- „Wenn du aus Heinsberg kommst, bist du verseucht”: Solche Sätze müssen sich unter anderem Handwerker aus Heinsberg anhören, die keine Aufträge mehr bekommen.
- Denn Heinsberg ist das Epizentrum der Coronakrise in Deutschland. Der Kreis ist im absolute Ausnahmezustand.
- Eine schwere Aufgabe für Landrat Stephan Pusch, der die Krise managen muss. Wie geht er mit der schwersten Aufgabe seiner Amtszeit um?
- Ein Porträt.
Heinsberg – Die Bürger des Kreises Heinsberg nennen ihren Landrat inzwischen „Papa Pusch“ und überschütten ihn mit Lob: höchster Respekt, super Arbeit, großartiger Job, großer Dank. Seine Videobotschaften zur Coronakrise werden zehntausendfach geklickt. „Natürlich freut mich das“, sagt Stephan Pusch. „Ich bin doch kein Eisklotz, sondern ein sehr emotionaler Mensch.“
Vor allem ist der CDU-Politiker aber ein Krisenmanager. Einer, der zuhört und zupackt, der den Führungskräften im Kreishaus über Jahre gespiegelt hat, dass er keine Abnicker und Ja-Sager um sich herum haben will. „Ich erwarte, dass mir meine Leute unverblümt sagen, wie sie die Lage beurteilen. Wir sprechen untereinander völlig offen, auch mit den Bürgermeistern unserer Gemeinden.“ Irgendwann komme dann aber ein Punkt, „an dem ich dann angeguckt werde: Was sagt denn jetzt der Landrat dazu?“
Verhältnisse gerade rücken
Drei Wochen nach dem Ausbruch der Krise sitzt Stephan Pusch (52) in seinem Arbeitszimmer im Kreishaus, hinter ihm ein wandgroßes Foto vom Förderturm der ehemaligen Zeche Hückelhoven. Pusch trägt ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift #hsbestrong. Sei stark, Heinsberg. Ein Heinsberger Unternehmer hatte die Idee, in Zeiten von Corona ein Zeichen zu setzen. Die Spenden aus dem Verkauf der Shirts sollen einem zweijährigen Jungen zu Gute kommen. Ben braucht das Geld für eine überlebenswichtige Behandlung.
„Der Junge leidet an einer seltenen Erkrankung, die zum Muskelschwund führt“, sagt der Landrat. „Er braucht in den nächsten drei Monaten eine Spritze, damit er das 20. Lebensjahr überlebt.“ Die Spezialbehandlung in den USA kostet zwei Millionen Euro. Man habe die Aktion bewusst mit der Coronakrise gekoppelt. „Wir wollen damit zeigen: Wir hier im Kreis Heinsberg bleiben solidarisch. Und wir wollen damit auch die Verhältnisse ein wenig gerade rücken.“
Ein Wir-Gefühl entwickelt
Genau das macht Puschs Krisenmanagement aus: Der Landrat beschönigt nichts. Er ordnet ein, sortiert und gibt den Bürgern Handlungsempfehlungen. Weil er seit 16 Jahren im Amt ist, kennen ihn die Heinsberger und Pusch weiß, wie sie ticken. „Wir haben einfach Glück gehabt, dass die beiden Fälle von der Karnevalssitzung aus Gangelt schnell erkannt wurden. Das hat uns einen Vorsprung verschafft. Zwei Wochen später hätten wir die Infektionsketten so nicht mehr in den Griff bekommen.“

Stephan Pusch, Landrat des Kreises Heinsberg, erweist sich als guter Krisenmanager
Copyright: Stephan Pusch
Diese schnelle Reaktion habe sehr dazu beigetragen, dass die Menschen nicht in Panik geraten sind. Im Gegenteil: „Wir haben hier sehr schnell ein Wir-Gefühl entwickelt“, sagt Pusch. „Ich könnte hier nach drei Wochen nicht so locker sitzen, wenn die Bevölkerung draußen vor dem Kreishaus stehen und demonstrieren würde.“
Der Coronavirus sei „eigentlich harmlos, was die Krankheitsverläufe angeht“, sagt Pusch. „Vielleicht sogar harmloser als die Grippe.“ Das eigentlich Kritische seien die Beatmungskapazitäten in den Kliniken für die Menschen, die schwer erkranken. „Ein Corona-Patient liegt mehr als zwei Wochen auf der Intensivstation. Deshalb müssen wir alles versuchen, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Der Rest ist auch sehr viel irrationale Angst.“
Eine Angst, die zu absurden Stigmatisierungen führt. Bei Pusch melden sich Unternehmer aus dem Kreis Heinsberg, die keine Aufträge mehr bekommen. „Da werden Handwerker nicht aufs Betriebsgelände gelassen. Nach dem Motto: Wenn du aus Heinsberg kommst, bist du verseucht.“
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In solchen Momenten könnte Pusch aus der Haut fahren und greift zu dem Mittel, das sich in der Krise sehr schnell bewährt hat. Seine Sprecherin steckt in seinem Büro dann ein Mikrofon an ein Wasserglas und „Papa Pusch“ versendet eine spontane Videobotschaft. „In einem Rutsch. Wie mir der Schnabel gewachsen ist.“
Unter der Dusche sei ihm eingefallen, dass er Udo Lindenberg um einen Mutmacher bitten könnte. „Weil wir hier doch wirklich durch schwere Zeiten gehen, aber irgendwann selbst der größte Scheiß vorbei ist und ich hier ja auch gerade mein Ding machen muss.“ Lindenberg hat prompt reagiert und Pusch hofft nun, dass die Heinsberger im Juni „eine große Auferstehungsfeier“ machen können – beim Open-Air-Konzert von Lindenberg im Borussia-Park in Mönchengladbach.
Ein Stück Normalität schaffen
Solche Aktionen, glaubt Pusch, brächten ein Stück Normalität ins Leben, das derzeit aus den Fugen zu geraten scheint. Aus diesem Grund ist er davon überzeugt, dass man in der Krise alles vor Ort regeln sollte, „was wir hier einfach besser können, weil wir nah an den Menschen sind“.

Die Stadt Heinsberg war vom Coronavirus als Erstes betroffen.
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Der örtliche Krisenstab habe in Absprache mit dem Land sehr früh über die Schließungen der Schulen und Kitas entschieden, „aber wenn wir hier regeln sollten, welche Krankenhäuser Intensivbetten zur Verfügung haben, um schwere Fälle aufzunehmen, sind wir überfordert“. Das müsse das Land entscheiden. „Bisher läuft das über die Leitstellen und die telefonieren sich die Finger wund.“
Nach drei Wochen Krisenmanagement mit fünf Stunden Schlaf pro Nacht wird Landrat Pusch am Wochenende in den Standby-Modus gehen. „Ich habe fünf Jungs, von denen drei noch recht klein sind. Die Zwillinge sind sechs, der Jüngste fünf.“ Mit den Kindern Fußball spielen, entspannen, ein bisschen runterkommen. Damit es am Montag weitergehen kann – mit „Papa Pusch“, dem Krisenmanager.


