Die Kölner Bildungsinitiative bietet 350 jungen Menschen pro Jahr außerschulische Hausaufgabenhilfe - Die Stadt streicht ihre Förderung
Chance Bildung„Der Coach e.V. hat mich auf den geraden Weg gebracht“

Ehemalige und aktuelle Besucherinnen und Besucher der Hausaufgabenhilfe von Coach e.V. mit den beiden Geschäftsführern Christoph Kahle (li.) und Ahmet Sinoplu (re.).
Copyright: Michael Bause
Mirac, 22, und ein Dutzend weitere ehemalige wie aktuelle junge Besucherinnen und Besucher des Vereins Coach e. V., man könnte sie auch dessen personifizierten Werbeträger nennen, haben sich an diesem Mittwochabend um den großen Konferenztisch in der Bickendorfer Vereinszentrale versammelt, um ihre bewegenden Erfolgsgeschichten zu erzählen.
„Mein Hauptschulbesuch stand auf der Kippe, ich wollte die Schule schmeißen, war der Prototyp eines Problemkind, die große Enttäuschung der Familie, frech, schlecht in der Schule, perspektivlos“, erzählt Mirac, der vor 13 Jahren das erste Mal zur außerschulischen Hausaufgabenhilfe des Coach e. V. kam. Und vor zwei Jahren das Abitur gemeistert hat. „Ich habe dem Verein zu verdanken, dass sich mein großer Traum erfüllt hat, als bislang Einziger aus unserer Familie das Abitur zu schaffen.“
Vom Außenseiter zum Schülersprecher dank Coach e.V.
Bei Romy hat der Coach e. V., wie er selbst sagt, „den Förderbedarf wegbekommen“. Durch regelmäßige Besuche der außerschulische Hausaufgabenhilfsangebote am Standort Höhenberg konnte der heute 19-Jährige die Hauptschule besuchen – und einen guten Abschluss erreichen. Doch für Romy ist der Verein mehr als ein Bildungsförderer, nämlich „wie eine zweite Familie. Hier setzt sich jeder für jeden ein, alle werden gleich gut behandelt und gefördert, egal, was auch passiert.“
Ich war der Prototyp eines Problemkinds, die große Enttäuschung der Familie, frech, schlecht in der Schule, perspektivlos. Aber Coach e.V. habe ich zu verdanken, dass sich mein großer Traum erfüllt hat, als bislang Einziger aus unserer Familie das Abitur zu schaffen
Badin, 18, sagt, er hätte ohne Coach e. V. seinen Realschulabschluss nicht geschafft – und wäre jetzt nicht auf dem Berufskolleg. „Nach meinem Umzug nach Leverkusen bin ich total abgestürzt. Ich hatte im vergangenen Jahr 370 Fehlstunden – und den ernsthaften Gedanken, die Schule abzubrechen. Ich muss dazusagen: Das war das Jahr, in dem ich den Coach e. V. nicht besucht habe. Der Verein und ich, wir leben in einer Art On-off-Beziehung. Aber nachdem ich mir dann doch in den Kopf gesetzt habe, die Schule zu schaffen, besuche ich wieder regelmäßig die Lernangebote – auch wenn ich dafür jedes Mal von Leverkusen anreisen muss. Die Leute hier haben mich auf den geraden Weg gebracht. Heute bin ich, ein ehemaliger Außenseiter, sogar Schülersprecher des Berufskollegs, das muss man sich mal vorstellen! Ich würde sagen, gemeinsam sind wir auf einem guten Weg!“
Verein öffnet Kindern mit erschwertem Zugang zu Bildung Perspektiven
Miracs, Romys und Badins Erzählungen decken sich mit dem Leitbild des Coach e. V., der sich seit dem Jahr 2004 dafür stark macht, das verbriefte Recht jeden Kindes auf Bildung umzusetzen, strukturelle Diskriminierung abzubauen und junge Menschen mit erschwertem Zugang zu Bildung in ihrer persönlichen Entwicklung und Lebensplanung zu unterstützen.
Der Verein, der sich deshalb auch Kölner Initiative für Bildungs- und Chancengleichheit nennt, ist Träger der freien Jugendhilfe, der an drei Standorten in Köln (Höhenberg, Bickendorf und Ehrenfeld) rund 350 Schülerinnen, Schülern und deren Eltern kostenfrei Beratung, Lernförderung und Berufsorientierung anbietet.
Hilfe bei Hausaufgaben und der Lebensplanung
„Für den Erfolg unserer Arbeit ist es unverzichtbar, die Eltern aktiv zu beteiligen, um so dazu beizutragen, dass die Kinder auch zu Hause eine lernfördernde Alltagsstruktur erhalten. Deshalb bieten wir Eltern unter anderem Workshops zu Themen aus der (Lern-)Psychologie und Pädagogik oder Infoabende zu Schul- und Ausbildungsthemen an“, sagt Ahmet Sinoplu vom Geschäftsführungs-Trio des Vereins.
Schließlich beginnt Bildung in der Familie, doch die meisten Schülerinnen und Schüler, die den Coach e. V. besuchen, stammen aus bildungsbenachteiligten Familien, deren finanziellen Ressourcen knapp sind. Viele von ihnen haben Migrations- oder Fluchterfahrungen gemacht, leiden unter Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten, sind unsicher beim Übergang an weiterführende Schulen oder in die Ausbildung – und haben Eltern, die selbst viele Fragen zur Zukunft ihrer Kinder umtreiben.
Lernen zu Lernen - und den richgtigen Weg zu finden
Wie wichtig diese Verzahnung der Kinder- und Elternangebote ist, beschreibt Andros, 19, sehr plastisch. „Der Coach e. V. war und ist für meine Mutter wie von Gott geschickt, ihr größtes Glück. Sie war, weil sie kaum Deutsch sprach, nicht in der Lage, mich in schulischen Dingen zu unterstützen, hat sich aber nichts mehr als das gewünscht. Also ist sie unendlich dankbar, dass ich hier die nötige Hilfe erhalten habe“. Und auch der Mutter griff das Coach e.V.-Team unter die Arme, indem es sie in Fragen der Erziehung oder Lebensplanung beriet, zu Schulgesprächen, Behörden begleitete oder an andere Hilfsangebote vermittelte.
Neben der Hausaufgabenbetreuung liegt ein Hauptaugenmerk der vielen Lernförderungsangebote des Vereins darauf, die Selbstkompetenz der Kinder und Jugendlichen zu stärken. In Trainings und Seminaren bekommen sie Lernstrategien, die ihre schulische Leistung nachhaltig sichern und verbessern sollen, zur Hand. Dazu gehört unter anderem auch, feste Lernzeiten und Lernabläufe zu trainieren.
Der Coach e. V. war und ist für meine Mutter wie von Gott geschickt, ihr größtes Glück. Sie war, weil sie kaum Deutsch sprach, nicht in der Lage, mich in schulischen Dingen zu unterstützen, hat sich aber nichts mehr als das gewünscht. Also ist sie unendlich dankbar, dass ich hier die nötige Hilfe erhalten habe
„Unsere Hausaufgabenhilfe ist mehr als nur eine tägliche Hausaufgabenbetreuung für alle Fächer. Wir machen unseren Besucherinnen und Besuchern auf sie zugeschnittene, individuelle Angebote bei Defiziten, bieten Lernen lernen-Seminare an, Trainings und Lerncamps für die Zentralen Prüfungen sowie das (Fach-)Abitur an. Wir stehen in engem Kontakt zu den Lehrkräften, begleiten Eltern zu Elternsprechtagen, unterstützen Schülerinnen und Schüler bei ihrem Übergang von der Schule in den Beruf“, sagt Geschäftsführer Christoph Kahle.
Weil Mirac, Ecin, 19, deren Vater bereits die außerschulische Hausaufgabenhilfe des Kölner Vereins besucht hat, Melisa, 19, die inzwischen Jura in Heidelberg studiert, und derzeit 45 weitere Jugendliche und junge Erwachsene erlebt haben, wie sehr Coach e. V. ihren Werdegang positiv beeinflusst hat, und sie dem Verein „etwas zurückgeben möchten“, engagieren sie sich seit 2022 ehrenamtlich im Alumni-Netzwerk von Coach e. V..
Hilfe zur Selbsthilfe, oder: Gemeinsam zum guten Job
Alumnis nennen sich ehemalige Besucherinnen und Besucher des Vereins, die ihn als Botschafter „nach außen“ repräsentieren und Ansprechpartnerinnen sind für aktuelle Besucher. Sie helfen ihnen beim Einstieg ins Berufsleben, etwa als „Türöffner“ für Praktikums- und Ausbildungsplätze, und unterstützen sich gegenseitig in ihrem eigenen beruflichen Weiterkommen. Es gibt regelmäßige Treffen mit Politikerinnen und Politikern, Aktivistinnen und Experten zu verschiedenen Themen, Workshops, Stammtische und ein eigenes Alumni-Magazin. Auch Ausflüge zum Bundestag oder ins Europaparlament stehen auf der Agenda.
„Unsere Alumnis lernen aktiv, bildungs- und oder sozialbedingte Ungleichheiten abzubauen, eigene Diskriminierungserfahrungen zu reflektieren und handlungsfähig für partizipative Prozesse zu werden. Das Netzwerk motiviert zur politischen Teilhabe, fördert das Demokratiebewusstsein und die Weiterentwicklung der persönlichen Kompetenzen und Talente“, bringt es Sinoplu auf den Punkt.
Auf die Frage, welchen Werbeslogan Mirac, Badin oder Romy für den Coach e. V. erfinden würden, wenn sie müssten, schießen die Antworten ohne langes Zögern aus ihnen heraus: „Coach e. V. ist wie Ausgehen mit Freunden, nur mit Lernen“, sagt Romy. „Coach e. V., der Ort wo auch Schwächen willkommen sind“, schlägt Badin vor – und Mirac würde den Slogan des LVR leicht verändert abkupfern: „Coach e. V. – Das ist Qualität für junge Menschen“.
