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LVR-IndustriemuseumNeue Ausstellung in Kuchenheim zeigt Geschichte der Wollverarbeitung

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Dr. Christiane Lamberty und Anka Dawid-Töns (v.l.) in der Ausstellung des LVR-Industriemuseums Kuchenheim.

Mit der Ausstellung „Von der Wolle" bieten Kuratorin Dr. Christiane Lamberty (l.) und Museumsleiterin und Anka Dawid-Töns an einigen Stationen auch die Möglichkeit, den Rohstoff mit allen Sinnen zu entdecken.

Das LVR-Industriemuseum Kuchenheim zeigt in der neuen Ausstellung „Von der Wolle“ Geschichten von Tieren, Maschinen und Menschen.

Der Rohstoff Wolle ist in der Kuchenheimer Tuchfabrik Müller eigentlich allgegenwärtig. Dennoch stellten die Recherchen für die aktuelle Ausstellung Kuratorin Dr. Christiane Lamberty vor einige Herausforderungen. In der zweieinhalbjährigen Vorbereitungszeit seien immer wieder spannende Details aufgetaucht, die bisher nicht in den Archiven des LVR-Industriemuseums zu finden waren. „Um ein historisches Fundament für die Ausstellung zu schaffen, galt es daher, eine Menge Forschungsarbeit zu leisten. Da hatte ich zu Beginn auch deutlich blauäugigere Vorstellungen“, so Lamberty.

Doch dieser Aufwand sollte sich auszahlen. Auf rund 550 Quadratmetern ist ab sofort die Geschichte von Tieren, Maschinen und Menschen in der Wollverarbeitung nachzuvollziehen. Unter dem Titel „Von der Wolle“ führt der Rundgang durch mehr als 200 Jahre Historie und gibt zudem Möglichkeiten, den Rohstoff an einigen Stationen mit allen Sinnen zu erleben.

Die Wolle stammte damals schon nicht aus regionalen Quellen, sondern wurde aus Übersee importiert.
Anka Dawid-Töns, Museumsleiterin

Häufig sei sie bei Führungen von Museumsbesuchern gefragt worden, woher die Wolle in der aktiven Zeit der Tuchfabrik gekommen sei und die Antwort habe regelmäßig viele Gäste überrascht, berichtete Museumsleiterin Anka Dawid-Töns: „Die Wolle stammte damals schon nicht aus regionalen Quellen, sondern wurde aus Übersee importiert.“

Bereits im Jahr 1913 stammten demnach lediglich zehn Prozent der in Deutschland verarbeiteten Wolle aus dem eigenen Land. „Das ist ein Thema, das auch heute wieder, mit Blick auf die Nachhaltigkeit, sehr aktuell ist. Denn wir wollen mit der Ausstellung nicht nur zurückschauen, sondern den Blick auch in die Zukunft richten.“

Neue Schau im Industriemuseum umfasst 200 Ausstellungsstücke

Rund 200 Ausstellungsstücke, von einzelnen Fasern, die unter dem Mikroskop betrachtet werden können, bis hin zu großen Industriemaschinen sollen diesen Blick durch die Zeit ermöglichen. „Als ursprünglich Merinoschafe im späten 18. Jahrhundert aus Nordamerika nach Spanien importiert wurden, galt ihre Zucht noch als Staatsangelegenheit“, betonte Dr. Christiane Lamberty. Ein Kaschmirschal aus der besonders in Adelskreisen sehr begehrten Wolle habe damals einen hohen Wert, heute vergleichbar mit rund 50.000 Euro, besessen.

Eine der historischen Maschinen im LVR-Industriemuseum Kuchenheim.

Neben den fertigen Produkten aus Wolle beleuchtet die Ausstellung auch die Verarbeitung mit historischen Maschinen.

In einem Schaukasten des Industriemuseums Kuchenheim sind ein Badeanzug und ein Matrosenanzug zu sehen.

Auch im Bereich der Bademode fand Wolle Verwendung.

In der Zeit der industriellen Revolution sei der Rohstoff jedoch auch immer stärker im Alltag der mittelständischen Bevölkerung angekommen. „Die feine Wolle ließ sich aber nicht durch die groben Maschinen verarbeiten, und es musste eine Alternative gefunden werden“, so Lamberty. Eine Alternative sollte durch eine veränderte Züchtung der Schafe herbeigeführt werden: „Es wurden Arten mit einbezogen, die mehr Ertrag und eine längere Wolle versprachen.“ Der bereits globalisierte Handel erwies sich jedoch als zu schnell für die neue Zucht, was letztlich den hohen Anteil importierter Wolle erklärte.

Ausstellung zeigt den Weg vom Luxusgut zur billigen Alltagsware

Vom Luxusgut zur kostengünstigen Alltagsware, die im Laufe der Zeit immer stärker durch pflanzliche und sogenannte Zellwolle ersetzt wurde, können Museumsbesucher die Geschichte der Wolle im Laufe der Jahrhunderte anhand zahlreicher Beispiele erleben. Von der Schafzucht bis zur Schur und zur Weiterverarbeitung bergen auch die zahlreichen Einsatzmöglichkeiten, beispielsweise im Klavierbau oder zum Warmhalten des Frühstückseis, zahlreiche Überraschungen.

Dabei können die Gäste auch selbst aktiv werden. Unter dem Mikroskop können die Fasern von Kleidungsstücken unter die Lupe genommen werden, an einer Taststation lassen sich unterschiedliche Wolltypen ohne optische Reize untersuchen. Die Ausstellung rücke den Fokus auch auf Aktuelles, so Lamberty: „Wenn es darum geht, dass die Schur der Schafe mittlerweile teurer ist als die Wolle selbst und Wolle daher aus Kostengründen häufig einfach verbrannt wird, erheben wir auch mal den Zeigefinger.“

Dies geschehe jedoch nicht, ohne mögliche Alternativen zu nennen. „Inzwischen werden zum Beispiel Schafe gezüchtet, die gar keine Wolle mehr tragen. All diese Facetten dieses bemerkenswerten Rohstoffes, die uns teilweise auch selbst überrascht haben, möchten wir in unserer Ausstellung präsentieren.“