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Sitten, Bräuche und GesetzeDemokratiebildung für zugewanderte junge Menschen im Kreis Euskirchen

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Der junge Afghane steht mit Sandra Eisermann vor einer Fotowand. In den Händen hält er sein Zertifikat.

Mustafa Muradi aus Afghanistan hatte der Besuch im NS-Dokumentationszentrum sehr erschüttert. Auch er erhielt sein Zertifikat aus den Händen von Sandra Eisermann.

30 Teilnehmer besuchten im Rahmen des Projekts „Komm mit“ zentrale Orte der Gesellschaft, um dort „Demokratie zum Anfassen“ zu erleben.

Sechs Monate lang ging es für neu zugewanderte junge Menschen quer durch die deutsche Gesellschaft und Geschichte. Es ging um Sitten und Gebräuche, um Gesetze und die Verfassung. Und allen voran um Demokratie.

Die lernt man bestenfalls nicht allein aus Büchern. Man muss sie sehen, hören, hinterfragen und erleben. Das Projekt „Komm mit – Demokratie zum Anfassen“, das die Integrationsagentur und die Servicestelle Antidiskriminierungsarbeit des DRK Euskirchen jüngst zum zweiten Mal im Auftrag der Stadt Euskirchen durchgeführt haben, macht das möglich. Die Ergebnisse und Erlebnisse wurden bei einer Feier im Café Henry der Öffentlichkeit präsentiert. Auch erhielten die 30 Teilnehmenden Zertifikate aus den Händen der stellvertretenden Bürgermeisterin Sandra Eisermann.

Es ging ins Rathaus, ins Kreishaus, in den NRW-Landtag und ans  Gericht

Das Projekt, das vom NRW-Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration im Rahmen des Landesprogramms „Teilhabe, Demokratiebildung und Extremismusprävention für junge Geflüchtete“ gefördert wird, war äußerst abwechslungsreich. So begaben sich die Teilnehmenden auf eine Reise an zentrale Orte der deutschen Gesellschaft: ins Rathaus, ins Kreishaus, in den NRW-Landtag, ans Amtsgericht und zur Polizei.

Auch standen Exkursionen zu Bildungsorten wie dem Haus der Geschichte in Bonn, der NS-Dokumentationsstelle in Köln, dem Rotkreuzmuseum in Vogelsang oder zum ehemaligen Ausweichsitz der Landesregierung in Urft an. Überall bot sich den interessierten Zugewanderten die Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen mit Politikern, Polizeibeamten, Schöffen und Museumsmitarbeitern.

Erarbeitet wurde das Programm von Judith Raß von der DRK-Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit sowie von Thomas Weber und Boris Brandhoff von der DRK-Integrationsagentur. Die Teilnehmenden seien zwischen sechs und 27 Jahren gewesen und stammten aus ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten. „Neugier, Fragen und der Wunsch, besser zu verstehen, wie Demokratie funktioniert und was sie im Alltag bedeutet“, das habe die Gruppe vereint, sagte Weber.

Viele hatten Angst vor dem Besuch der Polizeiwache

„Schicksal verbindet“, weiß Mounir Alfatwa, der das Projekt seitens des DRK Euskirchen geleitet und betreut hat. Alfatwa fungierte auch als Übersetzer ins Arabische und legte sich ins Zeug, wenn Ängste und Skepsis aufkamen: „Als der Besuch der Polizeiwache anstand, musste Alfatwa ordentlich Überzeugungsarbeit leisten, damit aus drei Anmeldungen am Ende noch 27 wurden“, heißt es in einem Bericht des DRK. „Die Leute hatten Angst. Viele musste ich mehrmals anrufen, bis sie mir geglaubt haben, dass sie auf der Wache nicht plötzlich verhaftet werden“, wird Mounir Alfatwa zitiert.

Intensiv begleitet wurde das Projekt auch von der Stadt Euskirchen, die beim Besuch im Rathaus und im NRW-Landtag Raum für Fragen und Diskurse anbot. „Es wurde gefragt, widersprochen und zugehört. Immer wieder ging es auch darum, eigene Erfahrungen einzuordnen und unterschiedliche Perspektiven auszuhalten – eine Kernkompetenz demokratischen Zusammenlebens“, heißt es in dem Bericht weiter. „Demokratie bedeutet nicht, immer einer Meinung zu sein, sondern respektvoll miteinander umzugehen“, fasste es Judith Raß zusammen.

Das Demokratie-Projekt zeigte einmal mehr: Politische Bildung lebt von Nähe, Dialog und echten Erfahrungen. Den neuen Förderantrag für ein Folgeprojekt hat die Stadt Euskirchen bereits gestellt. Thomas Weber: „Wir hoffen, dass er bewilligt wird. Damit dieses tolle und sinnvolle Projekt in die nächste Runde gehen kann.“