Zum zweiten Mal sind beschlagnahmte Islandpferde aus Königswinter im Stotzheimer Stall Pierkes untergebracht. Dort werden sie aufgepäppelt.
Aus schlechter Haltung28 beschlagnahmte Pferde werden in Stotzheim aufgepäppelt

Heu bis zum Abwinken: Die Islandpferde haben rund um die Uhr Zugang zum Futter.
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Fressen und schlafen, in genau dieser Reihenfolge. Rund um die Uhr. Halb verhungert sind 28 Islandpferde vor drei Wochen im Stall Pierkes in Stotzheim angekommen. Das Veterinäramt des Rhein-Sieg-Kreises hatte die Tiere in Königswinter beschlagnahmt (siehe: Veterinäramt hat Haltungsverbot durchgesetzt). Seitdem hat sich der Zustand der Pferdchen sichtlich verbessert.
Die Hüftknochen stechen nicht mehr ganz so spitz unter dem struppigen Fell hervor. Vor allem: Die Tiere haben wieder Glanz in den Augen, wirken wach und neugierig.
Heidi Schwohn zupft Fell und Mist von den Pferden
Und irgendwann wird auch der Mist, der fingerdick auf Flanken und Beinen klebt, verschwunden sein. „Ich bin seit fünf Tagen am Putzen“, sagt Heidi Schwohn und zupft geduldig abgestorbenes Haar samt Kot von der Hinterhand eines Tieres. Bürsten ist zwecklos, mit dem Winterfell wird auch der Schmutz in den kommenden Wochen abgeworfen.

So sah das Pferdchen aus, als es in Stotzheim an kam: mit Mist im Fell und zu Schnäbeln gewachsenen Hufen.
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Die Pflege zeigt Wirkung. Weil der Mist nicht aus dem Fell ging, ist es stellenweise geschoren, die Hufe sind in Form gebracht.
Copyright: privat/Heidi Schwohn
Bereits im vergangenen Herbst hatte Dieter Pierkes, der mit seiner Frau Heidi Schwohn und seinem Sohn Felix einen Verkaufsstall in Stotzheim und ein Unternehmen für Pferdetransporte betreibt, Pferde aus Königswinter aufgenommen. Der Zustand der Tiere war auch damals denkbar schlecht. Auch die aktuell nach Stotzheim gebrachten Tiere sind dünn, bei acht von ihnen spricht das Siegburger Veterinäramt von „schlechtem oder sehr schlechten Ernährungszustand“.
Alle wurden tierärztlich untersucht. Einige hatten Durchfall, bei der Untersuchung von Kotproben wurden Würmer festgestellt, außerdem schädliche Keime im Darm. Der Zustand der Hufe sei „katastrophal“ gewesen. Sie waren seit Monaten nicht gepflegt worden und zum Teil so lang gewachsen, dass sich schnabelartig verformt hatten.
In zwei Touen und mit mehreren Fahrzeugen wurden die Tiere abgeholt
Was macht man mit Pferden ist so einem Zustand? Und dann gleich mit 28 Stück? Und wie bekommt man sie überhaupt von Königswinter nach Stotzheim? Mittags am 16. März sei der Anruf gekommen, berichtet Dieter Pierkes. Damit war der Rest des Tages ausgebucht. Obwohl er zwei Lkw, einen kleineren Transporter und einen Pferdeanhänger hat, mussten die Tiere in zwei Touren abgeholt werden.

Für die Ankömmlinge aus dem Rhein-Sieg-Kreis hat Familie Pierkes die Reithalle zum Stall umfunktioniert.
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Gedulidg Zupft Heidi Schwohn den vernachlässigten Tieren das verklebte Fell aus.
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Pierkes lobt die Mitarbeiter der Siegburger Kreisverwaltung: „Die haben richtig agiert und Leute besorgt, die beim Verladen helfen.“ Und zwar Leute aus der Verwaltung, die, so Pierkes, sich nicht zu fein dafür seien, durch den Dreck zu waten. Die hätten sich nicht geschont. Sein großes Kompliment: „Die sind anpackkompetent.“
Die haben richtig agiert und Leute besorgt, die beim Verladen helfen.
Währenddessen bereitete Felix Pierkes mit dem Team zu Hause die Ställe vor, denn 28 Pferde sind ja nicht so einfach unterzubringen. Zumal die Gruppen sorgsam zusammengestellt werden müssen, damit es nicht zu Streitereien und schlimmstenfalls dadurch zu Verletzungen kommt. Kleine Gruppen konnten in Offenställe einziehen, eine Stutenherde mit 16 Tieren hat in der zum Laufstall umfunktionierten Reithalle ein Dach über dem Kopf gefunden. Und fünf Hengste mussten einzeln untergebracht werden.
Hufschmied und Tierarzt waren schon bei den Pferden in Stotzheim
Der Hufschmied stand auf Abruf bereit, um die schlimmsten Fälle zumindest soweit zu versorgen, dass die Stuten wieder schmerzfrei laufen können. „Dafür musst du Leute haben, die mit einem Fingerschnippen zu kriegen sind“, sagt Dieter Pierkes. Dass die restlichen Tiere vom Edgarshof früher oder später auch beschlagnahmt werden, sei bereits im Herbst absehbar gewesen.
Das Veterinäramt hatte festgestellt, dass die Tiere dort zum Teil unter katastrophalen Bedingungen gelebt hatten. Unter anderem seien dort schlammige Ausläufe gewesen, in denen sich der Kot türmte. Jetzt stehen die Pferde in Stotzheim an gut gefüllten Raufen. „Wir haben in den letzten Wochen so viel Heu verfüttert wie in den vergangenen zwei Jahren nicht“, sagt Felix Pierkes: „Die inhalieren das Futter gewissermaßen.“ Den Isländern schmeckt und bekommt es.
Auch die Wurmkur haben sie problemlos überstanden. Ist die zusätzliche Belastung durch das Medikament nicht riskant für ein ausgehungertes Pferd? „Das Risiko mussten wir eingehen“, hat Dieter Pierkes entschieden. Denn mit den Parasiten können die Tiere nicht wieder zu Kräften kommen. „Wir beobachten sie natürlich genau“, sagt er. Bisher sei es immer gut gegangen.
Beschlagnahmungen kommen auch im Kreis Euskirchen öfter vor
Immerhin hat keines der Islandpferde Hautparasiten. „Einige leiden am Sommerekzem, aber keines hat Milben“, hat Heidi Schwohn festgestellt. Zwar werden die Neuankömmlinge soweit wie möglich von den anderen Pferden des Hofes getrennt, aber wenn eines Läuse oder einen Pilz einschleppe, könnte der gesamte Bestand mit den Parasiten befallen werden.
Dass Pferde beschlagnahmt werden, ist gar nicht so selten. Im Kreis Euskirchen kommt das ein- bis zweimal im Jahr vor, heißt es aus der Verwaltung. Aktuell habe man aber keine Pferde im Stall Pierkes untergebracht. Die Beschlagnahmung in Königswinter sei problemlos über die Bühne gegangen, berichtet Dieter Pierkes. Das habe er auch schon anders erlebt, mit Bedrohungen und Polizeieinsätzen.
Wenn wir unsere tollen Leute nicht hätten, würde das nicht gehen.
Er erinnert sich beispielsweise an einen Fall vor vier Jahren, als die Polizei auf der Autobahn einen Lastwagen gestoppt hatte. Auf der Ladefläche fanden die Beamten 14 spanische Pferde, die kaum transportfähig waren. Zwei Stunden später seien die Tiere auf dem Hof in Stotzheim gewesen. „Wir sind sehr flexibel“, sagt Dieter Pierkes und grinst. Und dann, ganz ernst: „Wenn wir unsere tollen Leute nicht hätten, würde das nicht gehen.“
Er scheint ein Mann für die besonderen Fälle zu sein, auch was – zuweilen schwierige – Transporte angeht. Und was er selbst nicht übernehmen kann, organisiert er anderweitig. In den kommenden Wochen werden die Isländer aus Königswinter das Leben auf dem Hof am Ortsrand von Stotzheim bestimmen. Viel fressen, viel schlafen, gesund werden.
Und dann soll es ihnen so ergehen wie den sechs beschlagnahmten Stuten aus dem Herbst: Die haben alle ein gutes Zuhause gefunden, teilt die Pressestelle des Rhein-Sieg-Kreises mit. Ob es wie im Fall vom vergangenen Jahr wieder eine Versteigerung geben wird, ist noch unklar, auf jeden Fall sollen die Pferde veräußert werden. Voraussichtlich Mitte, Ende Mai soll das geschehen.
Das Team in Stotzheim hat in jedem Fall bis dahin noch eine Menge Arbeit mit Pferdeputzen, Hufpflege und natürlich mit dem Heu-Ranschaffen. „Wir verdienen Geld damit“, sagt Dieter Pierkes ganz pragmatisch. Aber er sagt auch: „Wir sind Pferdeleute.“ Wenn man so lebe und arbeite wie er und seine Familie, stehe man mit Sonnenaufgang auf – und abends irgendwann sei man fertig: „Das muss man mit Herzblut machen.“
Veterinäramt im Rhein-Sieg-Kreis hat ein Haltungsverbot durchgesetzt
Bereits im Herbst vergangenen Jahres hatte das Veterinäramt des Rhein-Sieg-Kreises auf dem Edgarshof in Königswinter sechs Islandpferde beschlagnahmt. Es verhängte ein Haltungsverbot und setzte dem Tierhalter eine Frist, den Gesamtbestand aufzulösen. Dem war der Mann nicht nachgekommen. Mehrere Tierschutzanzeigen zu der betreffenden Pferdehaltung seien eingegangen, teilt das Veterinäramt auf Anfrage mit.
Die Pferde haben laut Kreis auf mehreren Weiden verteilt im Kreis gestanden und es haben zahlreiche Kontrollen stattgefunden. Warum nicht schon im Herbst sämtliche Tiere beschlagnahmt worden sind, begründet das Veterinäramt damit, dass es die Verhältnismäßigkeit beachten müsse. Dem Tierhalter solle zunächst die Möglichkeit eingeräumt werden, die Haltungsbedingungen zu verbessern.
Das Betreuungs- und Haltungsverbot umzusetzen, nehme einige Zeit in Anspruch, weil Fristen einzuhalten seien, innerhalb derer der Betroffene die Möglichkeit habe, die Maßnahmen rechtlich überprüfen zu lassen. Die 2025 beschlagnahmten Stuten seien derart vernachlässigt gewesen, dass sie dem Halter dem Tierschutzgesetz entsprechend weggenommen worden seien.

