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KonzertKubanische Sounds im Erholungshaus – Marialy Pacheco trifft WDR Funkhausorchester

4 min
Im Erholungshaus spielen Marialy Pacheco und das WDR Funkhausorchester ein Konzert voller Energie, dass immer wieder überrascht.

„Ich habe immer eine schöne Zeit in Leverkusen“, sagt Pianistin Marialy Pacheco.

Kubanische Rhythmen, ein präzises Orchester und eine Künstlerin im Dialog mit dem Moment: Im Erholungshaus spielen Marialy Pacheco und das WDR Funkhausorchester.

„Ich verstehe mich nicht als Person, die im Vordergrund steht. Ich bin nur der Kanal, durch den die Musik zum Publikum fließt“, sagt Marialy Pacheco. Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch ihr musikalisches Selbstverständnis. Im Bayer Erholungshaus in Leverkusen trifft an diesem Abend Präzision auf Spontaneität, Struktur auf Freiheit, Klassik auf Jazz.

Und mittendrin eine Pianistin, die all das nicht trennt, sondern miteinander verbindet. Für sie gibt es keine festen musikalischen Grenzen, keine klar abgegrenzten Genres. Alles gehört zu einem einzigen großen Zusammenhang, einem „Universum der Musik“, wie sie selbst sagt. Die 43-Jährige hat diese Spannung selbst durchlebt: 13 Jahre klassisches Klavierstudium in Kuba, geprägt von strengen Regeln und  Leistungsdruck. „Man muss der Beste sein. Man hat keine Wahl“, sagt sie.

2005 nahm sie ihr erstes Album in Deutschland auf, bereits seit acht Jahren ist ihr zu Hause in Dortmund. Beim Startfestival war sie schon mehrfach zu Gast, sowohl alleine als auch mit dem ehemaligen ESC-Teilnehmer Max Mutze. „Ich habe immer eine schöne Zeit in Leverkusen. Heute nehme ich die Zuschauerinnen und Zuschauer mit in eine völlig andere Welt“, sagt sie lachend.

Klang wie Sonnenlicht

Im Konzert im Bayer Erholungshaus wird genau das hörbar. Das WDR Funkhausorchester unter Daniel Geiss eröffnet den Abend. Marialy Pacheco kommt später hinzu. „Guten Abend an euch alle. Moin, Moin, wie geht es euch?“ „Danke, dass ihr da seid.“ Kein Abstand, keine Rolle, die sie erst aufbaut. Sie zeigt sofort pure Lebensfreude. 

„Mi Azul“, der Titeltrack von ihrem, gleichnamigen Album beginnt mit einem einfachen Gedanken: Sonne, als innerlicher Zustand. „Auch wenn draußen Kälte herrscht, in mir ist meine Sonne.“ Blau, Himmel, Weite. Es klingt hell, ohne laut zu werden, wie ein Sonnenstrahl, der sanft das Gesicht kitzelt. 

Rhythmus, der den Saal erfasst

Zwischendurch gibt Marialy Pacheco kleine Anekdoten zum Besten. Sie erzählt von ihrem Bruder in Norddeutschland, ebenfalls klassisch ausgebildet. „Er ist hyperaktiv und kann nicht ruhig bleiben“, sagt sie und lacht. Vor der Pause noch ein weiteres Stück, das sie als von Voodoo-Ästhetik inspiriert beschreibt. Es beginnt schwer, fast starr, wird dann beweglicher, rhythmischer, raumgreifender. 

Nach der Pause geht es wilder weiter. Klavier und Bongos treten in einen schnellen Austausch, fast wie ein Dialog ohne Distanz. Marialy Pacheco bewegt sich mit, bleibt im Moment. „El Manisero“ bringt einen klaren Bezug nach Kuba: ein Son-Pregón von Moisés Simons, ursprünglich ein kubanischer Straßenhändlersong aus den 1920er-Jahren, der international zum Standard wurde.

Ich kann nicht ohne die Bühne. Es ist wie Nahrung für meine Seele.
Marialy Pacheco, Pianistin und Komponistin

Das Publikum bleibt nicht statisch sitzen, sondern geht sichtbar mit. Einzelne Köpfe nicken im Takt, Füße wippen unter den Stühlen, Schultern „swingen“. „Mit dem Orchester wissen wir genau, was wir spielen. Aber ich versuche in dieser Ordnung auch den Raum für Freiheit zu schaffen. Ich glaube an die Energie, die mir das Publikum gibt und kann mich spontan darauf einstellen,“ sagt Marialy Pacheco.

Musik ohne Ego

Für das Zusammenspiel mit dem Orchester bedeutet das vor allem eines: Vertrauen. Vieles ist festgelegt, sagt sie, aber innerhalb dieser Ordnung entsteht Freiheit, wenn alle Beteiligten loslassen. Und dann kommt noch etwas, das über die Musik hinausgeht. Die Bühne, sagt Marialy Pacheco, sei für sie viel mehr als nur ein Ort „Ich kann nicht ohne die Bühne. Es ist wie Nahrung für meine Seele.“ In der Pandemie hat sich das sehr vermisst. Kein Auftritt, kein Publikum, nur Üben zu Hause. „Es hat etwas gefehlt und ich habe nur Leere gespürt.“

Im Erholungshaus strahlt Marialy Pacheco den ganzen Abend. Diese Energie sei einfach da, sagt sie. „Das Klavier ist alles für mich. Es ist mehr als ein Beruf. Es ist meine Berufung. Es füllt mich mit Liebe, mit Freude am Leben und ganz viel Glück.“ Mit lautem Applaus dankt das Publikum  und verlässt beschwingt von den lebendigen Rhythmen den Saal.