Jens Singer fehlt das Chaos im mittlerweile zwei Jahre im Voraus durchstrukturierten Karneval. Er tritt von der Bütt ab.
„Dä Schofför des Kanzlers“Schlebuscher Redner zwischen Bütt und Berlin hört auf

Jens Singer alias „Dä Schofför des Kanzlers“ in der Schlebuscher Fußgängerzone
Copyright: Bert-Christoph Gerhards
„Wir wissen nicht, ob Friedrich Merz durchhält und wer in zwei Jahren im Kanzleramt sitzt. Aber wir wissen, welche Band am zweiten Januarsamstag 2028 um kurz nach zehn im Gürzenich auf der Bühne steht.“ Weil ihm das zu blöd ist, weil dem Sitzungskarneval mittlerweile das „Ungeplante, Wilde, Unvorhersehbare, Bekloppte“ fehle, quittiert der „Schofför des Kanzlers“ den Dienst. Am Karnevalsfreitag hatte der in Leverkusen aufgewachsene Jens Singer seinen letzten Auftritt als Büttenredner im Kölner Karneval.
Geplant hat er den Rückzug schon im vergangenen Jahr zur Zeit der Bundestagswahl, sagt der Schlebuscher im Gespräch mit dieser Zeitung. „Das muss man ja so machen, weil man sich mittlerweile im Kölner Karneval zwei Jahre vorher in die Pflicht nehmen lassen muss.“ Öffentlich bekannt gegeben hat er seinen Rücktritt aus der Bütt erst kurz vor seinen letzten zwei Auftritten am Freitag über seine Facebook-Seite. „Ich will keinen Abschied.“

Dä Schofför des Kanzlers 2022 im großen Saal des Gürzenich in Köln.
Copyright: Costa Belibasakis / Festkomitee Kölner Karneval
Ursprünglich sollte es nur „eine kleine Spielerei“ sein. Mal ausprobieren, ob in Zeiten, in denen sich der Karneval immer mehr zum Partyevent entwickelt, noch Platz ist für einen „richtig politischen Typenredner“. Skepsis hat er vorher viel erfahren: „Man will unbeschwert feiern und nix hören von der Politik“, hat man Singer gesagt. Und doch hat man dem 2008 als „Schofför der Kanzlerin“ gestarteten Redner gerne zugehört. Vom Frühschoppen bei den Opladener Altstadtfunken bis zur großen ARD-Rosenmontagssitzung.
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Vielleicht auch gerade, weil er nah dran ist an der Bundespolitik. Der promovierte Jurist arbeitet in der Berliner Bundestagsverwaltung. Als er vor 18 Jahren anfing, zwischen Bundestag und Bütt, zwischen Berlin und seiner rheinischen Heimat zu pendeln, habe er natürlich Sorge gehabt, ob „Dä Schofför der Kanzlerin“ viel zu nah dran sei an seinen dienstlichen Verpflichtungen im Ministerium. „Das gibt Ärger, war meine Befürchtung“, sagt Singer, falls in Berlin überhaupt jemand registriert, was er „da am Rhein anstellt“.
Registriert wurde er, aber ohne Ärger. Anfangs habe es allenfalls ein paar „herablassende Kommentare von den Minderleistern der Bürokratie“ gegeben, später dann seien immer mehr Bitten aus der Politik gekommen: Schreib mir doch bitte auch eine Rede für Karneval oder Aschermittwoch. „Ihr würdet euch wundern, wo überall ‚Singer‘ drin ist“, deutet er nur an – um kurz später Lars Klingbeil darauf aufmerksam zu machen, dass er ihm noch eine versprochene Flasche Rotwein schulde.

Andere Bühne: Jens Singer (Roter Kreis) als Jurist im Bundestag, damals noch unter Kanzlerin Merkel.
Copyright: Deutscher Bundestag
Singer verlässt die Bütt nicht im Zorn, sondern weil es an der Zeit sei. Dennoch spart er zu seinem Abschied nicht mit Kritik. Etwa an der Institutionalisierung des Karnevals: „Karneval ist geordnetes Chaos und chaotische Ordnung zugleich oder sollte es zumindest sein, denn sonst droht Langeweile und Vorhersehbarkeit, und die finde ich protestantisch.“ Früher hätten Bands und Redner sich mit Auftritten ihr Hobby finanziert, heute wollen immer mehr ihren Lebensunterhalt im Karneval verdienen, deswegen auch die immer langfristigere Planung. „Der Preis der Kommerzialisierung ist ein Angriff auf die Amateure“, sagt Singer im Gespräch. Und auf die Ehrenamtler in den unzähligen Karnevalsvereinen, die versuchen, noch Sitzungen oder Züge auf die Beine zu stellen: „Die fragen sich ja zu Recht: Sind wir die Doofen in der Geschichte?“.
Das alles stört Singer, er wünscht sich mal wieder eine Sitzung, „in der was Unerwartetes passiert, die aus dem Ruder läuft“. Das alles aber sei nicht seine größte Herausforderung in der letzten Zeit gewesen. Auch nicht die Akzeptanz seiner Aussagen: „Ich durfte auch immer alles sagen, was ich wollte. Der WDR hat dann eben nur das gesendet, was auf seiner politischen Linie lag.“ Sondern: die Deutsche Bahn. „Es gibt keinen schnellen und zuverlässigen Verkehrsträger mehr zwischen Berlin und dem Rheinland. Die Inlandsflüge sind politisch kaputtgemacht worden und zwar ohne Alternative. Auch in dieser Session war kein einziger Zug pünktlich.“ Auch zum Gespräch erreichen wir ihn im stehenden ICE – irgendwo zwischen Bochum und Gelsenkirchen: Personenschaden, heißt es.
Am Rosenmontag fährt er, wie immer, auf dem Wagen der KG „Fidele Jonge“ durch Köln. Als Jens Singer, nicht als Schofför. „Weil das Festkomitee den Rednern verbietet, in ihrem Bühnenoutfit mitzufahren.“ Noch so ein Fall von Regulationswahn gegen Karnevals-Chaos. Am Aschermittwoch werde er, wie jedes Jahr, „in ein tiefes Loch fallen“. Und aus dem aber auch wieder rauskriechen. Für seinen „geliebten Karneval“ wird der Leverkusener auch künftig die schwierige Reise in Kauf nehmen. Vielleicht nimmt er dann einfach ein anderes Gefährt als die Deutsche Bahn: „Ich hätte Bock auf Wagenbau!“, sagt er. Geht wohl auch nicht schneller, macht aber mehr Spaß.

