Die Podiumsgäste versuchten die Erfolgsgeschichten der Flüchtlingsarbeit hervorzuheben. Dabei steht Leverkusen vor enormen Schwierigkeiten.
„Schlittern von Krise in Krise“Politik und Zivilgesellschaft diskutieren Flüchtlingssituation in Leverkusen

Auf dem Podium des Bürgerdialogs Lev über die Flüchtlingssituation (v.l.n.r.): Vorsitzende des Integrationsrates Fatma Kisikyol, Sozialdezernent Alexander Lünenbach, Stadtdechant und Moderator Heinz-Peter Teller, Vorstand der Arbeiterwohlfahrt Petra Jennen und Flüchtlingsrats-Sprecherin Rita Schillings.
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„Wenn ein Mensch aus seiner Heimat flüchtet, dann hat er erstmal keine Lebensperspektive“, sagte Fatma Kisikyol, Vorsitzende des Integrationsrates, zu Beginn des „Bürgerdialogs Lev“ und verdeutlichte damit, dass es immer um Menschen geht, wenn über Integration, Kosten und Asyl gesprochen wird. Am Dienstag, dem 9. Mai, haben Verantwortliche der Leverkusener Flüchtlingspolitik im Jugendhaus Rheindorf über die Situation von Zugewanderten in der Stadt diskutiert.
Lobeshymnen auf die Leverkusener Flüchtlingsarbeit
Dass Geflüchtete nach Deutschland kommen wollen und sich hier größtenteils wohlfühlen, sieht die Integrationsrats-Vorsitzende als Zeichen dafür, dass sich die Bundesrepublik gut um sie sorgt: „Auch Leverkusen macht sehr viel richtig.“
Damit traf sie den Gesprächston des Abends. Vor etwa einem Dutzend Gästen, darunter Ratspolitiker und Menschen aus der Flüchtlingsarbeit, betonten die Podiumsgäste in erster Linie die Erfolge, anstatt sich mit den Problemen der kommunalen Flüchtlingsarbeit der vergangenen Jahre zu beschäftigen.
„Nicht von Krise in Krise schlittern“
Lediglich Petra Jennen, Vorstand der Arbeiterwohlfahrt, wies darauf hin: „Es gibt natürlich auch eine Vielzahl von Problemen, bevor wir jetzt hier in einer rosaroten Wolke versacken.“ Die mangelnde Anerkennung von Bildungsabschlüssen, die schleppende Vergabe von Aufenthaltsgenehmigungen, Terminprobleme im Ausländeramt und den Fachkräftemangel in den Ämtern nennt sie als Beispiele. Dass Leverkusen nicht alleine vor diesen Problemen steht, machte der Flüchtlingsgipfel im Bundeskanzleramt am Mittwoch deutlich.
Rita Schillings, Sprecherin des Flüchtlingsrates, wies auf die Tatsache hin, dass es zukünftig immer mehr Fluchtbewegungen geben wird, etwa auf Grund des Klimawandels und der damit verbundene Mangel an Wasser und Erntegut: „Als den Flüchtlingsrat vor 33 Jahren gegründet haben, war die weltweite Flüchtlingszahl bei zwei Millionen. Heute sind es mehr als 100 Millionen.“
Das stelle die Stadtverwaltung, aber auch die Zivilgesellschaft Leverkusens vor neue Herausforderungen. Dabei betonten die Podiumsgäste wiederholt die Notwendigkeit neuer Arbeitskräfte in der Pflege, im Handwerk, in den Ämtern. Daher müsse man die Zuwanderung als Chance sehen und sich zukunftsorientiert aufstellen, um nicht von Krise in Krise zu schlittern, so Schillings.
Keine Tsunamiwelle, sondern gelebte Praxis
Diese Erkenntnis der steigenden Flüchtlingszahl spiegelte sich in den Zahlen wider, die Sozialdezernent Alexander Lünenbach mitgebracht hatte: Etwa 32.000 Menschen mit Einwanderungsgeschichte leben derzeit im Leverkusener Stadtgebiet. 13.000 von ihnen kamen allein in den vergangenen fünf Jahren dazu, betonte Lünenbach. Der kleinste Teil von ihnen sind Geflüchtete, nämlich etwa 4600 Menschen aus rund 50 Ländern.
Lünenbach lobte das Engagement der Leverkusener. Von den 2000 Geflüchteten aus der Ukraine leben 1600 bei nicht in Flüchtlingsunterbringungen, sondern bei Privatpersonen oder in eigenen Wohnungen in Leverkusen: „Das ist ein Verdienst der Gesellschaft, womit die Stadt nichts zu tun hat. Und es zeigt, dass das nicht wie eine Tsunamiwelle auf Leverkusen gekommen ist, sondern die Willkommens-Kultur und gelebte Praxis der letzten Jahre hat dazu geführt, dass wir damit klarkommen.“
Der Veranstalter und Leiter der Volkshochschule Leverkusen nannte es einen Zufall, dass die Podiumsdiskussion einen Tag vor dem Flüchtlingsgipfel in Bundeskanzleramt stattfand. Dort kam der Bund der Forderung der Länder nach, seine Finanzhilfe für die Unterbringung und Versorgung von Geflüchteten 2023 um eine Milliarde Euro aufzustocken. Wie viel davon in Leverkusen ankommen wird, muss sich noch zeigen. Fest steht, dass das Geld keineswegs die Probleme der kommunalen Flüchtlingspolitik lösen wird.
