Es ist eine ungewöhnliche Kombination. Eigentlich geht es in den Römerthermen Zülpich – Museum für Badekultur, ja, wie der Name schon sagt, um historische Funde und antike Geschichte. Im Raum für Wechselausstellungen ist nun aber junge Kunst eingezogen, mit modernen Techniken wie Videos und Soundinstallationen und vor allem mit mutigen, frischen Ideen.
„the world we build/t“ lautet der Titel, unter dem rund 230 junge Kunstschaffende ihre Visionen für die Zukunft, aber auch ihre Ängste sichtbar und hörbar machen. Entstanden ist die Ausstellung in Zusammenarbeit mit den „Studios für kulturelle Bildung“, die ihren Sitz in der Jugendeinrichtung Cultra in Brühl haben. Träger ist der Arbeiter-Samariter-Bund.
Das multimediale Projekt „721 gestern – heute – morgen“ richtet sich in erster Linie an Jugendliche, die von der Hochwasserkatastrophe im Juli 2021 betroffen waren. Gefördert wird es von der Aktion Deutschland Hilft.
Ein „ehrliches Netz“ als Symbol für Zusammenhalt
Wer den Ausstellungsraum betritt, steht erst einmal vor einem riesigen Knäuel aus schwarzen Nylonschnüren. Ein ausgedientes Fangnetz aus dem Kölner Zoo haben Schüler des Zülpicher Franken-Gymnasiums zu einer kunstvollen Konstruktion geformt, die von der Decke hängt. „Das ehrliche Netz“ haben sie es genannt, als Symbol für Zusammenhalt. Entstanden ist das Werk in einem Workshop, der wie alle in dem Projekt von einem freischaffenden Künstler geleitet wurde.
Angehende Erzieher als Ideengeber und Kuratoren
Der Weg zur fertigen Ausstellung hielt für alle Beteiligten eine ganze Reihe Herausforderungen bereit, wie Projektleiterin Dr. Astrid Nierhoff und die künstlerische Leiterin Kerstin Neuwirth berichten. Denn konzipiert wurde die Präsentation von Schülern des Berufskollegs St.-Nikolaus-Stift in Füssenich, die dort zu Erzieherinnen und Erziehern ausgebildet werden.
Zur Vorstellung sind Jacqueline Hennrich und Nadja Zantis gekommen. Sie und ihre Mitstreiter waren Ideengeber für die jungen Künstler. Es sei nicht ganz einfach gewesen, die eigenen Vorstellungen loszulassen, sagen die beiden. Sie mussten das, was sie ausgedacht hatten, unfertig abgeben, mit dem Risiko, dass etwas ganz anderes draus wird. Aber: „Es ist wichtig, den jungen Menschen eine Stimme zu geben und Raum zu lassen“, sagt Jacqueline Hennrich.
Astrid Nierhoff formuliert es anders: „Die Älteren haben den Rahmen gesetzt und den Jüngeren dann die größtmögliche Freiheit gelassen.“ Mit dem Ergebnis, dass viele der Jungen und Mädchen sich selbst übertroffen hätten.
Sie seien beeindruckt vom Mut der Jugendlichen, waren sich die Macherinnen einig. Vom Mut, sich des schwierigen Themas Zukunft anzunehmen, viele eigene Ideen einzubringen, selbst vor der Kamera zu agieren und ihre Arbeiten schließlich dem Publikum zu zeigen.
Der Raum als dritter Kurator
Eine weitere Hürde für die angehenden Erzieherinnen: Sie mussten eine Ausstellung kuratieren, von der sie noch gar nicht wussten, was sie zeigen wird, die den vorhandenen Platz füllen, aber nicht überfüllen soll. „Der Raum ist der dritte Kurator“, erklärt Astrid Nierhoff.
Ein schwarzer Vorhang schafft eine Nische, in der die Besucher das Werden und Vergehen eines Eisbergs miterleben können. Aus Papier und Kartons, Draht und Stoff ist er entstanden. Wichtig war, dass er durch die Tür passt. Dumm nur, dass er dann doch in der letzten Biegung des Treppenhauses der Schule steckenblieb.
Also wurde er zweigeteilt und im Ausstellungsraum zusammengesetzt. „Es wäre schön, wenn man echte Eisberge auch so flicken könnte“, sinniert Nierhoff. Auf die weiße Oberfläche werden Videos projiziert, die vorbeifliegende Vögel und springende Orkas ebenso zeigen wie schmelzende Gletscher.
Beteiligte Schulen aus der Region
Bei dem Projekt haben die Gesamtschule Weilerswist, die Elisabeth-von-Thüringen-Schule und die Erich-Kästner-Realschule in Brühl, die Theodor-Heuss-Hauptschule in Erftstadt, das Hermann-Josef-Kolleg-Steinfeld sowie aus Zülpich das Franken-Gymnasium und die Karl-von-Lutzenberger-Realschule mitgemacht. Für die Jugendlichen gab es einen Shuttleservice zum Brühler Cultra.

Diese Installation ist ein Blickfang.
Copyright: Ulla Jürgensonn
Zwischen Orakel, Insekten und Mikrokosmos
Der Ideenreichtum der jungen Leute beeindruckt ebenso wie die Umsetzung. Es gibt ein Orakel, bei dem man blind auf eine Karte tippen muss. Es gibt Bilder, gemalt, gesprüht, fotografiert.
Bei einer Installation können die Besucher ihre Meinung positionieren, indem sie Teile verrücken.
Für eine Klanginstallation wurden eine Tonne und Trichter vom Schrottplatz verbaut – man kann über die Zukunft schließlich nicht nachdenken, ohne auf das Thema Nachhaltigkeit zu kommen.
In einer Vitrine werden die Insekten der Zukunft gezeigt. Mit Lupen können die Besucher die skurrilen Geschöpfe betrachten, die man je nach Geschmack furchterregend oder niedlich finden kann.
Ein großes Bild zeigt runde Ausschnitte von Alltagsgegenständen, die beim Blick durchs Mikroskop zu Himmelskörpern in einem ganz eigenen Kosmos geworden sind.
Die jungen Künstler haben vor und hinter der Kamera agiert, die unterschiedlichsten Techniken ausprobiert. Herausgekommen ist manches, was Mut macht, und manches, was schaudern lässt – die ganze Bandbreite zwischen Utopie und Dystopie eben.
Warum die Ausstellung in die Therme passt
Museumsleiterin Dr. Silvia Bruder ist gespannt, wie die Besucher der Römertherme auf die ungewöhnliche Ausstellung reagieren werden. „Es ist uns ein besonders Anliegen, Bildungs- und Wissensprojekte zu fördern, die aktuelle Themen aufgreifen und Menschen miteinander ins Gespräch bringen“ sagt Bruder.
Wobei es durchaus Logik hat, diese Ausstellung ausgerechnet in der Zülpicher Therme zu zeigen. Schließlich gingen die alten Römer – nach allem, was man heute über sie weiß – nicht nur der Körperhygiene wegen ins Bad. Dort trafen sich Denker, Senatoren und andere Politiker, um Kontakte zu pflegen und über die Fragen der Zeit zu diskutieren.
Vielleicht ist es nur konsequent, sich genau dort auch heute wieder mit der Frage zu beschäftigen, wie unsere Zukunft aussehen könnte und wie wir sie uns wünschen.
Kurz und knapp
Die aktuelle Sonderausstellung „the world we build/t – Visionen junger Kunst“ ist bis Sonntag, 20. Dezember, in den Römerthermen Zülpich – Museum der Badekultur, Andreas-Broicher-Platz 1, zu sehen. Geöffnet ist das Museum dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr, samstags, sonntags und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr. Montags ist es geschlossen. Der Eintritt kostet 7,50 Euro, ermäßigt 6 Euro.
Am Sonntag, 1. November, 15 Uhr, gibt es eine Familienführung durch die Sonderausstellung. Drei Wochen später, am Sonntag, 22. November, ist von 11 bis 16 Uhr Familientag im Bademuseum. Auch da gibt es eine Führung durch die Ausstellung, ergänzend hinzukommen Workshops zu Themen wie der Upcycling-Werkstatt oder zum Zeichnen mit dem 3D-Stift.
www.roemerthemen-zuelpich.de

