In den Welten der Weilerswister Autorin kostet der Teufel Rübenkraut und trägt schon mal einen rosafarbenen Einhornbademantel.
Fantasy aus LommersumBei Belladonna Cross stößt Übernatürliches auf profanen Menschenalltag

Autorin Esther Hagendorf versucht, jeden Abend ein paar Stunden an ihren Büchern zu arbeiten. Mit dem nächsten Band steht sie schon in den Startlöchern.
Copyright: Heike Nickel
Zugegeben: Eine Autorin, die von sich sagt, „Fantasy mit einem Fokus auf dunkler Romantik, Rockkultur und einem gewissen Hang zum Absurden“ zu schreiben, schmeißt das Kopf-Kino an und bedient sich aus der Klischee-Schublade. Dämonen, Satan und allerlei Okkultes? Sofort verknüpft man damit den langen schwarzen Ledermantel, fingerdicken Kajal um müde Augen und eine bizarre Ganzkörpertätowierung.
Die Frau, die die Eingangstür zu ihrem Einfamilienhaus in Lommersum öffnet, ist die lebendige Widerlegung dieses Klischees. Esther Hagendorf – schneeweiße Leinenbluse, grau melierter Bob und schicke Hornbrille – lächelt freundlich und ist es auch. Im echten Leben arbeitet sie im IT-Bereich für einen Versicherungskonzern. In der Freizeit kocht sie gerne und geht leidenschaftlich gerne auf Hardrock-Konzerte. Eine Frau mit vielen Facetten – das wird schnell deutlich.
Lommersum ist noch nicht lange die Heimatadresse der 60-Jährigen. „Wir sind letztes Jahr im August zugezogen, nachdem wir lange in Bonn gelebt haben“, erzählt sie. Sie fühle sich sehr wohl hier, die Natur und die Weite der Felder direkt vor der Haustür, das sei einfach klasse. Gewöhnungsbedürftig für eine Städterin sei allenfalls, dass man vielerorts keine Kartenzahlung akzeptiere, nur Bargeld.
Ich habe mehr Ideen, als ich jemals Bücher schreiben kann.
Vor dem Fenster ihres Arbeitszimmers steht eine Trauerweide. In den schlichten Holzregalen hinter ihrem Schreibtisch gibt allein die englische Ausgabe von Tolkiens „Herr der Ringe“ eine Idee davon, wofür Hagendorf brennt. Jeden Tag verbringe sie hier einige Stunden und feile an ihren Geschichten: „Es ist ein Hobby, in das ich viel Zeit stecke.“
Schon als Kind habe sie Tagebuch geschrieben – etwas, das Esther Hagendorf bis heute beibehalten hat. Literarisch zu schreiben sei allerdings noch recht neu für sie. „Damit habe ich vor etwa vier, fünf Jahren angefangen. Ich hatte mir vorgenommen: Wenn ich 60 bin, möchte ich etwas veröffentlicht haben. Das habe ich auch geschafft.“
Dämonen müssen sich mit Mülltrennung befassen
Unter dem Pseudonym Belladonna Cross schreibt sie an der Reihe „Unholy Kisses Memorials“. Drei Bände sind bereits im Eigenverlag bei Amazon Kindle Direct Publishing (als Print und E-Book) erschienen, ein vierter soll im Juni folgen. In ihren Geschichten erschaffe sie urbane Zwischenwelten, „in denen Mythos auf Alltag trifft“.
Dämonen müssen sich mit Mülltrennung befassen. In der „Kirche der letzten Frequenz“ werden keine Gebete, sondern Songtexte gesprochen, Headbanging inklusive. Luzifer persönlich lernt die geschmacklichen Abgründe britischer Küche und Songs von George Michael kennen. Außerdem leidet der gefallene Erzengel unter der unerträglichen Last, mythologisiert zu werden, wenn man doch eigentlich nur existieren möchte.

Das Landleben bekommt ihr gut: Esther Hagendorf genießt die Natur und die Weite der Felder, auf denen sie wilde Fasane beobachten kann.
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Die Lommersumerin hat bereits einige Bücher im Selbstverlag herausgegeben. Sie sind auf Deutsch und Englisch erhältlich.
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Die Geschichten wirken manchmal wie Drehbücher. Kurze Szenenbeschreibung, die Sätze der Protagonisten fliegen hin und her. Die Figur des Teufels mit den Herausforderungen des menschlichen Alltags zu konfrontieren, birgt allerlei Komik in sich. „Ironie und Humor sind überlebensnotwendig“, in der Literatur wie im echten Leben, so die Autorin. Woher sie die verrückten Ideen zu ihren Storys hat? „Oft lasse ich mich tatsächlich von Songs inspirieren. Luzifer ist im Metal-Bereich ja immer ein Thema.“
Oder sie stelle sich vor, dass der Teufel auf der Erde eine Anschrift mit der Hausnummer 666 haben muss. „Und dann frage ich mich, wer mag denn in 665 leben? Und so entstand die Grundidee zum dritten Band ,Nachbar mit Hörnern’“, sagt Esther Hagendorf. Auch hier geht es um Liebe – denn der Teufel hat tatsächlich ein Herz. Und das verschenkt er an viele: „Das ist keine Polyamorie. Das ist keine Untreue. Das ist Existenz auf einer Skala, für die menschliche Begriffe nie gedacht waren“, erklärt Belladonna Cross in der Einführung zum dritten Band.
Esther Hagendorf schreibt gerne einfach drauf los. Oft ändert sich der Plott noch unterwegs. Das Ganze vorab zu strukturieren, sei nichts für sie. Lieber lasse sie den Figuren freien Lauf und schaue, was sich entwickele. Am Ende gehe das immer auf. An Kreativität mangele es ihr nicht: „Ich habe so viel mehr Ideen, als ich jemals Bücher schreiben könnte.“
Am Schluss drängt sich noch eine Frage auf: In welchem Bezug steht die Autorin mit der christlichen Idee von Satan und Hölle? Glaubt sie daran? „Für mich ist Luzifer eher eine spannende Figur, die Chaos und Kreativität repräsentiert und nichts Böses.“ Und die Hölle? Die macht Hagendorf in neuen Buch kurzerhand zur Groß-WG mit Dämonen aus allen möglichen Kulturen. „Zusammengehalten wird der ganze Laden von Rentnerin Gisela“, verrät die Autorin. Hölle mit Humor eben.
Sie schreibt, damit die Welt ein bisschen lustiger und fröhlicher wird
„Belladonna Cross schreibt, wie andere lieben – mit offenen Wunden, dunklem Humor und einem Hang zur musikalischen Eskalation.“ So steht es in der Selbstdarstellung der Autorin in ihrem 2026 erschienenen Kurzroman „Multiversum mit Zimmerservice“. Ihre Geschichten seien Küsse mit Nachhall: unheilig, unvergesslich, manchmal gefährlich.
Wenn die Autorin nicht gerade Notizbücher fülle, trinke sie Kaffee, höre die Band Ghost und schreibe gegen das Vergessen an, heißt es dort weiter. Belladonna Cross alias Esther Hagendorf lebe zwischen den Welten: „Beruflich in der Strategie, seelisch im Frequenzchaos, literarisch irgendwo zwischen Neil Haiman, Vice-Magazin und schwarzer Seide.“
Ihre Geschichten ordnet die 60-Jährige im Bereich Urban Fantasy ein, einem Subgenre der Fantasy-Literatur, deren Handlungen oftmals im realen Großstadtleben platziert sind, und Paranormal Romance. Im Autorenprofil auf Amazon heißt es: „Belladonna Cross schreibt Geschichten, die nicht flüchten wollen – sondern bleiben. Die dunkel genug sind, um ehrlich zu sein. Witzig genug, um zu überleben. Und musikalisch genug, um noch Tage später im Kopf zu klingen.“ Letzteres auch, weil in ihren Büchern immer eine Playlist mit entsprechenden Songs zu der jeweiligen Geschichte zu finden ist.
Esther Hagendorf lebt mit ihrer Familie in Lommersum. Sie ist Führungskraft im IT-Bereich einer Versicherungsgesellschaft. Schreiben habe sie schon ihr ganzes Leben begleitet: „Ich schreibe, damit die Welt ein bisschen lustiger und fröhlicher wird – es ist schon alles furchtbar genug. Ich mag es nicht gewaltvoll und brutal. In meinen Geschichten ist es eher cosy und witzig.“ Ihre Bücher sind wahlweise auf Deutsch und Englisch erhältlich und können über Amazon bestellt werden.
