Abo

Gedenken an FlutMenschen aus dem Schleidener Tal folgten dem mörderischen Weg des Wassers

7 min
Auf eine schwarze Plane schreiben die Menschen ihre Gedanken zur Flut.

Eine schwarze Plane folgte fünf Jahre nach der Hochwasserkatastrophe dem Weg, den die zerstörerische Flut am 14./15 Juli 2021 im Schleidener Tal genommen hatte. An jeder der drei Stationen, die die Kommunen Schleiden und Hellenthal für das Gedenken eingerichtet hatten, schrieben Menschen mit weißer Farbe ihre Gedanken auf die Plane.

Die Stadt Schleiden und die Gemeinde Hellenthal erinnerten gemeinsam an drei Stationen im Schleidener Tal an die Flutkatastrophe vor fünf Jahren.

Die Zeit davor und die Zeit danach: Immer wieder kamen die Redner bei den Gedenkveranstaltungen anlässlich des Jahrestags der Flutkatastrophe auf dieses Bild, wenn sie über die eine Nacht sprachen, die das Leben der Menschen in der Eifel so einschneidend veränderte. Fünf Jahre ist es her, dass ungeheure Wassermassen sich über die Nordeifel ergossen und kleine Bäche zu reißenden Flüssen werden ließen, Flüsse zu Strömen, und in wenigen Stunden eine Zeitenwende einläuteten.

In drei verschiedene Stationen hatten die Organisatoren Ingo Pfennings, Bürgermeister von Schleiden, sein Hellenthaler Amtskollege Martin Berners sowie der katholische Pfarrer Thomas Schlütter und sein evangelischer Amtsbruder Oliver Joswig das Flutgedenken im Schleidener Tal unterteilt: Von Blumenthal ging es nach Schleiden und dann nach Gemünd, um Am Plan die Abschlussveranstaltung durchzuführen.

Ein konsequentes Konzept, denn damit folgten sie dem Weg des Wassers, das aus den Höhengebieten der Gemeinde Hellenthal bis zum Urftsee floss und dabei nicht an kommunalen Grenzen Halt machte. Und so erzählen die drei Stationen auch die Geschichte des 14./15. Juli 2021.

Blumenthal: Mentale Reise an den Beginn der Katastrophe

Vor der katholischen Kirche in Blumenthal aus begann die Reise auf den Spuren des Wassers. Hellenthals Bürgermeister Martin Berners erinnerte an die Vorgeschichte: Seit Tagen habe es immer wieder geregnet, so dass die Böden längst gesättigt gewesen seien. Der Wetterdienst habe vor außergewöhnlichen Regenmengen gewarnt. Doch niemand habe sich vorstellen können, dass das bedeuten würde, dass aus einem verregneten Sommertag eine Naturkatastrophe historischen Ausmaßes werden würde.

Die Bilder sind im Kopf, die Narben im Herzen geblieben.
Thomas Schlütter, Pfarrer

Erste Einsätze in Hecken und Winten für die Feuerwehr seien wegen überfluteter Keller eingegangen. Nach immer mehr Notrufen sei bald in der Koordinierungsstelle der Feuerwehr die Verbindung zur Rettungsleitstelle des Kreises zusammengebrochen. Von da an sei die Feuerwehr auf sich allein gestellt gewesen. „In diesen Stunden haben unsere Einsatzkräfte Entscheidungen unter Bedingungen getroffen, die sich heute kaum noch jemand vorstellen kann“, sagte Berners. Und niemand habe gewusst, wie hoch das Wasser noch steigen würde.

Mehrere Leute schreiben auf die ausgebreitete Plane.

Auf eine Plane schreiben die Menschen auf dem Vorplatz der Blumenthaler Kirche ihre Gedanken zur Hochwasserkatastrophe.

Zwei Menschenleben habe die Katastrophe in der Gemeinde Hellenthal gekostet. Doch es solle nicht nur an die Zerstörung erinnert werden, sondern auch an den Zusammenhalt, betonte Berners. Nachbarn seien zu Helfern geworden, Menschen hätten ihre Häuser geöffnet und geteilt, was sie gehabt hätten. „Die Flut hat viel zerstört, aber nicht den Zusammenhalt der Menschen“, so Berners.

Gedanken zur Flut auf einer schwarzen Lkw-Plane verewigt

Pastor Thomas Schlütter und Dorothea Gehlen gestalteten die Andacht, die auf dem Vorplatz der katholischen Kirche gehalten wurde. Fünf Jahre sei die Flutnacht her, doch für manche fühle es sich wie gestern an. „Die Bilder sind im Kopf, die Narben im Herzen geblieben“, sagte Schlütter. Eine Frage lasse sich nicht wegbeten: Wo sei Gott in dieser Nacht gewesen?

Die Genannten verfolgen zusammen mit anderen die Reden.

Bei der Abschlussveranstaltung in Gemünd: Vizepräses Antje Menn (vorne. v.l.), Landrat Markus Ramers und Superintendentin Verena Jantzen.

„Wenn der Schmerz zu groß ist, ist oft kein Raum für leise Worte“, so der Priester. Doch auch das Hadern sei ein Gebet: das ehrlichste, das in der Dunkelheit gesprochen werden könne. Stärker als das Wasser sei aber die Hilfsbereitschaft gewesen. Aus den Trümmern sei etwas gewachsen, eine Hoffnung für die Zukunft.

Um den Menschen Gelegenheit zu geben, ihre Gedanken und Worte festzuhalten, lag eine dunkle Lkw-Plane bereit, auf die mit weißen Stiften geschrieben werden sollte. Viele nahmen die Gelegenheit wahr, um ihre Dankbarkeit zu äußern. Auch auf den folgenden Stationen konnten die Menschen sich auf der Plane verewigen. Ihren endgültigen Platz soll sie in der katholischen Kirche St. Nikolaus in Gemünd bekommen, sagte Pastor Schlütter.

Schleiden: Bedrückte Stimmung vor dem Gottesdienst

Zu einem ökumenischen Gottesdienst in der evangelischen Kirche in Schleiden, die erst seit Ostern wieder genutzt werden kann, hatten die Organisatoren in Schleiden geladen. Im Kirchenschiff standen kaum genug Plätze zur Verfügung für die vielen Menschen, die gekommen waren.

Gemeinsam mit Joswig und Schlütter feierten die Superintendentin des Kirchenkreises Aachen, Verena Jantzen, und Antje Menn, Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, den Gottesdienst.

Die genannten Personen lesen Fürbitten in der evangelischen Kirche in Schleiden.

Fürbitten und Gebete wurden bei einem ökumenischen Gottesdienst in der evangelischen Kirche in Schleiden, die erst seit Ostern wieder genutzt werden kann, von Oliver Joswig, Thomas Schlütter, Malte Duisberg, Gaby Leufgen, Dorothea Gehlen und Verena Jantzen gelesen.

„Fassungslosigkeit“ sei das Gefühl gewesen, als sie bei einer Auslandsreise die Bilder aus der Eifel gesehen habe, sagte Jantzen, die bei allen drei Stationen im Schleidener Tal mit dabei war. Immer wieder werde in Gesprächen bei vielen Menschen die Erinnerung an die Flutnacht deutlich.

So auch bei zwei Frauen aus Sistig. „Bedrückt“ seien sie an diesem Tag, sagten sie spontan, bevor sie die Kirche betraten. „Das geht nicht aus dem Kopf“, fügte die eine hinzu. Sie habe nach der Flut obdachlos gewordene Menschen aus Gemünd aufgenommen und mit den Opfern gelebt. Die Hilfsbereitschaft damals sei enorm gewesen. Sie selbst habe ein Begegnungscafé aufgemacht und Kleidung gesammelt. „Wahnsinn, was da aus dem Nichts entstanden ist“, sagte sie.

Bei den Bildern aus der Flutnacht wird es ganz still in der Kirche

Mit „Halleluja“ eröffnete der Gospelchor „Masithi Amen“ den Gottesdienst. Presbyterin Gaby Leufgen erinnerte daran, wie sie mit anderen versucht hatte, in der Flutnacht in der Schleidener Kirche zu retten, was zu retten war. An diesem Jahrestag seien die Erinnerungen an das schnell steigende Wasser, die Nacht ohne Strom, den Anblick der Verwüstung und den beißenden Geruch des Schlamms wieder da, so Antje Menn in ihrer Predigt. Doch nach der Flut habe es die große Welle der Hilfsbereitschaft gegeben, und die vielen Menschen, die für andere zum Licht geworden seien.

Ganz still wurde es schließlich in der Kirche, als nach dem Schlusssegen noch Bilder aus der Flutnacht und den Tagen danach gezeigt wurden. „Wem das zu viel ist, der kann natürlich die Kirche verlassen“, hatte Pfarrer Joswig vorher gewarnt. Doch kaum jemand ging.

Gemünd: Für die Schwimmkerzen reicht der Wasserstand nicht aus

Nach den beiden eher religiös geprägten Stationen ging es auf dem Plan in Gemünd weltlicher zu. Schleidens Bürgermeister Ingo Pfennings begrüßte die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung, bevor ein fünfminütiges Glockengeläut den Menschen Raum für ihre Gedanken bot. Als ein besonderes Symbol hatten sich die Organisatoren ausgedacht, am Zusammenfluss von Urft und Olef, wo sich die zerstörerische Kraft der Flüsse vereint hatte, Schwimmkerzen auf das Wasser zu setzen, die in Richtung Urfttalsperre schwimmen sollten. Doch wenn vor fünf Jahren zu viel Strömung war, gab es an diesem Dienstag zu wenig. Die Kerzen trieben auf die andere Seite der Urft, wo sie unter der zerstörten Terrasse des Hotel Friedrichs hängenblieben.

Landrat Markus Ramers spricht in Gemünd an der Nepomuk-Statue zu den Gästen, neben ihm die beiden Bürgermeister Ingo Pfennings und Martin Berners.

Auch Landrat Markus Ramers (r.) sprach zum Abschluss in Gemünd zu den Teilnehmern.

An die dramatischen und oft verzweifelten Momente in der Flutnacht, aber auch den Kampf der Einsatzkräfte erinnerte Pfennings in seiner Ansprache. Er dankte den vielen Spendern und Helfern, die nach der Flut Hilfe geleistet hätten. Er erinnerte auch daran, wie die Bewohner der Höhendörfer innerhalb weniger Stunden Notunterkünfte eingerichtet hatten. „Es hieß damals nicht mehr Gemünd gegen Schleiden, Höhe gegen Tal und am Ende alle gegen Drommer“, sagte er. Es habe geheißen: „Alle gegen die Flut.“

Landrat Markus Ramers dankte den Helfern aus Deutschland und Europa

Pfennings und Berners schilderten auch, wie weit der Wiederaufbau in den zerstörten Kommunen durch die Hilfe des Landes und des Bundes gekommen sei, aber auch, wie viele Probleme es immer noch gebe. So sei eine Verlängerung der Fristen dringend nötig, was er bei der Gedenkveranstaltung im Landtag auch dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier nahegelegt habe, betonte Pfennings.

Landrat Markus Ramers berichtete, dass Gemünd der erste Ort gewesen sei, den er am 15. Juli 2021 gesehen habe. „Für mich sah das aus wie ein Kriegsgebiet“, sagte er. Der Tag sei für viele Menschen eine Zäsur gewesen. Er dankte den unzähligen Helfern aus ganz Deutschland und Europa. Er wünsche sich, dass neben der Trauer und des Gedenkens niemals vergessen werde, welche Kraft ein solches Miteinander habe.


Malsbenden: Was bleibt, sind Freunde im Leben

Es sah aus wie ein Gartenfest an einem lauen Sommerabend, doch dahinter steckt etwas anderes. Die Menschen, die sich am Dienstagabend im Garten von Ewald Schäfer in Malsbenden trafen, teilen ein gemeinsames Schicksal. Es sind die Anwohner, deren Häuser zerstört wurden, die ihr Hab und Gut verloren hatten.

Anwohner aus Malsbenden sitzen im Innenhof eines Fachwerkhauses unter einem Pavillon.

Noch immer treffen sich regelmäßig Anwohner aus Malsbenden, um an die schwierigen Zeiten nach der Flut zu erinnern.

Doch auch Helfer, die nach der Flutkatastrophe 2021 aus Rohren nach Gemünd gekommen waren, um die Flutopfer zu unterstützen und anzupacken, sind mit dabei. In Malsbenden hat sich nach der Flut eine Gemeinschaft gebildet. So steht es auch auf der Metallplatte an der Urftseestraße: „Was bleibt, sind Freunde im Leben“.

Viele konnten entspannt den Abend genießen, denn bei ihnen ist der Wiederaufbau abgeschlossen. Dass die Erinnerung an das Geschehene aber trotzdem wachbleibt, wurde deutlich, wenn das Gespräch immer wieder auf die Tage nach der Flutkatastrophe kam. Und auf die Ängste, die Menschen noch immer haben.