FachkräftemangelHandwerker im Kreis Euskirchen haben rosige Aussichten und große Sorgen

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Dachdeckerlehrlinge im dritten Lehrjahr lernen den Umgang mit Schiefer.

Für neun Gewerke findet die überbetriebliche Lehrlingsunterweisung im Bildungszentrum Simmerath statt.

Rund zwanzig Zuhörer diskutierten mit den Experten über das Thema Handwerk. Dabei wurden strukturelle Probleme deutlich.

Wie viel Leidenschaft das Thema Handwerk wecken kann, wurde bei dem ersten Eifeler Abend deutlich, zu dem die CDU Nettersheim in die Alte Schule nach Engelgau eingeladen hatte. Auf dem Podium saßen Uwe Günther, ehemaliger Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Rureifel, Jochen Kupp, Leiter des Berufsbildungszentrums Euskirchen (BZE), Christoph Firmenich, selbstständiger Elektromeister, und Matthias Poth, selbstständiger Stuckateur, die viel Erfahrung und Hintergrundwissen erwarten ließen.

Rund 20 Zuhörer hatten sich für die Podiumsdiskussion entschieden und beteiligten sich lebhaft. Bereits in der Vorstellungsrunde wurden die drängenden Probleme der Handwerker in der Region deutlich. „Das Thema Nummer eins ist der Fachkräftemangel“, sagte Günther. Auch die Inflation bereite den Handwerkern Probleme – nachdem sie laut Günther 2019 das bis dahin beste Jahr überhaupt erlebt hatten. „Ich sehe aber das Handwerk strategisch mit den besten Aussichten“, schloss er seinen ersten Beitrag – und damit war schon viel gesagt.

Am Podium sitzen von links Uwe Günther, Jochen Kupp, Andreas Winkler, Christoph Firmenich und Matthias Poth.

Die Situation im Handwerk war das Thema des ersten Eifeler Abends, den die CDU Nettersheim in der Alten Schule in Engelgau veranstaltete. Am Podium saßen von links Uwe Günther, Jochen Kupp, Andreas Winkler, Christoph Firmenich und Matthias Poth.

„Die Kinder wollen das Handwerk, die Grenzen sind die Eltern“, machte Kupp deutlich, der sich im BZE in Euenheim tagtäglich mit den Fragen der Ausbildung auseinandersetzt. „Wir sind ein Player gegen den Fachkräftemangel“, betonte er. Alle wichtigen Bundes- und Landesminister seien bei ihm gewesen, doch keiner habe gesagt, wo das Geld für die Ausbildung herkommen solle. „Die Aussichten sind rosig, das Handwerk ist zukunftssicher, ohne uns geht es nicht“, sagte Firmenich. Er hoffe, dass alle Bereiche mehr Zulauf erhalten.

Stuckateurmeister Poth, der den Marmagener Betrieb mit seinem Bruder Kilian führt, ergänzte, dass es unerlässlich, aber auch sehr aufwendig sei, Nachwuchs zu gewinnen. „Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht mit Nachwuchsförderung in Verbindung kommen“, sagte er. Da sei jeden Tag Ärmelhochkrempeln angesagt. Der Wunsch der Eltern, dass ihr Kind studieren solle, habe zu einer Verlagerung von Real- und Hauptschule auf das Gymnasium geführt. „Wir müssen die Eltern überzeugen“, forderte er.

Öffentliches Verkehrssystem sei ein Riesenproblem

Das Gymnasium sei die neue Volksschule und das Abitur ein „Must-have“, stimmte Günther zu. „Eigentlich brauchst du für deinen Beruf auch mittlerweile Abitur“, wandte er sich an Firmenich und machte damit deutlich, dass die Hochschulreife kein Hindernis für eine Ausbildung im Handwerk sei. Ein Riesenproblem für die Ausbildung sei das öffentliche Verkehrssystem, fügte Kilian Poth hinzu, der den Abend im Publikum verfolgte. Es seien weite Wege zurückzulegen, zum Beispiel nach Köln oder zum Berufsbildungszentrum der Handwerkskammer in Simmerath. Doch für eine Ausbildung in der Region seien die Klassen oft zu klein.

Schwierig sei es für die Handwerksbetriebe, dass Zahlungen oft schleppend kämen, schilderte Poth – mitunter mit einem Dreivierteljahr Verspätung. Dabei hätten sie ständige Zahlungsverpflichtungen. „Es gibt Versicherungen, die lassen ihre Kunden und die Handwerker am Hungerhaken hängen“, sagte er. Eine Expertise nach der anderen habe er nach der Flut 2021 geschrieben, berichtete Firmenich, der seinen Betrieb in Roitzheim führt: „Wenn wir alles gemacht hätten, wie es die Versicherungen wollten, hätten wir bei vielen Kunden bis heute noch nicht angefangen.“

Auch gebe es Probleme, Material zu bekommen. „Die Arbeit ist da, aber es gibt viele Schwierigkeiten, sie vernünftig zu machen“, sagte Firmenich. Er beklagte auch, dass immer wieder Leute, die er gut ausgebildet habe, von Großunternehmen oder auch kommunalen Arbeitgebern in der Region abgeworben würden. Die könnten mit sicheren Gehältern und festen Arbeitszeiten locken: „Das ist wie im Fußball: Wir bilden aus, dann noch Fortbildungen – und dann sind die weg.“ Er wisse nicht, wie er sich da schützen könne.

Lebhaft beteiligten sich auch die Zuschauer an der Diskussion. So wiesen zwei von ihnen darauf hin, dass auch in der Pflege und bei sozialen Berufen ein massiver Fachkräftemangel herrsche. „Wir werden bis 2032 einen Rückgang der Schülerzahlen haben, dann erst wird es besser“, machte Günther deutlich. Doch diesen Mangel mit mehr Produktivität auszugleichen, sei nicht mehr möglich: „Die Produktivitätsschraube ist zu Ende.“

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