Selbsttest in BurscheidWie es sich für junge Menschen anfühlt, plötzlich alt zu sein

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Tag der Pflege Burscheid_001

Hier stecktPflege-Azubi Alina Welesch im Senioren-Anzug, auch die Reporterin hat sich der Prozedur unterzogen.

Burscheid/Leichlingen – Ausgestattet mit Plakaten, Rosen und Luftballons ziehen die Auszubildenden der Pflegeakademie Hasensprungmühle in Richtung Leichlinger Marktplatz. Heute, am Tag der Pflege, haben sich alle passend verkleidet: Die einen mit Gehstock, Rollator und Verband, um Patienten darzustellen, die anderen tragen lange Kleider, Hauben und Schürzen, um Pflegerinnen der unterschiedlichsten Epochen zu verkörpern.

Auf dem Marktplatz angekommen veranstalten die Nachwuchskräfte einen demonstrativen Flashmob, um ihren Beruf zu präsentieren. „Wir sind nicht nur Altenpfleger. Wir sind Vorleser und Unterhalter. Wir sind zum Lachen da und bleiben zum Trösten. Wir sind ein Stück Familie und vor allem sind wir immer für euch da“, kann man auf den erhobenen Plakaten der Auszubildenden lesen. Auf dem Marktplatz steht außerdem eine Box bereit, in die Zettel mit Wünschen, von und an Pflegekräfte, geworfen werden können.

Trotz großer Ankündigung der Veranstaltung erscheinen nur wenige Menschen auf dem Marktplatz. „Pflege oder Kranksein ist gerne ein Thema, das man ausblendet“, sagt Katharina Bettermann-Osenberg, Dozentin an der Pflegeakademie. Jeder brauche irgendwann mal Pflege, doch die Leute würden das vergessen.

Warum die Azubis Pfleger werden wollen

„Es ist der beste Beruf, den ich mir vorstellen kann. Ich möchte die Menschen auf der letzten Stufe ihres Lebens begleiten“, sagt Agnieszka (40), die im ersten Monat ihrer Pflegefachkraftausbildung ist. „Ich möchte irgendwann Profi in meinem Job sein. Immer mehr Menschen müssen gepflegt werden und deshalb brauchen wir mehr Leute, die in dieser Branche arbeiten wollen“, so Agnieszka.

Auch Marco Sonnenschein (39) sagt, ehrliche Dankbarkeit bekomme man in kaum einem anderen Job. Sonnenschein hat den Beruf gewechselt, ist jetzt Auszubildender – und will am liebsten Kinderkrankenpfleger werden. Er ist Vater und sagt von sich, er habe das „chronische-Helfer-Syndrom“.

Hautnah das Alter erleben

In weißer Kleidung – der Symbolfarbe für die Pflege – finden sich unterdessen in Burscheid die Pflegeberaterinnen Cosima Mai und Ute Scharf an einem Informationsstand zusammen. Hier soll vor allem die Unentbehrlichkeit der Berufssparte in Erinnerung gerufen werden. „Es gibt nicht nur immer mehr ältere Leute, sondern auch immer mehr Angehörige, die auf Grund räumlicher Distanz nicht mehr in der Lage sind, ihre Familie zu pflegen“, sagt Scharf.

Die meisten Bedürftigen würden zuhause wohnen bleiben wollen, so die Beraterin. Um das ermöglichen zu können, bräuchte man mehr Menschen, die den Beruf des Pflegers ergreifen würden. „Den Wunsch des Einzelnen umzusetzen, ist zunehmend eine große Herausforderung“, sagt Cosima Mai. Die kostenlose Pflegeberatung sei außerdem wichtig, um Ältere auf Seniorenangebote hinzuweisen.

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Neben der Aufklärungsarbeit, die hier geleistet wird, gibt es auch die Möglichkeit in die Rolle einer eingeschränkten Person zu schlüpfen. Ein Alterssimulator soll mit Gewichtweste, Gelenkbinden, Brille und Kopfhörern einen Einblick in das Leben älterer Menschen gewähren. Nicht nur der Gleichgewichtssinn ist durch die trübe Wahrnehmung gestört, man ist in der Fortbewegung auch deutlich eingeschränkt. Multi-Tasking-Übungen, bei denen man in gesamter Montur laufen und Fragen beantworten soll, zeigt wie schwierig die Koordination ist, wenn man gehandicapt ist.

Wer den Alterssimulator anlegt, kann sich nur noch mühsam bewegen. Auch die Reporterin testet ihn. Die Gelenke schmerzen, die Sicht ist getrübt, es ist, als würde der Boden schwanken. Mit jedem Schritt wird es anstrengender, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Einfache Aufgaben werden schwierig und misslingen. Zu laufen und sich gleichzeitig zu unterhalten funktioniert nur mit größter Anstrengung. Einen Ball zu fangen gar nicht.

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