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AusstellungDer Arm arbeitet wie ein Seismograph – Ergebnisse sind in Euskirchen zu sehen

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Die Künstlerin Irene Weingartner steht vor einem ihrer Werke, die in Euskirchen-Schweinheim gezeigt werden.

In Haus Schlangeneck präsentiert die gebürtige Schweizerin Irene Weingartner ihre Werke.

Unter dem Titel „Verschwebungen“ präsentiert Irene Weingartner ihre dritte Ausstellung im Haus Schlangeneck in Euskirchen-Schweinheim.

Die künstlerischen Arbeiten von Irene Weingartner zu beschreiben, ist nicht so einfach. Das liegt schon daran, dass die wenigsten Menschen sich so tief auf das einlassen, was ihr Körper signalisiert, wie sie es tut. In der Galerie Haus Schlangeneck stand sie bei der Vernissage unter dem Thema „Verschwebungen“ Rede und Antwort zu ihrer speziellen Art, Kunst zu schaffen. Auf sympathische Weise erklärte die Schweizerin, wie ihr Werk zu verstehen ist. In der Schweinheimer Galerie ist das seit 2017 die dritte Ausstellung der Künstlerin, die sowohl in Zürich als auch in Düsseldorf lebt.

Irene Weingartner beschrieb zunächst den ursprünglichen Ansatz ihrer Kunst. Alles fing damit an, dass sie ihren Körper als eine Art Impulsgeber ansah: „Ich stand dazu voll konzentriert vor einem großen weißen, leeren Papier und übertrug Impulse aus dem Innenleben als dünne Striche und Kreise auf die Zeichenfläche. Die Handgelenke habe ich dabei stillgehalten und aus dem ganzen Arm gearbeitet.“

Zweidimensionale Bilder werden zu fragilen Gebilden

Sie verwendete den Arm wie ein Seismograph, der Erschütterungen im Boden über einen dünnen, langen, schwingenden Metalldraht auf eine Papierrolle überträgt. Darum bezeichnet sie diese Bilder auch als „seismographische Aufzeichnungen“. Weingartner übertrug, was ihr Körper ihr mitgab. Wie sich das genau anfühlt und wie man in den Zustand gelangt, solche inneren Erschütterungen wahrzunehmen, kann man wohl nur über Eigenversuche feststellen.

Aus diesen ersten zweidimensionalen Bildern, die Ähnlichkeit mit Schnittmusterzeichnungen in einer Schneiderei haben, entwickelte sie sich in verschiedene Richtungen weiter. Zum einen begann sie, die Linien mithilfe von dünnem Pauspapier abzuzeichnen. Anschließend wurden die Linien fein ausgeschnitten und mithilfe von Nadeln mit etwas Abstand an einer Wand befestigt. So gelangten die Zeichnungen in den Raum. Schaut man sich die filigranen Papiergebilde an, bekommt man schnell die Sorge, sie versehentlich im Vorübergehen zerstören zu können.

Im Haus Schlangeneck sind die Schritte der Entwicklung zu sehen

Ein nächster Schritt ihrer künstlerischen Entwicklung der Idee bestand darin, die Zeichnungen mehrdimensional zu verarbeiten. Aus Balsaholz schnitt sie dünne Streifen und montierte die ursprünglich zweidimensionalen Impulsbilder zu zarten, räumlichen Objekten um. Man kann damit ihr Innenleben sozusagen von allen Seiten umschreiten, was immer neue Perspektiven hervorbringt. Ihre Kunst wurde also architektonisch. Da sie in ihrer ersten Ausbildung den Beruf der Hochbauzeichnerin erlernt hat, lag die Neigung zur Architektur nahe.

Man mag das alles recht komisch finden oder fremd. Aber diese Art, Unsichtbares irgendwie in Bildern fassbar zu machen, ist auch in der Wissenschaft bekannt. Man erinnere sich nur an die berühmten Atommodelle aus dem Chemieunterricht. Über die würde sich ein echtes Atom wohl kaputtlachen – gleichzeitig tragen sie etwas Wahres in sich. Auch ein Elektrokardiogramm (EKG) ist eine Übertragung von Herzimpulsen in eine Kurvenlandschaft. Der Impuls und die Grafik haben eigentlich nichts und doch sehr viel miteinander zu tun. Weingartner ist bei ihren Arbeiten auch stets mit Wissenschaftlern im Gespräch.

Als weitere Entwicklung ihrer Überlegungen hat sie die Blickwinkel auf ihre dreidimensionalen Objekte wieder fotografiert und abgepaust, um sie nochmals mit dunkel bemaltem Pergamentpapier an einer Wand zu montieren. So wird deutlich, dass Impulse eine sehr vielschichtige Sprache haben.

Weingartner nimmt inzwischen vermehrt auch äußere Regungen auf und setzt sie in Zeichnungen um. Nicht die eigenen Impulse, sondern die Umgebungsimpulse finden in den jüngeren Werken ihren Niederschlag. In der Galerie Haus Schlangeneck sind die einzelnen Schritte ihrer Entwicklung gut nachzuvollziehen. Zusätzlich finden sich dort Bilder in zarten Aquarellfarben, deren Formen räumliche Eindrücke vermitteln.

Die Ausstellung „Verschwebungen“ von Irene Weingartner ist bis zum 6. Juni zu sehen, donnerstags bis samstags zwischen 11 und 17 Uhr sowie nach Vereinbarung, Tel. 02255/222878 oder 0174/3032045. Am 31. Mai, ab 14 Uhr gibt es ein Werkgespräch mit Wilko Austermann, Direktor des Museums gegenstandsfreier Kunst, und Irene Weingartner in der Galerie.