Die beiden Gitarristen Julie Malia und Don Ross zeigten in der guten Stube von Linda Claas und Christoph Heinrich in Marmagen ihr Können.
GitarrenkonzertZur Weltklassemusik gehört im Eifeler Wohnzimmer ein Teller Suppe

Zwei absolute Größen der Gitarrenwelt beim Wohnzimmerkonzert in Marmagen: Julie Malia und Don Ross.
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Manche Konzerte bleiben im Gedächtnis bei all denen, die das Glück haben, dabei gewesen zu sein. Zum Beispiel das, das in Marmagen stattfand. Denn hier gab es Weltklasse im Wohnzimmer, live und sozusagen „unplugged plus“.
Die beiden Gitarristen Julie Malia und Don Ross traten in der guten Stube von Linda Claas und Christoph Heinrich auf und bescherten damit rund 25 Zuhörern ein ungewöhnliches Konzerterlebnis. Und weil alles so familiär ist, bescherten die Gastgeber den Gästen auch noch einen Teller frischgekochte Suppe.
Dicht an dicht saß das Publikum in dem leergeräumten Wohnzimmer auf Bierbänken, als Malia und Ross sich mit ihren Gitarren an ihr musikalisches Werk begaben. „Wir spielen Bio-Gitarre“, begrüßte Malia die Zuhörer. Denn während selbst bei vorgeblichen Unplugged-Konzerten der Ton verstärkt, gesäubert und klanggeregelt daherkommt, waren hier die Gitarren völlig ungefiltert zu hören. Eigentlich ein Rahmen, der mehr wie ein Schülervorspiel wirkte als ein Konzert von zwei Stars mit Weltruf.
Ein Deal führt die Musiker ins Wohnzimmer nach Marmagen
Denn vor allem der Kanadier Don Ross ist im Bereich der Fingerpicking-Gitarre so etwas wie eine lebende Legende, wie Malia es respektvoll ausdrückte. Sie selbst steht dem allerdings kaum nach, die deutsche Musikerin ist der Shooting-Star der Szene und hat sich in den letzten Jahren die Bühnen der Welt und den Respekt der Fans erspielt.
Dass die beiden Weltstars in Marmagen in einem deutschen Wohnzimmer auftraten, ist Folge eines Deals, den Malia und Heinrich machten. Der Marmagener ist seit Jahren bekennender Fan von Ross und mittlerweile auch von Malia. Da er selbst Gitarre spielte, hatte er auch ein besonderes Instrument: eine Stahlsaitengitarre des irischen Gitarrenbauers George Lowden, die allerdings mittlerweile kaum noch gespielt wurde. Also bot er das Instrument Malia, nachdem er sie bei einem Konzert gehört hatte, als Geschenk an. Sie willigte ein und bot im Gegenzug an, als Dank ein Konzert für ihn zu spielen.
Während der Deutschlandtournee, die sie in diesem Frühjahr mit Ross plante, sollte es stattfinden. Ursprünglich sei geplant gewesen, das Konzert in der Marmagener Pfarrkirche St. Laurentius durchzuführen, doch als sich das nicht habe realisieren lassen, sei als Plan B das Heinrichsche Wohnzimmer gewählt worden, so Malia.
Die besondere Atmosphäre des Konzerts vor wenigen Zuhörern
Ein Glück für das Publikum, aber auch eine Herausforderung für die Künstler, die eigentlich gewohnt sind, vor wesentlich mehr Zuhörern aufzutreten und nun nur knapp einen Meter vor der ersten Zuschauerreihe spielen mussten. „Als Musiker sind wir gewohnt, mit jeder Situation umzugehen, und versuchen immer, unser Bestes zu geben, ob wir vor zehn oder 20.000 Menschen spielen“, sagte Malia nach dem Konzert.
Die Stimmung sei großartig gewesen, die Leute beseelt, auch wenn es ursprünglich anders geplant gewesen sei. „Es ist familiärer, und man kann ganz anders moderieren, viel persönlicher“, so die Musikerin. So eine Situation offenbare mehr von dem Künstler als ein übliches Konzert, berichtete sie. Dass die beiden Größen ihrer Zunft überhaupt miteinander Musik machen, ist dem Internet zu verdanken. Denn als Ross vor einigen Jahren auf Facebook ein Video von Malia teilte, war die junge Musikerin so geschmeichelt, dass sie ihm eine Dankesmail schrieb. So ergab sich ein Kontakt, der damit endete, dass Ross vorschlug, einmal gemeinsam Musik zu machen.
In Kanada fahren wir sechs Stunden, um Kaffee zu trinken.
„Als er auf Deutschlandtour in Frankfurt gastierte, rief er an und schlug vor zu kommen“, erzählte Malia. Auch die sechs Stunden Fahrt hätten ihn nicht abgeschreckt. „In Kanada fahren wir sechs Stunden, um Kaffee zu trinken“, scherzte Ross. Dann hätten sie miteinander gespielt und festgestellt, dass es Spaß mache und fortgesetzt werden sollte, ergänzte Malia.
Seit zwei Jahren gehen die beiden immer wieder auf Tour, wenn sie nicht ihre Soloprojekte verfolgen. Ross ist der erfahrene Fingerpicking-Virtuose, der die Tradition eines Leo Kottke weitergeführt und die Spielweise mit Einflüssen von Jazz, Blues und anderen Stilistiken sowie einer virtuosen Technik revolutioniert hat. Die Dresdenerin Malia, bürgerlich Jule Malischke, kommt dagegen eigentlich aus der Klassik. Ihr Studium schloss sie mit der Meisterklasse der Musikhochschule Dresden ab, wo sie mittlerweile als Dozentin tätig ist. Durch ihre exzellente Technik und überzeugende Musikalität hat sie sich schnell einen Namen in der Musikwelt erarbeitet.
Die Grenzen zwischen den Genres verschwimmen
„Crossover“ bezeichnet sie ihr Musikgenre, denn in dem, was sie und ihr Duopartner Ross präsentieren, verschwimmen die Grenzen zwischen Folk Guitar, Liedermachern, Klassik und Jazz zu einem unverwechselbaren Ganzen. Manchmal, wenn die beiden auf Stahlsaiten brillierten, erinnerte die Musik an das phänomenale Gitarrenduo Martin Kolbe und Ralf Illenberger, dann wieder, wenn Malia zu ihrer Bariton-Nylonsaitengitarre sang, klang es nach einem ganz eigenen Sound und musikalischen Ansatz.
Großartig auch die Interpretation des Ralph-Towner-Stückes „If“, einer Komposition aus dem Jahr 2006, die Malia in technischer Brillanz und bestechender Musikalität spielte, oder die Soloperformances von Ross, der zeigte, warum er ein Gitarrist von Weltruf ist. Rund zwei Stunden spielten die beiden Musiker Stücke aus ihrem Programm, manche solo, manche zusammen, und zeigten damit, welche Vielfalt an handgemachter Musik auf der Gitarre möglich ist – wenn man es denn kann.
