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EhrenobermeisterinBernadette Hein aus Nettersheim ist Friseurin aus Leidenschaft

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Bernadette Hein (l.) und Judith Kneuttinger sitzen an einem Tisch mit Weingläsern und Blumen darauf.

Generationenwechsel an der Spitze der Friseurinnung: Auf Obermeisterin Bernadette Hein (l.) folgt Judith Kneuttinger. 

36 Jahre lang war Bernadette Hein aus Nettersheim Obermeisterin der Friseurinnung. Ihrer Leidenschaft für den Beruf bleibt sie aber weiterhin treu.

Sie war die erste Obermeisterin in der mehr als 100-jährigen Geschichte der Friseurinnung Euskirchen, mit damals 38 Jahren dazu eine der jüngsten weit und breit. Nach 36 Jahren ist Bernadette Hein jetzt verabschiedet worden. Zu ihrer Nachfolgerin ist Judith Kneuttinger aus Mechernich-Bergheim gewählt worden.

Dass sie Friseurin werden wollte, wusste Bernadette Hein schon sehr früh. „Ich hatte eine Puppe mit krausen Haaren, daran habe ich immer mit der Nagelschere herumgeschnippelt“, erzählt die 74-Jährige. Doch ihr Vater habe andere Pläne gehabt, sich gewünscht, dass die Tochter aufs Gymnasium geht. Mit Unterstützung ihrer Mutter setzte die junge Bernadette ihren Traum durch. Um dann zu hören: „Wenn du auch nur einmal jammerst in der Lehre, gehst du auf die Klosterschule.“

Bernadette Hein hat Unternehmergeist und Mut bewiesen

Sie hat nicht gejammert. Damals nicht und heute auch nicht. Stattdessen hat sie Unternehmergeist bewiesen, Tatkraft, Mut. Bernadette Hein war gerade mal 22, als sie sich selbstständig gemacht hat. Zwei Monate später habe sie gemerkt, dass sie schwanger gewesen sei, erzählt Bernadette Hein. Was sie nicht daran hinderte, zwei Jahre später die Meisterprüfung abzulegen.

Sonntags habe sie gelernt, montags sei sie zur Meisterschule gefahren, erinnert sie sich – ein Kraftakt, der nur mit Unterstützung der Familie und vor allem ihres Mannes gelungen sei. 40 Jahre ist es mittlerweile her, dass sie mit ihrem „Studio Bernadette“ in ihr Wohnhaus am Höhenweg in Nettersheim eingezogen ist. Hinter der Fassade des Einfamilienhauses wartet eine Überraschung: Ein äußerst eleganter Salon, ausgestattet mit weißem Marmor. Und einem fantastischen Blick über Nettersheim.

Bis heute arbeitet die 74-Jährige aus Nettersheim jeden Tag in ihrem Salon

Dort hat Bernadette Hein ihr Berufsleben verbracht, und dort arbeitet sie bis heute. Auch mit 74 Jahren steht sie täglich am Stuhl, schneidet – nicht mehr mit der Nagelschere – berät, frisiert. Allerdings hat sie ihre Arbeitszeit auf die Vormittage reduziert. Und brennt auch nach 50 Jahren immer noch für ihren Beruf. Einen Beruf, dessen Zukunft sie mit Sorge sieht. Das war auch Thema während der Innungsversammlung, in der sie verabschiedet und ihre Nachfolgerin bestimmt wurde.

Es gibt gleich zwei große Probleme: Den Friseuren gehen der Nachwuchs und die Kunden aus. Das beklagten auch die Redner an dem Abend. Neben Uwe Günther, dem ehemaligen Geschäftsführer der Vereinigten Kreishandwerkerschaft Düren-Euskirchen-Heinsberg, waren das Harald Esser, Präsident des Zentralverbands des deutschen Friseurhandwerks, Mike Engels, Obermeister der Friseurinnung Köln und Antonio Weinitschke, Obermeister der Friseurinnung Aachen.

Kaum noch jemand will den einstigen Traumjob machen

Nur noch eine Handvoll Auszubildende gibt es im Kreis Euskirchen. Sie selbst habe seit 2024 keine Lehrlinge mehr, berichtet Bernadette Hein. Seit zwei Jahren habe sich auch niemand mehr beworben. Der Friseurberuf, einst der Traumjob vor allem unzähliger junger Frauen, sei offenbar nicht mehr attraktiv. Kaum jemand sei noch bereit, abends freiwillig weiter zu üben, um dann bei einem Wettbewerb zu glänzen.

An die 40 Friseurinnen habe sie im Laufe der Jahre ausgebildet. Beim Blick über die Reihen der Kolleginnen, die zur Innungsversammlung gekommen war, sah sie viele Meisterinnen, die ihren Berufsweg im „Studio Bernadette“ begonnen haben. Die Ehrenobermeisterin – dazu wurde sie ernannt – macht sich keine Illusionen: „Die Stammkundschaft stirbt uns weg.“ Die Haarmode und damit das Verhalten der Kundschaft habe sich grundlegend geändert. Kaum noch jemand gehe allwöchentlich zum Friseur, um sich frisieren zu lassen.

Die Niedrigpreisangebote sind betriebswirtschaftlich nicht zu erklären.
Antonio Weinitschke

Ein bisschen wehmütig erinnert sie sich an die Zeiten, als die ersten Kunden samstags schon vor der Tür warteten, wenn sie um 7 Uhr ins Geschäft kam. Obendrein macht die Konkurrenz durch Barber-Shops den Friseuren zu schaffen. „Die Niedrigpreisangebote sind betriebswirtschaftlich nicht zu erklären“, sagte Antonio Weinitschke. Bernadette Hein hat auf den sich ändernden Markt reagiert, hat weniger Angestellte, setzt mehr auf Qualität der Arbeit als auf Quantität.

Ihr selbst hat es nie genügt, nur einfach eine erfolgreiche Geschäftsfrau zu sein. Schon fünf Jahre, nachdem sie sich selbstständig gemacht hatte, wurde sie in den Vorstand der Innung und in den Gesellenprüfungsausschuss gewählt. Sie engagierte sich im Friseur- und Kosmetikverband Nordrhein-Westfalen, in der Handwerkskammer Aachen, im Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks und in der Kreishandwerkerschaft Euskirchen.

„Wir haben viel auf die Beine gestellt, vor allem in Sachen Gesundheitsvorsorge“, sagt sie zufrieden. Sie habe das Thema sehr ernst genommen, sei viel unterwegs gewesen, um Kolleginnen und Kollegen in Vorträgen über Hautkrankheiten und Handschutz zu informieren. Vieles habe sich geändert, konstatiert sie nach gut 50 Jahren in der Branche. Die Zeit der glamourösen Modenschauen mit aufwendigen Frisuren sei vorbei.

Geblieben sind ihre Liebe und ihre Leidenschaft für das Friseurhandwerk. Was das Besondere daran ist? „Es ist herausfordernd, man muss sich immer weiterbilden. Vor allem aber ist es kreativ“, sagt Bernadette Hein. Und tatsächlich sei die Friseurin auch ein Stück weit Seelentrösterin, bekomme viele Problemchen und echte Probleme erzählt. Einzelheiten dazu kann man ihr nicht entlocken: „Was im Salon gesprochen wird, bleibt hier“, sagt sie und legt die Hand auf ihr Herz.


Viele Ehrungen und Erfolge errungen

Ihr langes Berufsleben und ihr Engagement in Innung, Handwerkskammer und Kreishandwerkerschaft hat Bernadette Hein eine ganze Reihe an Auszeichnungen eingebracht. Bei den NRW-Meisterschaften der Friseure gewann sie 1981 die Bronzemedaille, beim bundesoffenen Wettbewerb um den Ostseepokal in Eckernförde siegte sie. Die Auszubildenden der Friseurinnung Euskirchen gewannen unter ihrer Leitung in den Jahren von 1982 bis 1984 zwei Goldmedaillen und eine Silbermedaille bei den NRW-Meisterschaften.

Der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks verlieh Bernadette Hein die Silberne und die Goldene Ehrennadel, ebenso die Handwerkskammer Aachen. 2021 wurde ihr langjähriger Einsatz für ihren Berufsstand mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande gewürdigt. Und 2025 bekam die Nettersheimerin den Goldenen Meisterbrief verliehen.