- Zwei Wochen Urlaub: An Wegfahren ist nicht zu denken.
- Wie unsere Autorin ihre Wohnung neu entdeckt hat und sich endlich dem lange vernachlässigten Leo Tolstoi gewidmet hat, erzählt sie im neuen Teil unserer Kolumne. Es lebe die neue Heimeligkeit.
Leverkusen – Drei Tage lang währte das Gefühl von Stolz, als ich in der letzten Woche mein erstes selbstgebackenes Brot aus dem Ofen zog. Dazu gab es selbstgemachten Aufstrich und Käse vom Markt. Die Tulpen auf dem Küchentisch reckten ihre Hälse in Richtung Sonne. Zu guter Letzt machte es sich auch noch eine verirrte Ente auf dem Balkon bequem. Märchenhaft-kitschige Idylle inmitten von Corona.Noch im Februar lautete der Plan, mit dem Zug von Florenz über Bologna bis nach Rom zu fahren. Wir wollten gut essen, Geschichte erleben und einfach rauskommen. Streiche ich den letzten Punkt, ist dieser Plan auch zu Hause aufgegangen.
Es gab Fenchel mit Ziegenkäse, vegetarische Bolognese, opulentes Frühstück, lächerlich gesunde Smoothies. Die Geschichte sog ich zwischen zwei Buchdeckeln auf. Leo Tolstoi und ich, wir haben eine Weile gebraucht, um Freunde zu werden. Aber als sich zwei Wochen Urlaub zu Hause ankündigten, wusste ich, unsere Zeit war gekommen.
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Nach 250 Seiten des Wälzers „Krieg und Frieden“ begann ich mich zwischen Ballsälen und Kriegsschauplätzen langsam zurechtzufinden. Ab Seite 400 war ich endgültig warm mit den Familien Besuchow, Bolkonski und Rostow. Das Durchhalten hat sich gelohnt. Tolstoi und ich haben unseren Frieden geschlossen. Dank Corona.
Alte Möbel neu entdeckt
Wenn ich genug hatte von der Reise durch Russlands frühes 19. Jahrhundert, bastelte ich an Fotoalben. Ich ordnete nach Kategorien, nach Orten, dann chronologisch – und verzweifelte fast daran, den tausenden Bildern auf meinem Laptop ein System zu geben. Inzwischen sind die ersten 150 Fotos ausgedruckt und eingeklebt.
In den verbleibenden Tagen habe ich eine Wand gestrichen und eine Kommode. Die Wand ist gelungen, die Kommode landete in den Kleinanzeigen. Wie ein ruheloser Geist wanderte ich oft durch die Wohnung und betrachtete jeden Winkel kritisch. Jeden Tag auf eine graue Couch zu schauen macht sie nicht schöner. Irgendwann war ich überzeugt eine Tagesdecke zu brauchen. Auch für 150 Euro, ja. Einen Schritt zurücktreten, die Couch einige Tage links liegen lassen. Und begreifen, dass 150 Euro für eine Tagesdecke Blödsinn sind und die Couch auch so schön ist. So ist das dieser Tage mit vielem. Möbeln – oder dem eigenen Lebenspartner. Zu viel Zeit bringt ins Grübeln. Mit etwas Abstand stellte ich dann aber immer wieder fest: Himmel, was hast du es gut.



