freitag, 4. September, um 17.30 Uhr statt. Der Eintritt ist frei, der Parkplatz gebührenpflichtig (6 Euro). Eine Anmeldung ist erforderlich, telefonisch unter 02444/91 57 90 oder per E-Mail.
